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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Noah’s Ark

Coco Rosie

Drei fröhlich poppende Einhörner auf dem Cover, zwei ernste junge Frauen im Hippie-Look im Booklet und gleich beim ersten Song "K-Hole" der Sound einer zum Blöken gebrachten Gitarre, ein verhalltes Klavier und Lyrics, die übersetzt in etwa Folgendes heißen: "Kleiner Geist im Schlüsselloch, aufged
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Drei fröhlich poppende Einhörner auf dem Cover, zwei ernste junge Frauen im Hippie-Look im Booklet und gleich beim ersten Song "K-Hole" der Sound einer zum Blöken gebrachten Gitarre, ein verhalltes Klavier und Lyrics, die übersetzt in etwa Folgendes heißen: "Kleiner Geist im Schlüsselloch, aufgedunsen wie durchweichte Cornflakes, Gott wird kommen und unsere Tattoos und das Kokain wegwaschen, und alle abgetriebenen Babys werden kleine Bambis." Tja, willkommen im Kosmos von "Coco" Bianca und "Rosie" Sierra Casady, die im letzten Jahr mit ihrem rohdiamantenen "La Maison De Mon Rêve" für Aufregung sorgten (siehe auch Pascal Blums schwärmerische Intro-Online-Kritik). Wo sie auftauchten, verwandelten sie kleinste Bühnen in Wohnzimmer und verzauberten ihr Publikum mit Harfe, Keyboard, Spielzeuginstrumenten und Stimmen. Dabei schützte sie ihre selbstbestimmte Art und leise "Fuck you"-Attitüde davor, mit Attributen wie "niedlich" und "süß" bedacht zu werden. Stattdessen wurde ihnen wie auch den Kollegen Joanna Newsom, Devendra Banhart und Antony And The Johnsons der blöde Titel "die jungen Milden" verpasst. Inzwischen bespielen Coco Rosie größere Bühnen, die sie mit humorigen selbstgemachten Video-Projektionen und illustren Gästen schmücken; zuletzt sah man sie beim renommierten Jazz Festival in Montreux. Nun also "Noah's Ark", das nicht mehr allein und champagnertrunken in Paris, sondern mit Freunden (u. a. siehe oben) auf dem Bauernhof der Mutter in der Camargue, daheim in Brooklyn oder in Hotelzimmern eingespielt wurde. Das Ergebnis klingt geschliffener und dickrockiger als der Vorgänger, die Lieder funktionieren aber noch immer wie träumerisch-kauzige Skizzen, die manch harten Text über Straßenkämpfe, Rassismus und Kinderprostitution in kuscheliges Musikwerk verpacken. Während ein paar mundgemachte HipHop-Beats überraschen, wiehert's, miaut's und fiept's ansonsten wie gewohnt um die beeindruckende Stimme der Opernsängerin Sierra und das katzenartige Blues-Quengeln ihrer Schwester Bianca. Ohrwürmer gibt's natürlich auch: "Beautiful Boyz", dem Gaststar Antony sein unvergleichliches Falsett verleiht, kriegt man nicht mehr aus dem Kopf, ebenso wenig wie "Honey Or Tar", Coco Rosies Hymne auf den weiblichen Orgasmus. Traurig nur, dass die Schwestern im Titeltrack "Noah's Ark" davon träumen, von Noah und seinen Tieren zu Hause abgeholt zu werden. Hoffen wir mal, dass er damit noch etwas wartet!