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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Duo mit zwei Stühlen

Coma im Gespräch

Marius Bubat und Georg Conrad machen elektronische Tanzmusik, bei der man nie genau weiß, ob jetzt der Club oder das eigene Heim die geeignetere Umgebung sind. Diese Entscheidungsunlust scheint typisch für Coma zu sein. Dass sie lieber alles mitnehmen, als sich für eine Seite zu entscheiden, wird im Gespräch mit Marius Wurth deutlich. Es geht um Nazi-Logos, The Postal Service und Syrien.
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Betritt man im Ehrenfelder Industriegebiet im Keller eines Bürogebäudes den Proberaum von Coma, wirkt erst mal alles ganz normal: Gitarren, Synthies, Computer, Mikrofone, das übliche Studio-Equipment. Bis man sich zum Ende des Raumes vorwagt. Dort hängt neben dem Schreibtisch ein nahezu lebensgroßes Poster der beiden Coma-Jungs. Nur dass es sich eben um kein normales Bandfoto handelt. Es zeigt Georg und Marius mit laszivem Blick in einer liegenden Pose, die jedem 70er-Jahre-Zuhälter zu Ruhm und Ehre verholfen hätte. Nur der Tom-Selleck-Pornobalken fehlt. 

Natürlich ist das over the top, lustig und auch ein wenig kindisch. Trotzdem steckt auch eine tiefere Ebene darin: Ist Kitsch mittlerweile gar kein Ausschlusskriterium mehr in der Subkultur? Oder auf Neudeutsch: Darf man als kredibler Electro-Musiker wieder cheesy sein? Georg findet: »Ja, schon. Man muss sich nicht mehr vor großen Melodien verstecken.«

Für Marius gibt es dennoch Grenzen: »Ich bin immer auf der Suche nach dieser Schwelle. In der Kunst sind die richtig beeindruckenden Sachen auch immer verständlich für Leute mit weniger Zugang. Gleichzeitig liegen die so schön auf diesem schmalen Grat, dass selbst die, die professionell damit zu tun haben, denken: ›Boah, das ist aber schon richtig gut!‹ Und so was gibt’s im Pop-Bereich auch.« Also wieder over the top, aber trotzdem noch gut. Auf der Suche nach dem schmalen Grat. Das gilt für Coma auch in der stilistischen Ausrichtung, erzählt der redseligere Marius: »Unser Output enthält ja auch immer wieder Clubkompatibles, aber das ist immer weniger unser Anliegen geworden.«
Das aktuelle Album »This Side Of Paradise« veröffentlicht nach diversen Singles, EPs und dem Debütalbum »In Technicolor« wieder das alteingesessene Kölner Techno-Label Kompakt. Und gerade deswegen erscheint es auch im vor allem im Techno totgesagten Album-Format: »Weil wir eben diese gängigen Club-Klischees anfechten wollten.« Club-Klischees negieren, aber trotzdem feiern gehen wollen: Auch auf »This Side Of Paradise« sind einige Tracks wie beispielsweise »Poor Knight« zu finden, die ohne Probleme bei der nächsten Kompakt-Party laufen könnten. Überhaupt Kompakt: »Als ich noch nicht in Köln wohnte, kannte ich nur das Logo aus Anzeigen in Musikmagazinen und dachte: Was sind das denn für Nazis?« Schallendes Gelächter. »Aber als ich dann erstmals auf einer ›Total Confusion‹ war, wurde mir klar, dass die so richtig straighte Tanzmusik machen, die gar nicht mal scheiße ist«, erinnert sich Marius. 

Also hat das musikalische Umfeld der Stadt tatsächlich großen Einfluss auf die eigene Musik. Zumal in den letzten Jahren gleichzeitig mit Coma diverse Kölner Bands wie PTTRNS, Urban Homes oder Von Spar auf die Bühne getreten sind, die ähnlich gekonnt mit Indie-Attitüde, Electro-Pop und Club-Atmosphäre spielen. »Ich glaube schon, dass man sich gegenseitig Dinge abschaut. Wir kennen die Bands ja alle. Marius Lauber von Roosevelt war lange bei uns im Studio, Vimes sind es noch. Vielleicht ist es eine Mischung aus gegenseitigem Beeinflussen und einer traditionellen Ästhetik, die im Rheinland seit Jahrzenten vorhanden ist. Selbst Kraut-Elemente findest du bei allen genannten Bands.« 


Trotz dieser ganzen Einflüsse haben Coma versucht, ein homogenes Album zu produzieren. Das ist ihnen ungeachtet des Spagats zwischen dem technoiden Label-Umfeld und dem als Alltagsbeschallung präferierten Indie-Rock (aktuelle Lieblinge: Perfume Genius, Tame Impala) ausgesprochen gut gelungen. Auch wenn man nicht von einem Konzeptalbum sprechen kann, gab es bestimmte Vorgaben. Das betraf nicht nur die strenge Deadline, die verwendeten Synthies und Drum-Sounds, sondern auch ein Gefühl: »Wir haben ja sehr spärliche Lyrics. Deswegen geht’s darum, Stimmungen zu vermitteln. Ich fände es gut, wenn das etwas auslöst, was nicht direkt mit klaren Aussagen von uns zu tun hat. Eine Vorstellung von einem Gefühl oder Ort.« 

Auch die Arbeitsweise hat sich geändert: Es wurde weniger gemeinsam gejammt, sondern mehr alleine herumgewerkelt. Der Pressetext zum Album formuliert das dann als »File-Sharing-Album aus der Cloud«. Also eher The Dropbox Service als The Postal Service? »Bei denen gab’s wenigstens eine Story dahinter. Wir hatten nur keinen Bock, immer aufeinander zu hocken. Ein Duo ist eine komische Konstellation, viele Bands kennen das gar nicht. The Postal Service haben natürlich versucht, ihre Medienkampagne damit zu starten«, erklärt Marius. »Vielleicht müssten wir einfach auch behaupten, wir wären an unterschiedlichen Orten gewesen: einer in Syrien, einer in Nordafrika«, witzeln die beiden.
 

Und wie das so ist derzeit, kann natürlich alles auf Syrien bezogen werden: »Tobias Thomas hat witzigerweise die Theorie gehabt, dass der Albumname auch mit der aktuellen politischen Situation zu tun habe. Hat er aber nicht.« Sondern? »Was am Titel toll ist: Es schwingt eine komische Drehung mit. Wir wissen selber nicht so richtig, auf welcher Seite wir jetzt eigentlich sind«, sagt Marius und zieht sich kurz darauf zum Fotoshooting seine schwarze Jacke an, die auf jedem Ärmel einen Aufnäher trägt: APPD und Versace. Wahrscheinlich stehen Coma bei allem ein bisschen auf beiden Seiten. Wenn man sich nicht zwischen die Stühle setzen will, macht man es sich eben einfach auf beiden bequem. 
– Coma »This Side Of Paradise« (Kompakt / Rough Trade / VÖ 09.10.15)

Coma

This Side of Paradise

Release: 09.10.2015

℗ 2015 Kompakt