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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Vinyl’l’isten

Claus van Bebber/Philip Jeck

Adorno sprach in seinem Spätwerk von einer „Verfransung“ der klassischen Kunstgattungen Musik, Bildende/Darstellende Kunst und Literatur. Am Beispiel der heutigen Musik lässt sich zeigen, dass dies nur sehr begrenzt zutreffend war; die Radikalität und strategische Avanciertheit der künstlerischen Av
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Adorno sprach in seinem Spätwerk von einer „Verfransung“ der klassischen Kunstgattungen Musik, Bildende/Darstellende Kunst und Literatur. Am Beispiel der heutigen Musik lässt sich zeigen, dass dies nur sehr begrenzt zutreffend war; die Radikalität und strategische Avanciertheit der künstlerischen Avantgarde von beispielsweise Dada, Fluxus, Minimal und Concept Art findet im Bereich der Musik bis auf wenige Ausnahmen in deren Pop-fernen Grenzbereichen (der hierzulande sogenannten „E-Musik“ von Leuten wie bekanntestenfalls Stockhausen, über Musique Concrête bis zur Minimal Music) keinen Widerhall. Gegen die Provokationen der Dadaisten oder die Zumutungen der Concept-Art nimmt sich sogar die Geschichte des Punk einigermaßen lächerlich aus. Dass die Tonkunst bis Anfang der 60er sogar die Führungsrolle im ästhetischen Diskurs der Moderne innehatte (Cage) — die wenigsten wissen es. Aktuelle musikalische Versuche, sich des Geists der klassischen Avantgarde der Moderne zu bedienen, sind vor allem unter akademischen Elektro-Fricklern beliebtes Spiel, die damit wohl auf Gelder aus der Kunstförderung schielen. Die Konzepte sind dabei meist derart dünn, dass sich jede Diskussion erübrigt. Bei Claus van Bebber (*1949) und Philip Jeck (*1952) verhält sich das ein wenig anders. Natürlich berufen auch sie sich auf Maholy-Nagy und Cage („obwohl die Leute annehmen, sie könnten Schallplatten als Musik verwenden, müssen sie schließlich begreifen, dass sie sie als Schallplatten gebrauchen müssen“): Jecks Plattenspieler — mehrere Hundert besitzt er — sind deshalb vom Flohmarkt. Sie haben Namen, einen eingebauten Lautsprecher und vier Geschwindigkeiten. Keiner hat mehr als zehn Euro gekostet. Die Platten werden in Tradition des Prager Broken-Music-Künstlers Milan Knizak mit Wachs präpariert, zerkratzt, zerbrochen, vergipst, verschmort und damit ihre ursprüngliche Notation mehr oder minder dekonstruiert. Aus analogen Versatzstücken entsteht prozesshaft Neues (was sich für Laien anhört wie das Beatles-Stück "Revolution Nr. 9" auf einer stark zerkratzten Platte). Klangideal ist das Gegenteil von HiFi. Jecks Effektgeräte sind billig: ein kleines Echopedal und ein Spielzeug-Sampler, der anderthalb Sekunden Tonmaterial speichern kann. Sie dienen dazu, den Klang noch weiter zu verwischen, weitere Schichten von Wiederholungen über die Schleifen der Platten zu legen. Van Bebber benutzt Wah-Wah-Pedale und Verzerrer für E-Gitarristen, um die Signale seiner Kristalltonabnehmer weiter zu modifizieren. Die CD dokumentiert die Begegnung der beiden Künstler der Broken Music, die beim BR-Medienkunst-Festival "intermedium 2" stattfand, und je ein eigenes Stück. Hier ist das Medium die Botschaft: „Low-tech gerät zum bewegenden Nachruf auf die untergegangene Welt des Vinyls...“ Repetitious, but not necessarily boring so, wie die alten Jazzer sagen. Allein der Titel in seiner artifiziell-dümmlichen Werbersprache schreckt schon ein wenig ab.