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Blumentopf live in Beirut (mit Fotostrecke)

Cinematic Orchestra

19. November, Aresco Palace, 200 Besucher Libanon? Da war doch was. Richtig: Bürgerkrieg, Zerstörung, 16 Jahre lang, bis 1991, vorher eigentlich auch, und selbst anschließend ging es kaum friedlich weiter. In jedem Dorf, jedem Stadtteil eine andere Konfession, so cirka 16 im ganzen Land, dazu w
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19. November, Aresco Palace, 200 Besucher

Libanon? Da war doch was. Richtig: Bürgerkrieg, Zerstörung, 16 Jahre lang, bis 1991, vorher eigentlich auch, und selbst anschließend ging es kaum friedlich weiter. In jedem Dorf, jedem Stadtteil eine andere Konfession, so cirka 16 im ganzen Land, dazu wurschtelt jede Groß- und Regionalmacht, die was auf sich hält, in die libanesische Politik hinein. Syrien, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Israel. Zu verlockend, dieses Tor in den Orient. Es gäbe Grund genug, eine Konzertnachlese der Münchner Vorzeige-HipHop-Crew in Beirut mit dem dürftigen Wortspiel "Blumen statt Bomben" beginnen zu lassen. Nur haben Blumentopf auf ihrer vom Goethe-Institut organisierten Tour - zuletzt wurde Clueso auf Australien losgelassen - tatsächlich eine Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen. Ungewollt, versteht sich. Ihr Konzert in Amman, Jordanien, wurde kurzfristig abgesagt, weil sich gleich neben der geplanten Location, einem Foyer des Hyatt-Hotels, einige Stunden vor Konzertbeginn selbsternannte Gotteskrieger in die Luft sprengten. Als Blumentopf dann nach Beirut kamen, dem vorletzten Stop einer Nahost-Tour von Nazareth über Amman bis Alexandria, hatte sich das Goethe-Institut als Veranstaltungsort das Aresco Palace ausgesucht. Eine Location, die von außen mit strahlend blauen Neonröhren bestückt wie ein Kino speziell für Miami Vice-Filme aussieht. Und sich von innen dann tatsächlich als Kino herausstellen sollte. Mit Sitzen, zwei Meter Platz zwischen Bühne und erster Reihe, Rauchverbot und ohne Theke. Miese Voraussetzungen für ein gutes Konzert. Fehlte bloß Popcorn-Knistern zwischen den Stücken oder Handyklingeln, das die Besitzer peinlich berührt in den Jackentaschen kramen lässt, gestraft von den verächtlichen Blicken der anderen "Kinobesucher". Dazu kam es natürlich nicht. Der Sound war viel zu fett. Zumindest als Sepalot die Bühne betrat, nachdem die lokalen Vertreter Ashekman gezeigt hatten, dass HipHop mit CD-Player statt DJ nicht wirklich funktioniert. Wie genau Blumentopf es schafften, die 200 Besucher trotz der widrigen Umstände zu begeistern, bleibt ein Rätsel. Vielleicht lag es an ihrer Erfahrung. Vielleicht auch daran, dass Blumentopf eine hervorragende Live-Band sind. Vielleicht rettete sie aber auch einfach ihre erste Ansage: "It's our first being in Libanon, our first time in Beirut - and our first performing in a cinema". Erleichtertes Lachen auf und vor der Bühne. Es konnte losgehen. Blumentopf boten darauf einen Querschnitt durch die letzten Jahre ihres Schaffens, vor allem Stücke der letzten beiden Alben ‚Großes Kino' und ‚Gern geschehen'. ‚Safari', ‚Good + Bad', das herausragende ‚Mein Block'. Der Diss "Danke Bush". Das kommt an in der arabischen Welt. Auch wenn die Aussagen der Stücke vorher in etwas holprigem Englisch erklärt werden müssen. Das Publikum - zu 90 Prozent deutsche Austauschstudenten plus einer Hand voll Beiruter HipHop-Kids - honorierte die Knochenarbeit des Topfs. Wenn auch mehrheitlich im Sitzen. Gegen Ende des Konzerts noch eine Freestyle-Session mit den Beiruter MCs Ashekman und Rayess-Bek. Dann war Schluss. Pünktlich um 10 Uhr. Vor der Tür warteten schon die libanesischen Kinogänger auf die Abendvorstellung.

Jan Kirsten Biener; Fotos: Biener + Frederic Lezmi