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Im Kinderzimmer der Geschwister

CocoRosie Live

Das einzige Deutschland-Konzert der beiden Cassady-Schwestern geriet zum perfekten Spagat aus Inszenierung und Selbstzweck. Kollege Dorner war jedenfalls begeistert.
Geschrieben am
09.04.07, Berlin, Postbahnhof.

"CocoRosie? Nee, leider schon ausverkauft. Da waren in den letzten Tagen ganz viele Franzosen da und haben die Karten gekauft", berichtet das Mädchen aus der Kartenvorverkaufsstelle am Bahnhof Alexanderplatz und weiß nicht recht warum. Dabei war eigentlich abzusehen, dass das einzige Deutschland-Konzert zum Release des dritten Albums der Casady-Schwestern ein Fall für Bescheidwisser und Erasmusstudenten sein würde - auch wenn es ungefähr 20 Leute am Eingang des Postbahnhofs immer noch nicht wahrhaben wollen. Sold out! Exklusivität plus Extraversion (des musikalischen Acts, aber auch des Publikums) machen in Berlin eben ein volles Haus. Zumal die Postillen, Blogs und nicht zuletzt das Feuilleton in den letzten Wochen rein gar nichts an 'The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn' auszusetzen hatten. Vor CocoRosie durfte allerdings zunächst Support und Labelmate Bunny Rabbit   ran, wie passend am Ostermontag.

Die Rapperin aus Brooklyn gibt auf der Bühne das unschuldige, laszive Rotkäppchen, das heftig mit dem bösen Wolf in Form von Black Cracker als zweitem weiblichem MC (und gleichzeitig Lebensgefährtin und Produzentin von CocoRosie) anbandelt, der bedächtig um das Häschen herumschleicht und beizeiten die Zähne fletscht. Pose und die durchsexualisierte Performance werden auch mehr in Erinnerung bleiben als dass man sich ein abschließendes Urteil über die dreckig-juvenilen Raps auf 'Lovers And Crypts' bilden konnte. Dabei muss man zugeben, dass die heftig bouncende Single 'Lucky Bunny Foot' ("You stepped on my foot, my lucky bunny foot") trotz der Dämlichkeit ihres Textes in die Clubs muss. Nur die Avantgarde, die uns Promoter gerne aufschwatzen wollen, haben wir nicht gesehen, als das Role Model Bunny Rabbit von der Bühne gehoppelt ist.

Mehr Begeisterung entfacht im Anschluss ein Franzose, der 20 Minuten lang Beats und Samples ins Mikrophon prustet, röchelt, spuckt - und dazu noch 'Kiss' von Prince anstimmte. Hochachtung dafür. Die Human Boombox positioniert sich auch auf der klassischen Position des Schlagzeuges, als endlich der Vorhang für das Schauspiel von CocoRosie aufgeht. Die beiden Schwestern, deren musikalischer Input beim Kammerfolk der ersten beiden Alben noch nicht eindeutig zu trennen war, haben sich optisch zu Antagonismen entwickelt. Die ältere Schwester Sierra ähnelt mit ihrem langen schwarzen Haar und pittoreskem Aussehen einer Femme Fatale aus einem David Lynch-Film, während Bianca mit aggressivem Kurzhaarschnitt fast schon an Brigitte Nielsen (!) erinnert. Ihr nasaler Singsang markiert dabei den Widerpart zu den eindringlichen Operversätzen Sierras. Am besten sind CocoRosie allerdings live, wenn sie den Pop zulassen, einträchtig ihre windschiefen Melodien trällern und dazu die menschliche Beatbox losrumpelt. So wie in 'Rainbowarriors', wie in 'Japan', wie in 'Werewolf'.Für das musische Spielzeug gibt es dagegen wieder klare Zuständigkeiten im Kinderzimmer der Geschwister. Sierra spielt mit Harfe, Klavier und Gitarre das klassische Instrumentarium im Kosmos der Band. Die jüngere Bianca bedient das Babyspielzeug mit Drückleiste von Bauernhof-Geräuschen, dazu Blasrohr, Fahrradklingel, Drehleier und Glockenspiel. Dass dabei die Grenzen zwischen reinem Selbstzweck und Showeffekt fließend sind und sich sogar das umgestoßene Bierglas im Publikum nahtlos in den Klangkosmos zwischen den Melodiebögen einfügt, macht CocoRosie selbst und alte Songs wie 'Armageddon' und 'By Your Side' im speziellen zu Unikaten. Dabei flirren im Hintergrund wirre Zusammenschnitte von Videos über die Leinwand: Die Glücksbärchis (wer kennt sie noch?), eine Eiskunstläuferin und 'Counter Strike' transportieren dabei weniger eine Botschaft als das bloße Prinzip von Ästhetik. Auch das kurze Anstimmen und Zersetzen der amerikanischen Nationalhymne zu knatterndem Gewehr und "Danger"-Schreien eines Spielzeugroboters besitzt nicht die Sprengkraft der Intonierung durch Jimi Hendrix im Jahr 1969. Soll es (wohl) auch nicht.

CocoRosie spielen mit Symbolik und Sprache und schrecken dabei nicht einmal vor einer Coverversion des schnulzigen 'Turn Me On' von Soulsänger Kevin Lyttle zurück. Nein, die Casady-Schwestern pfeifen auf eine perfekte Dramaturgie und die totale Inszenierung als Kunstprodukt. Dafür steckt zum Glück noch zuviel Kind in den beiden Damen.



camille aus dem Forum meint: "cocorosie waren großartig, die weite fahrt hat sich gelohnt und die show war wie erwartet total interessant und wunder, wunderschön. :)"