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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Das wollte ich eigentlich vermeiden«

Coma live in Köln

Das Produzenten-Duo Coma liefert bei seinem Heimspiel in Köln eine ins Detail stimmige Show ab. Bis das Publikum alles kaputt und dadurch noch viel besser macht.
Geschrieben am
7.12.2016, Köln, Gebäude 9

Wenn man jetzt draußen stehen würde, in der kalten Nachtluft vor dem Club, dann würde man dieses Wummern hören. Dieses mächtige Drücken und Surren, bei dem man denkt, der ganze Laden würde wackeln und das einen merkwürdig nervös macht. Es würde immer lauter werden bis man endlich reingeht und reingeschmissen wird in ein breites Klangbild, das jede Frequenz im Ohr kitzelt und irgendwo in der Magengegend den Takt in den Körper presst. Denn genau so fühlt sich das heute im Gebäude 9 an. Wie in einem Techno-Schuppen. Marius Bubat und Georg Conrad von Coma scheinen ihren Sound aus den vielen Reglern und Knöpfen, die vor ihnen aufgebaut sind, zu drehen, um ihn dann im Farb- und Lichtgewitter der Visuals aufs Publikum zu werfen. Die Leute danken es ihnen mit der Art smoothen Bewegungen, dass die Stimmung eines Mittwochabends absolut nicht mehr angemessen ist. So kommen bei den rund 350 Gästen zwanghaft Wochenendgefühle auf.

Gläser klirren, lautes Lachen. Vor dem Konzert herrscht bereits ausgelassene Cocktail Party Atmosphäre. Einige der vereinzelt ankommenden klassischen Konzertgänger- Grüppchen wirken sichtlich verwirrt. Irgendwie scheint hier jeder jeden zu kennen. Wo normalerweise leise getuschelt wird, plappert ein fröhliches Knäuel an Menschen jeden Alters laut vor sich hin und man stößt alle 5 Minuten mit jemand anderem an. Für viele Kölner, die irgendwas mit Musik zu tun haben, hat der heutige Abend auch etwas Offizielles. Wenn Coma spielen, geht man hin. Fast unbemerkt schleichen sich währenddessen Bubat und Conrad samt neuem Live-Schlagzeuger auf die Bühne.

Als die erste Bass Drum einsetzt, setzten alle Gespräche aus. Auf einen Schlag wird die Uhr um Stunden nach vorne gedreht, von der Cocktailparty in den Technoclub. Der erste Track »Poor Knight« ballert unter fein säuberlichen Sequenzer Motiven so streng los, dass fast alle schlagartig anfangen zu tanzen. Während »Hooooray« und »Pinguin Power« löst sich die eckige Motorik des beleibten mid 30ers neben mir in ungeahnt flüssige Dancemoves. Das ging schnell. Visuals, die aussehen als wäre man im Inneren einer 80er Jahre Spielekonsole gefangen, ziehen uns weiter in den Tunnel aus treibenden Beats. Davor die drei Musiker als kopfnickende Silhouetten. Sie geben hier klar vor wann getanzt wird und wann man sich in die Musik fallen lassen darf. Im riesengroß arrangierten »The Sea« gipfelt die Verschmelzung aus warmen Harmonien und harten Rhythmen, der Live Drummer Niklas Schneider zusätzliches Leben einhaucht. Und dann plötzlich, wie aus dem Nichts, zerbricht alles. Die fein säuberlich inszenierte Distanz zum Publikum. Die smarten Visuals, die klaren Strukturen. Denn zwischen zwei Songs fängt irgendwer in der ersten Reihe an zu gröhlen: »Happy Birthday to youuuu....« und der ganze Saal stimmt ein. 
Die absolute Katastrophe. Alles dahin. Könnte man jetzt denken. Aber es kommt anders. Seine Hand bereits über einem Samplepad, um den nächsten Song zu starten, hält Georg Conrad inne, grinst und kommentiert das Ständchen zu seinem Ehrentag zurückhaltend durchs Mikro: »Das wollte ich eigentlich vermeiden... Aber war doch ganz schön.« Gelächter. Irgendwie war es ja klar, dass so eine Show in der Heimatstadt Köln nicht ganz nach Rezept laufen würde.

Für jeden anderen Produzenten oder Dj, der bereits in Tempeln der Hipness wie dem Berghain und auf internationalen Festivals gebucht wurde, wäre dieser sehr private Bruch mitten in einer Show sicherlich sehr unangenehm. Coma nehmen das heute einfach mit. Warum? Na, weil nur Arschlöcher sich über so eine nette Geste von ihren Freunden ärgern würden. Von diesem Moment an ist auch die letzte Trennung zwischen Bühne und Publikum überwunden und man beginnt immer mehr zu verstehen wie besonders dieses Projekt Coma eigentlich ist. Denn bei aller Professionalität tut das Duo auch immer wieder Dinge, die man eigentlich nicht tun sollte.

Nichts zeigt das so gut wie der zentrale Track ihres 2015 erschienen Albums »This Side of Paradise«. Entgegen aller Konventionen der mit so vielen Spielregeln durchsetzten elektronischen Musikszene weigern Coma sich hier ihrer ersten Single »Lora« die klassische durchgehende Bassdrum Figur zu verpassen. »Four to the Floor« wird von einem eher HipHop-artigen Groove abgelöst. Über Allem tänzelt dazu noch eine programmierte Triangel. Unerhört eigensinnig und wahnsinnig stimmig. Coma finden in der Hybridisierung von Techno und Pop, die ihnen häufig nachgesagt wird, eigene Wege. Hier wird kein Popsong mit einer fetten Kick aufgemotzt, um sich noch mehr anzubiedern. Die beiden Kölner legen zwei Schablonen über einander und zeigen uns was sie dabei herausfinden. Das klingt dann ohne große Umwege wie die Ekstase, die sich sonst in langen Nächten ertanzt werden muss. Wie das sanfte Stechen in den Augen, wenn man hinter den Clubtüren die helle Morgensonne findet. Nur halt in 4-Minuten-Tracks verpackt. Davon reihen sie heute so viele aneinander, dass vom Studenten bis zum betagten Musikchecker am Ende jeder locker in der Hüfte wird. Das wollten sie sicher nicht vermeiden. 

Coma

This Side of Paradise

Release: 09.10.2015

℗ 2015 Kompakt