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"Extremely Cool"

CHUCK E. WEISS

Nach wenigen Sekunden und den ersten Akkorden ist zunächst mal eines klar: hier muß ein alter Sack am Werk sein. Und um jeder despektierlichen Konnotation vorzubeugen: ein alter Sack ist nicht, wer sich einmal jährlich aus dem Bürostuhl lupft, um nach vier Halben mit den Amtsbrüdern "Born To Be Wild
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Autor: intro.de

Nach wenigen Sekunden und den ersten Akkorden ist zunächst mal eines klar: hier muß ein alter Sack am Werk sein. Und um jeder despektierlichen Konnotation vorzubeugen: ein alter Sack ist nicht, wer sich einmal jährlich aus dem Bürostuhl lupft, um nach vier Halben mit den Amtsbrüdern "Born To Be Wild" zu singen. Ein alter Sack im besten Sinne trägt das, was man gemeinhin als wilde Zeiten verklärt, in Form von Furchen und Augenringen mitten im Gesicht, ist einem urwüchsigen Klang-Kosmos verhaftet und selbstverständlich gegen musikalische Vergreisung geimpft. So Chuck E. Weiss, der stickige Clubs den Spielzeugautos vorzog, als Teenager für Sam Lightnin' Hopkins trommelte und später mit Willie Dixon, Dr. John und seinem Busenfreund Tom Waits spielte. Dennoch landete der Sonderling nur einmal - und dann auch noch vollkommen passiv - in den Charts, besungen von Ricki Lee Jones in "Chuck E.'s In Love". Daran wird sich auch mit "Extremely Cool", dem ersten Album nach einer Latenz von 18 Jahren, nichts ändern. Das ist so, weil die Welt eben ist, wie sie ist, und weil Chuck E. ist, wie er ist: ein kauziger Individualist. Was der Mann "Swamp-Boogie" nennt, atmet als schräge, urige Melange aus Blues, Jazz, Cajun, Boogie-Woogie und Rock'n'Roll die Atmosphäre verrauchter Clubs und schmuddeliger Bars aus jeder Pore, verströmt diesen dreckigen Charme, der in der Grauzone zwischen Kopfschmerz und Koma wohnt, daß man fast meint, die überschminkten Huren mit der Whiskeyfahne hinter dem Piano kichern zu hören, während Chuck E. röhrt, greint, winselt, sich gar zum parodistischen Falsett versteigt und mit einer Stimme, die von abgrundtiefer Verachtung für Zigarettenfilter zeugt, die Geschichte eines Jungen erzählt, der die Liebste im Bett seiner Mutter findet. Ein Fazit, das treffender wäre als der Albumtitel, läßt sich nicht finden. "Extremely Cool": nomen est omen. Basta.