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Aggressiv, aber verletzlich

Chvrches über ihr Live-Set-up, #MeToo und Morrissey

Nachdem das schottische Trio seine ersten beiden Alben »The Bones Of What You Believe« und »Every Open Eye« noch in Eigenregie aufgenommen hatte, griff die Electro-Pop-Band für ihr neues Werk »Love Is Dead« nun zum ersten Mal auf einen externen Produzenten zurück. Warum, erklärten Lauren Mayberry, Martin Doherty und Iain Cook Dirk Hartmann. Außerdem sprachen sie über Dave Stewart, Veränderungen im Live-Set-up, #MeToo und Morrissey.

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Ihr habt das erste Mal mit einem Produzenten zusammengearbeitet, warum gerade mit Greg Kurstin?
Martin Doherty: Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde uns vorgeschlagen, mit anderen Leuten zu kollaborieren – diesmal hatten wir Lust drauf und haben einige ausprobiert. Mit manchen hat es funktioniert, mit anderen nicht. Mit Greg lief es am besten. Es gab diese besondere Chemie zwischen uns.

Aber zuerst wart ihr doch mit Dave Stewart von den Eurythmics im Studio, oder?
Martin: Oh ja! Das war einer von den guten Produzenten. Er ist ein sehr netter Mensch und ein unglaublicher Allround-Kreativer. Wir haben die Sessions mit ihm geliebt, und wir sind stolz auf die Songs, die wir mit ihm aufgenommen haben.
Lauren Mayberry: Wir waren wirklich deprimiert, dass es die Stücke nicht auf das Album geschafft haben, aber sie passten einfach nicht auf die finale Version der LP.
Iain Cook: Aber die Zusammenarbeit mit Dave hat in vielerlei Hinsicht den Weg geebnet. Sie hat unsere Kreativität wachgekitzelt. Wir konnten uns für neue Denkweisen öffnen. Außerdem brachten uns die Sessions mit ihm auf ein neues Level in Sachen Sicherheit – als Künstler und Songwriter sind wir daran gewachsen.

War es eine bewusste Entscheidung, dass »Love Is Dead« eure poppigste Platte geworden ist, oder hat sich das auf natürliche Art und Weise ergeben?
Lauren: In Bezug auf die erste Hälfte fühlt es sich tatsächlich so an, als ob es unsere poppigste und direkteste LP ist, die wir bis jetzt aufgenommen haben. Aber gleichzeitig ist es auch unsere aggressivste und verletzlichste. Ich denke, dass man das an Songs wie »Deliverance« erkennen kann. Dieses Stück würde man nicht auf einem normalen Pop-Album finden.

Beziehen sich die Texte auf »Love Is Dead« nur auf persönliche Dinge, oder berühren sie auch politische Aspekte?
Lauren: Ich denke, dass es eine Mischung aus beidem ist. Es gibt definitiv Stücke auf dem Album, die von persönlichen Beziehungen handeln, aber es gibt auch welche, die sich mehr damit befassen, wie es sich anfühlt, zum jetzigen Zeitpunkt auf der Welt zu sein. Mich macht es immer wütend, wenn Leute sagen, dass Musiker sich nicht zu politischen Themen äußern sollten. Denn in den meisten Songs geht es darum, wie Menschen sich fühlen, wie sie mit Dingen umgehen und wie wir uns gegenseitig wahrnehmen. Das Persönliche ist politisch, und das Politische ist persönlich.

Lauren, du setzt dich seit Jahren gegen Misogynie ein und bist feministisches Role-Model einer ganzen Generation. Was meinst du: Warum sind die #MeToo- und Time’s-Up-Bewegungen erst im letzten Jahr entstanden?
Lauren: Das liegt daran, dass das vorherrschende System darauf ausgerichtet ist, die Leute stillzuhalten. Ich habe gerade einen Podcast über Israel Horovitz, den Vater des Beastie-Boys-Mitglieds Adam Horovitz, gehört – einen Dramatiker und Schauspieler, dem sexuelle Übergriffe in mehreren Fällen vorgeworfen werden. Drei Frauen haben das schon vor 24 Jahren berichtet. Aber zum damaligen Zeitpunkt hat keine Kultur existiert, in der man bereit war, den Frauen zu glauben. Der einzige Grund dafür, dass diese Leute jetzt ihre Jobs verlieren, ist, dass so viele Leute entschieden haben, dass damit Schluss sein muss. Ich halte es diesbezüglich für essenziell, sich sowohl mit Frauen, die dasselbe denken, zu vernetzen als auch mit Männern, die verstehen, was geschieht. Ich kenne keine einzige Frau, die von #MeToo oder Time’s Up überrascht war. Aber es gab definitiv einige Männer. Deswegen ist es tatsächlich wirksam, die Konversation darüber auszuweiten. Und wenn das dazu führt, dass sich Leute weniger isoliert fühlen, dann sind sie auch weniger der Gefahr ausgesetzt, schikaniert und zum Opfer gemacht zu werden.

Wie ist es zu erklären, dass Morrissey Harvey Weinstein und Kevin Spacey noch verteidigt?
Lauren: The Smiths haben einige tolle Songs geschrieben. Aber nur weil jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt ein großartiger Künstler war, heißt das nicht, dass das, was er sagt, einfach hinzunehmen ist und man ihm Victim Blaming durchgehen lässt. Außerdem geht es darum, infrage zu stellen, wen wir in einflussreichen Positionen akzeptieren. Harvey Weinstein wurde aus der Oscar-Academy geworfen. Aber gleichzeitig vergeben wir Awards an Leute wie den Basketballer Kobe Bryant, der einer Frau Geld bezahlt hat, damit sie nicht erzählt, dass er sie vergewaltigt hat. Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, wen wir zu unseren Helden machen.

Aber warum betreibt Morrissey Victim Blaming?
Lauren: Die Kultur des Victim Blaming liegt darin begründet, dass wir in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der man davon ausgeht, dass solche Dinge nicht passieren. Aber wem gibt man die Schuld, wenn sie doch geschehen? In dieser Kultur gibt man den Frauen die Schuld. Aber Morrissey ist nicht der Einzige. Es ist traurig, denn eine ganze Generation hat zu ihm hochgeschaut, obwohl er Dinge sagt, die einfach inakzeptabel sind. Genau deshalb ist es Zeit für eine neue Bewegung – um diese Typen endgültig zu entlarven.

Noch eine letzte Frage, zu den kommenden Live-Shows: Weshalb habt Ihr euch entschlossen, in Zukunft mit einem Live-Drummer aufzutreten?
Martin: Wir haben uns entschieden, bei dieser Platte viel mehr Live-Instrumente zu verwenden. Als Resultat ist ein Album voll mit Live-Drum-Takes entstanden. Deswegen war es für uns die logische Konsequenz, einen Live-Drummer anzuheuern.

CHVRCHES

Love Is Dead

Release: 25.05.2018

A Vertigo Berlin release; ℗2018 CHVRCHES, under exclusive license to Universal Music GmbH

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