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Respekt ist alles

Chvrches im Gespräch

Im Gespräch mit Lauren Mayberry, Ian Cook und Martin Doherty kann man viel lernen. Zum Beispiel, wie das Musikbusiness in einer gerechten Welt funktionieren sollte. Oder darüber, wie man dem darin verbreiteten Sexismus begegnet. Daniel Koch traf Chvrches kurz vor dem Release ihres zweiten Albums »Every Open Eye«, das sie im November live vorstellen werden. 
Geschrieben am
Vor unserem Treffen habe ich noch einmal unseren letzten Artikel über euch gelesen. Mein damaliger Kollege schrieb gleich im ersten Absatz: »Willkommen in einer Welt der richtigen Entscheidungen. Willkommen bei Chvrches.« Könnt ihr euch vorstellen, was er damit gemeint hat?
Lauren Mayberry: Schön, dass er es so sieht. Und: Ja, ich glaube, ich weiß, was er meint. Wir haben in vielen Dingen glücklicherweise die richtigen Entscheidungen getroffen. Vor allem, wenn es um unsere Musik und das Geschäft drum herum geht. Aber ich würde das ungern als Leitfaden für andere verstanden wissen. Was für unsere Band funktioniert, muss nicht auch für andere das Beste sein.
Ian Cook: Unser Vorteil war dabei natürlich, dass wir bereits lange Zeit Teil des Musikbusiness’ waren. Wir haben da schon einiges durch. Martin Doherty: Genau das hat uns geholfen. Wir merkten früh, wie groß das Interesse an unseren ersten Songs war. Auch von Seiten der Plattenfirmen. Wer uns da nicht alles treffen wollte! Aber die Arschlöcher mit den großen Worten und dem teuer stinkenden Aftershave haben wir zehn Meilen gegen den Wind gerochen. Die waren oft nach ein paar Minuten wieder weg. Wir arbeiten nicht mit Leuten, die wir nicht respektieren. Und umgekehrt. Dieser Grundsatz gilt für alle Bereiche unseres Schaffens: Fotografen, Bühnencrew, Label, Presse, Management ...

In meinen Interviews merke ich immer wieder, dass Künstler mit den Entwicklungen im Musikgeschäft hadern und oft nicht wissen, wie sie sich positionieren sollen. Wenn man so selbstständig arbeitet wie ihr: Ist es nicht schwer, da auf der Höhe zu bleiben und die richtige Entscheidung überhaupt zu sehen?

IC: Ich mag diese weinerliche Haltung nicht, die bei vielen durchkommt. Die Musikindustrie entwickelt sich gerade im rasenden Tempo weiter. Jeden Tag gibt es was Neues. Da ist es wichtig, dass man sich mit Leuten umgibt, auf deren Urteil man vertraut. Ich finde, gerade ist eine großartige Zeit, um Musiker zu sein. Heutzutage haben viel mehr Leute die Möglichkeit, deine Musik hören zu können.  MD: Genau. Der Hunger nach Musik ist durch Streaming riesig geworden und wird weiter ansteigen. Anstatt sich darüber zu beklagen, sollten Musiker ihre Energie nutzen, um genau dort Transparenz zu erzwingen. Das ist nämlich der Schlüssel zu allem: Jeder muss sehen können, wer daran wie viel verdient. 


Lasst uns über »Every Open Eye« sprechen: Ihr habt das Album wieder im eigenen Studio in Glasgow aufgenommen, selbst produziert, komplett geschrieben, und es gibt weder ein Gastfeature noch irgendwelche Remixe. Sehr ungewöhnlich für eine elektronische Popband, findet ihr nicht? 
MD: Mag sein. Aber genau darauf sind wir ungemein stolz. Wir sind eine der wenigen Bands, die es in die Top 10 geschafft und jeden einzelnen Song selbst produziert haben. Machen wir uns nix vor: Normalerweise läuft es in der Popmusik doch so, dass man elf Leute für das Songwriting hat, vier für die Texte, sich eine Persönlichkeit sucht, zu der dieser Song passt – und dann sperrt man diese mit Max Martin so lange in ein Studio, bis man mit einer Hitsingle wieder rauskommt. Ich wäre lieber Max Martin als der Tanzbär, der seinen Song singen muss. Versteh mich nicht falsch: Der Typ ist ein Genie und unantastbar. Ich respektiere ihn, für das, was er macht. Aber ich will lieber mein eigenes Team sein, anstatt eines zu haben. Ich war lange Zeit Session-Musiker und fühlte mich dabei schnell unwohl. Ich kam mir vor wie ein Betrüger. Jede positive Erfahrung hatte einen faden Beigeschmack, weil ich immer dachte: »Ich verdiene das nicht. Es gehört mir nicht.« Ich muss selbst künstlerisch involviert sein, um eine emotionale Bindung zur Musik zu haben.
IC: Wenn du mit deinem eigenen Kram auch noch Erfolg hast, fühlt es sich wirklich großartig an. Weil die Musik ein Teil von dir ist. Und wenn du es verkackst, musst du eben selbst damit klarkommen. MD: Aus unserem Team hat uns übrigens noch nie jemand gefragt, ob wir einen Produzenten haben wollen. Man vertraut uns und weiß, dass uns unwohl dabei wäre. Früher war ein Produzent ja eher der Typ, der die Aufnahmen organisiert hat und versuchen musste, aus einem Haufen Alkoholiker oder Junkies eine gute Session herauszukitzeln. Heutzutage arbeiten sie fast wie eigenständige Musiker und reden dir ins Songwriting rein.
LM: Aber auch hier gilt: Jeder so, wie es für ihn passt. Die Popgeschichte hat viele Stars hervorgebracht, die es anders gemacht haben. Elvis zum Beispiel, oder Whitney Houston – große Stimmen, für die große Songs geschrieben wurden. Oder denke nur an die Motown-Hits. Wir sind einfach glücklich, dass wir alle Teile des Handwerks selbst beherrschen und nicht auf Kollaborationen angewiesen sind. Gleiches gilt für Remixe oder für Features: Es ist eine bewusste Entscheidung von uns als Band, darauf zu verzichten. Wobei wir wirklich ständig gefragt werden. Ich weiß nicht, ob das am Genre liegt. Wären wir eine Rockband, würde man uns damit vermutlich in Ruhe lassen. Für mich ist die Vorstellung absurd. Wir wollen Alben machen, die eine Konsistenz haben, die als Ganzes Sinn machen – das würde mit einem beigelegten Gästebuch nicht funktionieren. 
IC: Stimmt, diese Alben klingen im besten Falle wie Greatest Hits ...
MD: ... und im schlimmsten, als hätte da jemand seine berühmten Freunde ins Studio gesperrt, bis jeder mal einen Song gesungen hat.

Lauren, eine Frage noch an dich: Du hast dich vor knapp zwei Jahren in einem Kommentar im Guardian sehr offen über die
sexistische Kackscheiße geäußert, der weibliche Popstars täglich – überwiegend im Internet – ausgesetzt sind. Ist es seitdem spürbar besser geworden?

LM: Leider nicht. Aber für mich oder für uns ist es seitdem leichter, damit fertig zu werden. Der Beitrag hat geholfen, die Diskussionen darüber am Leben zu halten. Es nicht zu akzeptieren. Wir haben viel Zuspruch erfahren und wissen jetzt, dass wir damit nicht allein sind. Dass wir diese Arschlöcher ins Licht zerren können. Dass wir ein Netzwerk haben, das immer wieder auf dieses Problem aufmerksam machen kann. Trotzdem schockiert es mich noch immer, wie viel Aggression gegen Frauen und wie wenig Empathie generell im Internet zu finden sind. Das ist ekelerregend. Wann ändert sich das endlich? 
Chvrches »Every Open Eye« (Vertigo Berlin / Universal / VÖ 25.09.15) 

CHVRCHES

Every Open Eye (Special Edition)

Release: 25.09.2015

℗ 2015 Chvrches, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH

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