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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kinderzimmer (De) Constructions

Coco Rosie

Das Deutsch-Amerikanische Institut hatte sich fein gemacht. Rosen an die Wand gepinnt, Stühle in Reih und Glied, ein Grand Piano, dazu Rauchverbot. Als Antony (von der Vorband Antony And The Johnsons) das sitzend nichtrauchende Publikum fragt, was ihm auf der Seele liege, klagt eine Frau bitterlic
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Das Deutsch-Amerikanische Institut hatte sich fein gemacht. Rosen an die Wand gepinnt, Stühle in Reih und Glied, ein Grand Piano, dazu Rauchverbot. Als Antony (von der Vorband Antony And The Johnsons) das sitzend nichtrauchende Publikum fragt, was ihm auf der Seele liege, klagt eine Frau bitterlich, dass Alkohol verkauft wird, während er singt. Wir bleiben trotzdem. Auch als Antony eine gruppendynamische Übung ansetzt. Wir sollen vor uns hin murmeln, was wir lieben. Am Piano schwelgt ein Verehrer von Divine mit dem Kopf von Robert Smith auf einem Körper, der sich dem Divine’schen rapide annähert, in queerer Matrosenromantik im Geiste Jean Genets. Unten Volkshochschule, Esoterikkurs. Wir bleiben und sehen zwei Schwestern, denen vermutlich nichts Esoterisches fremd ist, aber auch das ist bald egal. Sierra Cassady ist 24, sitzt am Grand Piano, bedient eine kleine Harfe oder die Grand National Steel Guitar. Bianca Cassady ist drei Jahre jünger und hat ihr Kinderzimmer mitgebracht: Tröte, Hupe, Babymelodica, Schlagwerk und ein Feuerwehrauto, das Sirenen singen lässt oder den Feuerwehrmann »Hallo« rufen. Das Spielzeug liegt auf einem Tisch, die Instrumente sind um zwei Stühle herum drapiert, wie in einem Mädchenzimmer. Mit großer Sorgfalt spielt Bianca Cassidy ihr Zeug, akkurat tariert sie die jeweilige Entfernung zum Mikrofon aus. So bilden quasi handgemachte Loops aus Schaben, Knarzen und Knirschen einen irrlichternden Kontrast zu den alten Instrumenten der älteren Schwester. Der Kontrast spiegelt sich in den Stimmen: Sierra wollte mittelalterliche Choral-Musik studieren, doch passte ihre Stimme besser zu den Opern Mozarts und Puccinis. Wenn sie den Beweis antritt, drohen Weingläser zu zerspringen, halten Rauchverbot-Ignoranten die Luft an. Biancas Organ wurde als »Southern Blues Drawl« bezeichnet, »auf Helium« könnte man hinzufügen. Das Wunder von Coco Rosie geschieht, wenn diese eigentlich unvereinbaren Schwesternwelten sich scheinbar organisch zu einem nie da gewesenen Sound vereinigen – nachzuhören auf dem auf Touch & Go erschienenen Debütalbum ›La Maison De Mon Rêve‹. Vergleichskrücken wie »Billie Holiday meets Cocteau Twins« helfen nicht weiter. Vielleicht die Geschwisterspur? Nie da gewesene Sounds mit ureigenen Mitteln fanden auch die Brüder Moxham (& Alison Statton) bei den Young Marble Giants. Noch früher zwei Schwesternbands: Die McGarrigles und Roches suchten Neudefinitionen von Folk, Coco Rosie treiben Folk, Blues und Oper aus der Zeit. Mit Biancas Worten: »Ich fühle mich keiner Zeit besonders verbunden, nicht einmal der Jetzt-Zeit.« Out of time.