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Das Wohnzimmerkonzert

Clickclickdecker

03.11.06 Privatwohnung, Düsseldorf. Was denn so leichter ist, frage ich. Auf der Bühne stehen, oder das hier? "Bühne" sagt Click. "Definitiv Bühne!" Kann man verstehen. Von der Bühne aus hat man klare Verhältnisse, ein Mikro, oft eine Band im Rücken, man steht vielleicht nicht über den Dingen, aber
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03.11.06 Privatwohnung, Düsseldorf. Was denn so leichter ist, frage ich. Auf der Bühne stehen, oder das hier? "Bühne" sagt Click. "Definitiv Bühne!" Kann man verstehen. Von der Bühne aus hat man klare Verhältnisse, ein Mikro, oft eine Band im Rücken, man steht vielleicht nicht über den Dingen, aber zumindest höher als das Publikum. Das hier heute ist Augenhöhe.
Das "Wohnzimmer" ist eigentlich ein großer Flurraum und quillt über vor Leuten. Sandra und Mo, die Gewinner der Konzertverlosung, haben gut geladen. Freunde, Nachbarn, die dreiköpfige Intro-Delegation und auch ein paar Click-Fans, die der Ankündigung auf seiner Website gefolgt sind. Click ist mit Band unterwegs, oder vielmehr mit seinem Chef Lars (der dem Ein-Mann-Label Audiolith "vorsteht") sowie dessen Konkurrenz Simon (der sonst für das Grand Hotel van Cleef tätig ist und Click als Live-Trommler begleitet). Gerade hat man sich noch im Fortuna Eck gestärkt, um jetzt etwas skeptisch zu beobachten, wie die Luft in dieser Dachwohnung in Düsseldorf-Flingern langsam dicker wird. "Diese Luft bitte nicht atmen, die wird hier noch gebraucht." So geht mir das schon den ganzen Abend - Clicks Songtexte beißen sich dermaßen fest, dass man zu jeder Situation eine Zeile im Ohr hat. Und wer jetzt das grässliche Wort "Identifikationspotential" sagt, verlässt bitte den Raum.

Bei einem Wohnzimmerkonzert denkt man ja schnell an die Frostköddelversion der Lagerfeuerromantik – draußen wird's kalt, setzen wir uns halt mit der Klampfe vor die Heizung. So ist's dank Click heute Abend nicht. Der Auftritt ist mehr eine Selbstbehauptung. Gegen das Vorurteil der Harmlosigkeit, das sich junge Hamburger mit Gitarre oft anhören müssen. Gegen den Geräuschpegel der Unverbesserlichen, die ihre eigenen Gespräche gerade mal interessanter finden. Und gegen die Heimeligkeit, die eine Akustikgitarre so mit sich bringt. Es reicht gerade für ein knappes "Hallo", und schon wird das Konzert von der Raumecke aus losgetreten. Clicks hektisches Gitarrenspiel strahlt eher Punkspirit denn Schunkelseeligkeit aus. Ein schöner Kontrast zu Clicks Texten, die ganz schön tief blicken lassen. Was ein gutes Stichwort ist, denn erst nach zwei Songs hebt er zum ersten mal den Blick. Die Sache mit der Augenhöhe. Aber Click ist ja "grob gehobelt und bemüht wie die Pest", da dauert es nicht lange, bis die Stimmung steht. Als er bei 'Wenn man alles verliert' im Sparkassen-Spot-Style die (un)wichtigen Dinge im Leben aufzählt, johlt die Menge, und motiviert ihn zum ersten Gitarrensolo. 'Wer erklärt mir wie das hier funktioniert' bleibt auch im Wohnzimmer "Untergrund mit Dachterrassenflair" - auch wenn das "Scheitellecken der Independentszene" heute ausfallen muss. Es wird nur ein Seitenscheitel gesichtet, und der kommt mit der eigenen Zunge nicht ran.

Nach einer guten halben Stunde Konzert ist das Problem mit der fehlenden Atemluft nicht besser geworden. "Ich mach' mal 'ne kleine Pause. Ist das drin, Chef?" ruft er zu Lars rüber, der gerade die Fotografentribüne auf der Wohnungstreppe besetzt hält. Als es weiter geht, hat Simon seinen Auftritt als Unpluggend-Drummer. Hi-Hat und Snare-Drum, mehr braucht es ja gar nicht. Damit ist zwar kein Dave-Lombardo-
Tribute-Solo drin, aber zumindest der passende Rhythmus. Und als die Gastgeberin ein Handtuch zum Dämpfen der Snare anreicht, stimmt auch die Lautstärke. Mein persönliches Song-Highlight bleibt 'Der ganze halbe Liter', diese zerschossene Ballade, die mir seit dem Videoclip mit dem mümmelnden Hasen (hier mal anschauen) ans Herz gewachsen ist. Auch Clicks erste Single 'Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt' begeistert die Wohnzimmer-Crew. Das mit dem "auf die Schuhe kotzen" wird Click am nächsten Tag noch mal durch Kopf und Kehle gehen - wenn man den Gerüchten glauben darf.

Der Übergang vom Konzert zur Wohnungsparty ist fließend. Da muss man doch noch mal ein lautes "DANKE!" an das Gastgeberpaar raushauen. Der Alkoholpegel steigt und steigt. Parallel dazu wird der Wortschatz kleiner und die Themen größer, aber das stört schon niemand mehr. Unauffällig erobert das Leergut grüner Flaschen die Räumlichkeiten und offenbart sein schreckliches Antlitz erst am nächsten Tag, als die ganzen halben Liter das Treppenhaus versperren. In den frühen Morgenstunden schieben auch wir uns nach Hause, während die Band auf dem Gästesofa knackt. Ein Drittel der Intro-Delegation ist im Laufe der Nacht abhanden gekommen, und dass der Rest es geschafft hat, ist reine Glückssache. Wie war das noch, mit dem "overdressed und dehydriert nach Hause schieben?" Und der Zeile: "Fahr mich einfach nach Hause, lass mal gut sein mit dem Wechselgeld"? Die harte Realität sieht anders aus: Zwei Stationen verpeiltes Schwarzfahren, bis man das mit dem Ticket auf die Reihe bekommt. Aber hätte uns einer erwischt, hätten wir sicher einen Fuffi rausgehauen und gesagt: "Stimmt so!" Das lässt sich auch von diesem Abend sagen.