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Menschliche Weinflaschen / blutende Knie

Cobra Killer

Ihre Auftritte sind mehr als berüchtigt: Kwikest Annika Line Trost und Wildest Gina V. D’Orio, alias die Cobra Killer, stürmen unter verzerrtem Technogeknüppel und eirigen Surfsamples mit knappen, Domina’esken Uniform-Kleidern auf die Bühne, schwenken Berlinfahnen, lassen Hula-Hoop-Reifen kreisen,
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Ihre Auftritte sind mehr als berüchtigt: Kwikest Annika Line Trost und Wildest Gina V. D’Orio, alias die Cobra Killer, stürmen unter verzerrtem Technogeknüppel und eirigen Surfsamples mit knappen, Domina’esken Uniform-Kleidern auf die Bühne, schwenken Berlinfahnen, lassen Hula-Hoop-Reifen kreisen, um sich schließlich mit Rotwein zu übergießen und mit blutenden Knien mitten ins Publikum zu taumeln, wo sie stagedivend durch die Reihen geschmissen werden oder wahllos ZuschauerInnen in all ihrer Klebrigkeit um den Hals fallen.

Ihr drittes Album ›76/77‹ veröffentlichen die beiden Original-Westberlinerinnen jetzt erstmals auf einem deutschen Label: Gudrun Gut sah die beiden ausgerechnet in Sydney bei einem ihrer explosiven Live-Konzerte und bot ihnen daraufhin eine 10-Inch (›Heavy Rotation‹) auf ihrem Label Monika Enterprise an, der nun der Longplayer folgt. 1998 hatten die beiden Killer auf Alec Empires Digital Hardcore Recordings ihr Debüt veröffentlicht, weil Annika zu der Zeit mit dem Labelkollegen Shizuo als Give Up Musik machte und »DHR damals ja noch ein halbwegs interessantes Label« gewesen sei, wie Annika süffisant anmerkt. 2002 folgte ›The Third Armpit‹ auf dem australischen Valve, »weil der Typ nett war und wir es wichtig fanden, auch mal in der südlichen Hemisphäre Musik rauszubringen«, so Gina. Obwohl die zwei Hauptberufsmusikerinnen noch relativ jung sind – der Plattentitel verrät ihre Geburtsjahre –, haben sie schon beeindruckend lange Musikkarrieren auf dem Buckel. Schon mit 12/13 Jahren hatten sie Bands: Die Spandauerin Annika, die auch heute noch dort wohnt, war bei den Sophisticated Troublemakers, die gebürtige Charlottenburgerin Gina bei den Lemonbabies. »Ich war von 12 bis 15 bei denen, aber ich bin dann ausgestiegen, weil ich nicht von Sony kontrolliert werden und auch nicht so einen typischen Abzockervertrag unterschreiben wollte. Ich wäre für die nächsten zehn Jahre vertraglich gebunden gewesen und hätte auch zweimal die Woche Instrumentenunterricht nehmen müssen, da drauf hatte ich echt keine Lust.« Und dass Peaches ihr erstes Berlin-Konzert als Support von Cobra Killer absolviert hat, pfeifen die Berlinspatzen mittlerweile genauso routiniert von den Clubdächern wie die Tatsache, dass die Cobras schon seit Jahren gute Buddies von Sonic Youth sind. »Die sind total nett, und Kim Gordons Tochter mag unsere Platte sehr gerne. Wir freuen uns ja immer, wenn Kinder unsere Musik mögen«, fügt Annika kokett an. Familienfreundlichkeit ist nicht gerade das, was man mit der wild vertrashten Musik aus Garagen-Surf-Bigband-Samples, Cheapo-Orgeln, stampfend-repetitiven Beats und gellend bis lasziv dargebotenen Slogans assoziiert – und noch weniger mit den entfesselten, extremen und sexualisierten Performances der Band. Zum Interview erscheinen die Künstlerinnen mit geradezu kriminell kurzem Rock bzw. hohen Schuhen und zeigen damit Stylekontinuität über den Bühnenrand hinaus, sind aber im Gespräch so freundlich-zurückhaltend, ja, fast einsilbig, wie es in Verdrehung der Erwartungshaltung schon fast zu erwarten war. Ihre Auftritte, die sie explizit nicht als Performances, sondern schlicht als Konzerte verstanden wissen wollen – sie definieren sich auch eindeutig als Band und nicht als Elektronik-Act –, erscheinen wie das perfide durchorchestrierte Austesten der Grenzen zwischen sexueller Anziehung und Abstoßung. So schreibt ein Konzertbesucher im Netz davon, wie ein Zuschauer von Annika in den Würgegriff genommen und »von ihren Titten gebuckelt« wurde, was sich vielleicht gut anhöre, aber vor 200 Leuten sicher nicht so angenehm sei. Cobra Killer durchbrechen mit ihren brutalen Vollkontakt-Einlagen den normalerweise aus der sicheren Distanz zur Bühne gepflegten Voyeurismus, indem sie ihre suggestiv verpackten, attraktiven Körper eklig machen und dann dem Publikum aggressiv aufdrängen – da bleiben die erotischen Fantasien ziemlich schnell auf der Strecke.

Diese Wirkung sei aber nicht intendiert und schon gar nicht Teil eines Konzepts: »Wenn wir auf die Bühne gehen, kann alles passieren. Wir planen das nicht im Voraus, das wäre ja traurig.« Und obwohl sie die ewigen Russ-Meyer-Girls-Vergleiche nerven, die sie auch als inadäquat empfinden, wirken sie relativ ehrlich erstaunt, als ich sie auf das Sexuelle ihrer Shows anspreche. Beide kichern, und Annika meint: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das sexuell wirken soll, wenn wir uns auf der Bühne mit Wein übergießen und stagediven und dann überall bluten. Wenn ich das Bühnenkleid nach dem Konzert für eine Woche vergesse, dann ist das komplett verschimmelt und stinkt ganz unvorstellbar.« Überhaupt scheint ihnen die Meta-Reflexion über ihr Werk eher unsympathisch zu sein, denn in erster Linie gehe es ihnen um die Musik und die Passion für Musik, die beide wohl für sich sprechen sollen – was bei einem so radikalen Projekt doch ziemlich überraschend ist. Auch Geschlecht sei für sie, die gerne als Pionierinnen der Frauen in der elektronischen Musik apostrophiert werden, keine wichtige Kategorie: »Wir wollen nicht kategorisiert werden aufgrund unseres Geschlechts. Wir finden sehr schön, dass wir weiblich sind, aber das kann man ja auch anders zelebrieren«, hakt Gina das Thema ab. Was ihnen offensichtlich mehr Kopfzerbrechen bereitet als Gender-Fragen, ist die Infiltration Berlins von neu ankommenden KarrieristInnen, die sich in der Szene »wie aus einem Supermarkt bedienen, ohne zu wissen, wofür die einzelnen Sachen stehen«, und den Underground zerstörten: »Die Leute koksen in den so genannten Underground-Clubs auf den Klos mit irgendwelchen Major-Plattenlabel-Bossen und finden das dann auch noch cool. Früher hätten solche Leute aufs Maul bekommen«, erzählen beide entnervt. Obwohl sie unter den Zugezogenen viele gute FreundInnen haben, mit denen sie teilweise auch für ihr Album kooperiert haben – The Devastations, Eric D. Clark, T.Raumschmiere oder auch Thomas Fehlmann –, befürchten sie eine Amerikanisierung Berlins in der Hinsicht, dass kapitalistische Erfolgsmodelle zunehmend die Indie-Szene dominierten. Mit den USA, wo sie im letzten Jahr getourt sind, verbinden sie einige besonders groteske Erinnerungen, von denen Gina eine unter Gepruste wiedergibt: »In einem Club mussten wir raus auf die Straße, um Backstage zu kommen. Weil wir uns während des Konzerts mit Wein übergossen hatten, kam da auf einmal so ein Typ mit riesigen braunen Papierteilen an, in die wir uns einwickeln mussten, weil in den USA das öffentliche Zurschaustellen von Alkohol ja verboten ist. Wir waren dort also menschliche, stinkende Weinflaschen.«

Annika Solo
Annika Trost hat Anfang des Jahres als Trost auf FM Einheits Label FM 4.5.1. ein selbst betiteltes Soloalbum veröffentlicht. Sie kooperiert musikalisch mit Jasmin Tabatabai, deren Trauzeugin sie auch war, und kümmert sich in der verbleibenden Zeit um ihren kleinen Sohn Sturm Silvester, der sie – manchmal auch mitsamt ihrer Mutter – schon auf zahlreiche Konzerte begleitet hat und in seinem ersten Lebensjahr vermutlich mehr Frequent Flyer Miles angehäuft hat als andere in ihrem ganzen Leben.

Gina Solo
Gina V. D’Orio hat auf dem kleinen australischen Label Dualplover die Seemannsplatte ›Sailor Songs‹ veröffentlicht. Mit Patrick Catani, mit dem sie auch bei EC80R ist, hat sie als a * class die Booty-House-Platte ›Ain’t No Future But Our Future‹ auf Neon Records produziert. Außerdem hat sie dieses Jahr zusammen mit Like A Tim als Bass Girl eine LP auf Djak-Up-Bitch gemacht.