×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Befehl von ganz unten

Chvrches

Die unverhofften Synthie-Pop-Newcomer über unlautere Plattenfirmen-Verträge, den Mühlstein Indie-Rock und das Erbe von Fugazi.
Geschrieben am

Es ist so schlimm! Neuerdings kann keiner mehr von der Musik leben! So ein Quatsch. Richtig ist: Die allermeisten Musiker lebten entgegen anderslautender Behauptungen schon immer prekär. Gerade solche, denen es zunächst um den Zauber ihrer Musik und erst im zweiten Schritt darum ging, diesen Zauber auch zwingend in ein stetig fließendes Einkommen ummünzen zu wollen.
Neu und in hohem Maße frustrierend scheint 2013 nur die sich immer weiter verdichtende Komplexität des Berufs Musiker. Um das bisschen Geld, das sich heutzutage noch verdienen lässt, auch einzustreichen, bedarf es vieler, oft aufreibender, zum Teil sogar ziemlich würdeloser Anstrengungen. Ständige Selbstpromotion auf allen Kanälen. Ewige Tourneen bis an den Rand des Burn-outs. Schnell veröffentlichte Songs, Alben oder EPs, für die sich die Bands oft gerne mehr Zeit gelassen hätten – wenn sie sich jene denn hätten leisten können. Heute, das ist mal sicher, sollte man als Band besser keine falsche strategische Entscheidung treffen. Sonst ist man schnell raus, ausgebrannt, pleite oder aufgelöst. Von dieser 2013 omnipräsenten Endzeit-Musikwirtschaftsstimmung auf die federnden Synthie-Pop-Tracks der sympathischen Band Chvrches überzuleiten mutet vielleicht zynisch, mindestens aber hölzern an.

Doch das Glasgower Trio existierte nicht zufällig Anfang 2012 noch als Kellerprojekt ohne Namen auf einer Festplatte, um im Sommer 2013 für einige Auftritte mit Depeche Mode auf Stadiontour zu gehen. Die Mitglieder von Chvrches kamen nur deshalb so schnell so weit, weil sie vieles anders handhaben, was andere Bands tagaus, tagein irgendwo auf der Welt zerstört: den miesen Touralltag, den kilometerlangen Stau auf der Einbahnstraße Indie-Rock und den Druck eines Erfolgs, der sich nie einstellt. Letzterer ist übrigens noch viel schlimmer als der Druck eines Erfolgs, der schon da ist und von dem entsprechend immer nur die großen Stars reden – die paar, die noch übrig sind. Willkommen in einer Welt der richtigen Entscheidungen. Willkommen bei Chvrches.

 

Newcomer des Jahres am Arsch

 

Blickt man in die Gesichter der Enddreißiger Martin Doherty und Iain Cook, wünscht man sich unmittelbar, man hätte dies auch getan, als die beiden um die Jahreswende 2012/2013 von den Vorschusslorbeeren britischer Medien für ihre Band Chvrches erfuhren. Es dürfte sie gefreut, aber auch belustigt haben, nach den beiden ins Internet gestellten Tracks »Lies« (Mai 2012) und »The Mother We Share« (September) für das kommende Jahr als verheißungsvolle Newcomer gehandelt zu werden. »Newcomer« ist nämlich ein ziemlich guter Witz: Doherty und Cook eint jahrzehntelange Erfahrungen in Bands. Man kann sie auf Wikipedia und zum Teil auch in ihren Gesichtern ablesen. Diese beiden vermeintlichen Neulinge hatten sich unterschwellig wohl eher schon damit abgefunden, die kommerziellen Karrierechancen längst hinter sich gelassen zu haben. Sofern die jemals bestanden.

 


Dabei spielten Martin Doherty und Iain Cook in der Vergangenheit in einflussreichen, wenn auch nicht übertrieben erfolgreichen Indie-Rock-Bands. Allesamt auch bekannt aus diesem Magazin: Cook war Gitarrist der von ihren Fans fast kultisch verehrten Band Aereogramme. Seit deren Auflösung 2007 bestreitet er das aus Aereogramme entstandene Duo Unwinding Hours mit. Doherty spielte zwischen 2008 und 2012 Keyboard bei den Live-Shows von The Twilight Sad. Als die beiden acht Jahre, nachdem sie sich an der Uni in Glasgow kennengelernt hatten, 2011 auf die Idee kamen, nicht nur andere Bands aufzunehmen, sondern erstmals auch gemeinsam Musik für ein noch unbenanntes Projekt zu schreiben, hingen ihnen die Erlebnisse als Teil von Indie-Rockbands nach.


»Ich spürte«, erinnert sich Martin Doherty, »dass ich einfach keinen Bock mehr hatte, jeden Abend eine 8x10-Zoll-Bassbox auf eine Bühne zu wuchten. Diese riesige Backline, die man braucht, um als Rock-Band live zu spielen, damit waren wir fertig.« Teil des Gründungsmythos’ von Chvrches war damit der unbedingte Wille zur ästhetischen und personellen Minimierung. Auch aus Kostengründen.
»Wir wollten endlich Musik machen, mit der man ohne großen Aufwand auf Tour gehen kann. Auch per Flugzeug, um so möglichst viele Leute erreichen zu können, ohne dabei Abertausende von Pfund für den Transport ausgeben zu müssen.« Doch von einer Tour war man noch weit entfernt. Ebenso von fertigen Songs oder einem Bandnamen. Oder einer Sängerin. Bis Lauren Mayberry alles veränderte.

 

Die Verwandlung

 

Der über viele Monate in Iain Cooks Kellerstudio in Süd-Glasgow sorgsam durchproduzierte Synthesizer-Pop, den man nun auf dem Chvrches-Debütalbum »The Bones Of What You Believe« zu hören bekommt, klingt einnehmend, präzise und hochemotional. Gleichzeitig rollt er wie auf Schienen. Die Tracks wirken leichtgängig, obwohl viel Arbeit in ihnen steckt. Es scheint schwer vorstellbar, dass diese Band einmal völlig anders klingen sollte als so, wie sie heute klingt. Ursprünglich hatten Martin Doherty und Iain Cook aber sogar überlegt, die ersten gemeinsamen Songs anderen zu geben. Es hätte sie selbst in Frührente geschickt – der Weg von der Bühne herunter und hinein in die klein abgedruckten Song-Credits auf den Alben anderer Musiker. Dann hatten Chvrches 1.0 eine vermeintlich bessere Idee: Martin sollte alle Stücke selbst singen. Auch ein seltsamer Gedanke aus heutiger Sicht. Es kam bekanntlich anders.

 


»Wenn man in Glasgow auf der Straße einen Stein in die Menge wirft, trifft man wahrscheinlich einen Musiker«, gießt Martin Doherty den erstaunlichen Pop-Mythos Glasgows in einen markigen Satz. Unbeabsichtigt beschreibt er dabei auch die eigene Bandgeschichte. Lauren Mayberry traf, um beim Bild zu bleiben, der Stein, als sie Ende 2011 mit ihrer eher mittelmäßigen Folk-Band Blue Sky Archives Aufnahmen bei Iain Cook machte. Später wurde sie von ihm für die Backing-Aufnahmen erster Chvrches-Demos eingeladen. Aus »Background« wurde sofort »Foreground«. Plötzlich stand man jeden Tag zu dritt im Studio. Der Plan, der bei der jungen alten Band schnell reifte, lautete zunächst: genug Songs produzieren, bevor man sich an die Öffentlichkeit wagt. Doch aus einer spontanen Laune heraus stellten Chvrches dann doch das Stück »Lies« ins Netz. Es war der 10. Mai 2012. Der Tag, an dem sich alles änderte.

Nächtelang Verträge gelesen – und alle abgelehnt

 

Mit Lauren Mayberry kamen die Stimme, neues Know-how und die meisten Texte zur Band. Zwischen der 1988 geborenen Sängerin und ihren deutlich älteren Mitmusikern mag es einen optischen Bruch geben – bestimmt aber keinen Erfahrungsnachteil. Lauren spielte jahrelang Schlagzeug in diversen Bands und ist laut Martin Doherty in der Lage, die von ihm bei Konzerten auf einem Pad angeschlagenen Samples mit einer Hand präziser zu spielen als er mit zweien.
Sie singt fantastisch. Sie hat vier Jahre Journalismus- und vier Jahre Jura-Studium hinter sich. Sie ist ein Glücksfall für eine Band, die sich kurz nach Gründung mit einem überraschenden Buzz im Internet genauso konfrontiert sah wie mit den unweigerlich darauf folgenden windigen Geschäftsleuten. Nächtelang las sich Lauren interessiert durch Verträge. Für ihre Bandkollegen markierte sie darin kritische Passagen, über die am nächsten Tag diskutiert wurde.


»Es gab frühe Vertragsangebote einiger Plattenfirmen«, erinnert sie sich, »die habe ich gelesen und dachte: ›Ist das hier wirklich euer Ernst?‹ Niemals hätte ich den Scheiß unterschrieben. Ich spiele gerne in einer Band, aber auch nicht so gerne, dass ich dafür irgendwem meine Seele verkaufen möchte.« Martin Doherty ergänzt glücklich: »Wenn mir auch nur irgendeiner der Verträge, die uns jetzt angeboten wurden, mit 18 vorgelegen hätte, ich hätte ihn unterschrieben. Jeden von ihnen. Und uns wurden ein paar wirklich beschissene Verträge vorgelegt.« Bei Chvrches, das merkt jeder, der das Glück hat, mit ihnen zu sprechen, trifft Haltung auf Demut. Hier ist niemand bereit, sich zum Affen zu machen für ein paar Pfund mehr. Aber jeder ist glücklich, einmal zu erleben, wie schön es sein kann, als Band nicht ständig um jeden Millimeter Strecke kämpfen zu müssen.


Entsprechend lang zog sich der Prozess, bei einem Label zu unterschreiben, hin. Zu viele »beschissene Leute« habe man treffen müssen, wie die Band nicht ohne einen gewissen Grad an Begeisterung in all dem Ekel erzählt. »Ich war erstaunt«, strahlt Lauren Mayberry, »dieses Plattenfirmen-Heini-Klischee stimmt teilweise wirklich! Der Typus sieht zwar nicht mehr so aus wie ein fieser Schleimer aus den 80ern, aber es ist immer noch das gleiche Alphamännchen, das Sätze sagt wie: ›Darling, ich werde eure Träume Wirklichkeit werden lassen.‹ Wow. Denen schüttelt man dann zum Abschied die Hände und rennt zur Toilette, um sie sich zu waschen.«


Heute sind Chvrches in komplexe Vertragsgeflechte eingebunden, die viele Rechte bei ihnen belassen und von Land zu Land unterschiedliche Partner mit einbeziehen – vom kleinen Indie-Label bis, wie in Deutschland, zum Branchenriesen Universal. Warum, ist klar. »Niemand mag die Geschichten über Bands, die mal toll waren und dann von Leuten gesignt wurden, die das Projekt in eine völlig andere Richtung zogen«, sagt Martin Doherty. Am wenigsten er selbst.

 

Fugazi statt Depeche Mode

 

Chvrches mögen dank ihres Fuhrparks an alten analogen Synthesizern klingen wie ein gemeinsames Studioprojekt von New Order und Robyn. Doch die Band denkt nach wie vor in Rock-Kategorien. »Wir sehen uns insgeheim selbst noch als Indie-Band, die mittlerweile auf Synthesizer steht«, sinniert Iain Cook. Martin Doherty ergänzt, das läge auch daran, dass die Art aufzunehmen dieselbe sei. »Wenn Gitarren-Bands ins Studio gehen, nehmen sie die einzelnen Spuren in horizontaler Richtung auf. Erst das Schlagzeug eines Songs, dann den Bass und so weiter. So machen wir das auch noch. Produzenten von elektronischer Musik arbeiten tendenziell eher vertikal. Schichten Spuren, loopen das Material auf der Stelle.« Auch die Geisteshaltung von Chvrches gleicht der politisierten Undergroundband, die genau auf ihre Umwelt achtet.


Das Musikbranchen-Festival South By Southwest in Texas etwa, von dem jedes Jahr im März so viele Indie-Touristen schwärmen, ließ die Band offenbar nur zu gerne hinter sich. Es sei ein inhaltlich gutes Festival, aber dort würde es nur um das Geschäft gehen. Statt das Album »zu promoten«, reden Lauren Mayberry, Martin Doherty und Iain Cook lieber über Online-Ticket-Firmen. »Die sind uns ein Dorn im Auge«, fährt der eher zurückhaltende Doherty regelrecht aus der Haut. »Wir sind eine kleine Band, aber selbst wir haben schon Shows gespielt, wo solche Firmen mehr vom Ticketerlös hatten als wir. Das ist einfach unfair. Da wird Musikfans grundlos das Geld aus der Tasche gezogen. Aber uns sind da die Hände gebunden.«


Verständnis haben Chvrches hingegen für Bands, die sich in Maßen der kommerziellen Verwertung ihrer Musik öffnen. Lauren, deren moralischer Maßstab sich an der Washingtoner Post-Hardcore-Band Fugazi zu orientieren scheint – so oft, wie deren Sänger Ian MacKaye von ihr zitiert wird –, erzählt: »Ich habe mal ein Interview mit Fugazi gelesen, da traten die eben nicht so radikal auf, wie man das erwarten könnte. Sie betonten vielmehr, dass sie es früher leichter gehabt hätten und es heute viel akzeptierter sei, seine Musik für Werbung oder TV-Serien herzugeben. Sie betonten, wie viel Glück sie gehabt hätten, mit ihrem Label Dischord früher bei ihrer Haltung überhaupt Geld verdient zu haben. Das hat mich überrascht.«


Was das für die eigene Bandgeschichte heißt, die gerade erst beginnt? Darüber sind sich Chvrches einig: »Wir müssen einen Weg finden, mit dem sich unser Statement und die Tatsache, dass auch etwas Geld reinkommen muss, die Waage halten«, sinniert Lauren. Dass es eine Band nicht jedem Fan recht machen kann, wissen aber auch Chvrches. Mit spürbarem Schauer verweist Lauren Mayberry wieder auf Fugazi: »In einer Doku über die Band habe ich gesehen, wie Fugazi nach der Veröffentlichung von ›The Argument‹ von einigen Fans vorgeworfen wird, sie würden sich musikalisch beim Mainstream anbiedern. Da ist dann tatsächlich von ›Ausverkauf‹ die Rede. Da zucke ich als Musikerin zusammen. Wenn man als Fan sogar schon Fugazi den Sell-out vorwerfen kann, wie absurd hoch ist denn dann die moralische Messlatte, die manche Menschen anlegen?«


Chvrches, das scheint sicher, müssen die Fan-Nemesis nicht fürchten, solange sie weiter ihren Erfahrungen und ihrer Intuition vertrauen, immer nur auf den nächsten Schritt achten. Auch wenn die schneller aufeinander folgen könnten als erwünscht, sobald das Formatradio kapiert hat, wie viele potenzielle Singles »The Bones Of What You Believe« enthält.