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Von der Freiheit zu kommunizieren

Cobblestone Jazz

Elektronischen Sounds war im Grunde von Anfang an das Versprechen grenzenloser musikalischer Freiheit eingeschrieben. Cobblestone Jazz nehmen das ernst
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Elektronischen Sounds war im Grunde von Anfang an das Versprechen grenzenloser musikalischer Freiheit eingeschrieben. Cobblestone Jazz nehmen diese Verheißung ernst und schaffen mit ihrem Debütalbum '23 Seconds' die derzeit wohl aufregendste House Music. Im Gespräch mit Mathew Jonson versuchte Arno Raffeiner die Jam-Ideologie und das Dialoggeflecht des Trios zu ergründen.

Mathew Jonson lacht laut, ja beinahe hysterisch auf. Die - zugegeben mit einigen Hintergedanken gestellte - Frage, ob sein Projekt Cobblestone Jazz vielleicht so etwas wie die Zukunft der Tanzmusik sein könnte, haut ihn fast vom Hocker respektive von der Ledercouch im Berliner !K7-Büro, auf der er chronisch übernächtigt und zappelig herumrutscht. "Aber nein! Elektronische Instrumente werden doch schon seit einer Ewigkeit in Bands verwendet", wehrt Jonson mit ebenso realistischer wie sympathischer Selbsteinschätzung ab, nachdem er sich gerade mal so an der Ecke der Couch gefangen hat. "Das ist absolut nichts Neues. Vielleicht wird es manchmal im Feld von House und Techno als neu wahrgenommen, weil einfach nicht so viele Leute live Keyboards spielen. Aber ich denke nicht, dass ausschließlich das unbedingt die Zukunft sein muss. Schließlich liebe ich ja auch reine Computermusik sehr."

So ganz aus der Luft gegriffen war die Frage nach der Tanzmusik der Zukunft allerdings nicht. Angesichts der Ausnahmeposition von Cobblestone Jazz im aktuellen Clubbetrieb und nicht zuletzt nach dem großen Erfolg ihrer Tracks speziell im Jahr 2006 drängt sich eine solche Sichtweise geradezu auf. So vielschichtig, warm und zugleich funktional wie die Maxis 'India In Me' und 'Dump Truck' pumpte nichts sonst auf die Tanzflächen. Dieser aufsehenerregende Sound hatte natürlich in erster Linie mit dem bereits im Projektnamen behaupteten Anspruch zu tun, elektronischen Pflastersteine-Jazz zu machen. Die Musiksozialisation der drei Mitglieder von Cobblestone Jazz prädestinierte sie quasi zu dieser Mission. Danuel Tate, Tyger Dhula und Mathew Jonson genossen in Victoria an der kanadischen Westküste allesamt eine klassische Ausbildung an verschiedenen Instrumenten. Danuel Tate ist nach wie vor in den unterschiedlichsten Zusammenhängen als Jazzer aktiv, Tyger Dhula etablierte sich in Victoria als DJ und Produzent, und über Mathew Jonson muss man wohl nicht mehr allzu viele Worte verlieren. Als Techno-Shootingstar der letzten Jahre war er bereits mehrmals auf den Seiten dieser Zeitschrift zu Gast, z. B. in einer Titelgeschichte über Nelly Furtado. Erwähnenswert wäre höchstens, dass Jonson sich in der Position des alleinigen Sprachrohrs für Cobblestone Jazz, die ihm aufgrund seiner Bekanntheit quasi automatisch zufällt, nicht ganz wohlfühlt. Schließlich besteht das Projekt aus drei gleichberechtigt agierenden Musikern und schöpft seine Qualität gerade aus der intensiven Kommunikation untereinander. Denn die House Music von Cobblestone Jazz ist improvisiert. Die Tracks entstehen durch Jams im Studio, die meist direkt aufgenommen werden. Jonson beschreibt das so: "Wenn wir anfangen zu spielen, sagen wir: ›Okay, die erste halbe Stunde lang wird es bestimmt richtig scheiße.‹ Während wir alle nach Ideen suchen, nehmen wir uns eben die Freiheit, erst mal wie absoluter Mist zu klingen."Mit dem Wort "Freiheit" spricht Jonson den vielleicht wichtigsten Punkt der ganzen Sache an. Im stark formatierten Feld von Techno und House ist es nicht weiter verwunderlich, dass kollektiv an analogem Instrumentarium eingespielte Musik, die sich der Improvisationspraxis des Jazz verpflichtet fühlt und zu der sich außerdem auch noch wunderbar tanzen lässt, wie eine Offenbarung wirkt. Die prinzipielle Freiheit, die in einer beliebig manipulierbaren Sinuswelle schwingt, liegt oft begraben unter allzu bekannten Strukturen und Effekten, die für reinen Gebrauch maximiert sind, als Hörerlebnis jenseits des Clubs aber selten taugen. Trotzdem klingen Mathew Jonsons Aussagen im Interview nicht gerade nach Offenbarungen, sondern meist ziemlich unaufgeregt und abgeklärt. Er erzählt nicht von großen Geheimnissen oder einer speziellen Magie im Studio. Wenn er die zentralen Aspekte von Cobblestone Jazz beschreibt, hört sich das im Gegenteil ziemlich prosaisch an: "wir experimentieren viel" - "wir mögen Fehler" - "wir lieben viele verschiedene Genres". Das "Momentum" - um eines von Jonsons Lieblingswörtern zu benutzen -, das die drei in ihrem Zusammenspiel erschaffen, ist durch eine bloße Nacherzählung ihrer Praxis nicht einzufangen. Es ist einfach da, in ihrer Musik. Und man kann es unbedingt hören. Daher ist es nur konsequent, wenn die Band auf ihrem Debütalbum '23 Seconds' mit einer eigenen zweiten CD einen Live-Auftritt dokumentiert. Die wahrhaftige Cobblestone-Jazz-Erfahrung gibt es eben nur live im improvisierten Zusammenspiel.

"Es geht bei uns in erster Linie um diese Idee der Kommunikation untereinander. Wenn wir spielen, dann können wir uns dabei immer gegenseitig in die Augen sehen. Vor allem Danuel an den Keyboards und ich, der die meisten Basslines macht, versuchen, uns immer wieder gegenseitig die Bälle zuzuspielen. Und dieser Dialog ist sehr Jazz. Natürlich wünscht man sich bei Musik immer, dass die einzelnen Teile miteinander kommunizieren und zusammen funktionieren. Wir aber versuchen tatsächlich, einen Dialog zu haben. Diese kontinuierliche Konversation, genau darum geht es bei Cobblestone Jazz."

Wann hätte man, abgesehen von der routinemäßig beschworenen Interaktion des DJs mit seiner Crowd, in Bezug auf House und Techno zuletzt von einem musikalischen Dialog gehört? Jonson gebraucht das Wort wie selbstverständlich und holt so das soziale Element auch auf der Produktionsseite zurück in die Maschinenmusik. Trotzdem markiert diese Jam-Idee, die Live-Interaktion im Kollektiv, natürlich eine Rückkehr zu Parametern, die lange vor der Explosion von Acid House Geltung hatten, ja selbst noch vor der Explosion von Punk. Altbackene Virtuosität, der menschliche Faktor, das perfekte Eingespieltsein als Band übernehmen auf dem Dancefloor von Cobblestone Jazz plötzlich die Hauptrollen. Aber schließlich behauptet ja auch keiner der drei, damit eine musikalische Revolution anzetteln zu wollen. Jonson, Tate und Dhula suchen einfach den Spaß am improvisierten Austausch und machen die Musik, die sie selbst am meisten kickt. Da soll uns das bisschen Backlash nur recht sein, solange es derart außergewöhnlich und spannend bleibt, zu den Dialogen der Pflastersteine zu tanzen.

Wir verlosen 3 x die aktuelle CD '23 Seconds' von Cobblestone Jazz.
Wer Interesse hat, der schicke eine E-Mail an verlosung@intro.de und füge bitte seine komplette Adresse ein. Viel Glück!