×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Chris Clark

Wer zum Teufel ist eigentlich...

Chris Clark schläft neben seinem Synthesizer. So kann er direkt nach dem Aufstehen am Modularsystem rumfummeln. Vielleicht klingt das sechste Album des in Berlin lebenden Produzenten deswegen wie ein neues Erwachen.
Geschrieben am

Musik zu machen heißt immer auch ein bisschen zu scheitern. Chris Clark, der seine Musik als Clark veröffentlicht, macht sich da keine Illusionen. Aber woran liegt es bloß, dass selbst solch grausame Wahrheiten noch einen euphorischen Klang bekommen, wenn man sie aus seinem Mund hört? Dass seine tief liegenden Augen dabei noch mehr aufleuchten also ohnehin schon? Vielleicht, weil er seinem Paradies, dem höchsten an sich selbst gestellten Anspruch, doch wieder ein Stück näher gekommen ist. Ganz darf man das Ziel ohnehin nicht erreichen, sonst ist Schluss mit allem Verlangen und allem Schaffensdrang. »Gute Musik muss nach mehr schmecken. Sie muss etwas an sich haben, das dich süchtig macht, von dem du nie wirklich genug bekommen kannst.«

Clark hat diese Art von Droge selbst am eindrücklichsten auf Raves im Londoner Umland Mitte der 90er erlebt. Einige Jahre später wurde er als 20-Jähriger von Warp gesignt, wo er sich zu einem der eigenwilligsten Visionäre elektronischer Musik entwickelte. Konnte man seine jüngsten Veröffentlichungen noch notdürftig unter Avantgarde-Techno einordnen, müsste nun wieder ein völlig neues Etikett her, denn Clarks sechstes Album »Iradelphic« markiert einen radikalen Wandel: Er spielt Gitarre, singt, hat für zwei Songs die alte Tricky-Weggefährtin Martina Topley Bird ans Mikrofon gebeten und alles mit einer warmen 60er/70er-Sound-Patina belegt.

Einige der Aufnahmen und Ideen sind schon vier, fünf Jahre alt, entstanden also seltsamerweise zur selben Zeit wie die harschen Beats seines 2008er-Albums »Turning Dragon«. Clark findet es heute auch etwas schräg, dass er damals gleichzeitig in den Clubs Techno zerstückelte und Bassdrum-Gezerre fabrizierte und anschließend im Hotelzimmer intim auf der Gitarre klampfte. Aber letztlich stand die Zerrissenheit eben für den großen Drang zur Veränderung, den er zu dieser Zeit verspürte. »Das hatte schon fast etwas Zwanghaftes«, sagt er. Dass er das neue Album im Vorfeld großmäulig als »unbesiegbar und vollkommen« bezeichnete, wirkt, wenn er es am kleinen Küchentisch seiner gut abgewohnten Prenzlauer-Berg-Wohnung näher erklärt, eher mit bedingungsloser Begeisterung aufgeladen als mit Egomanie: »Ich meine mit ›unbesiegbar und vollkommen‹ etwas, das hermetisch vom Rest der Welt abgeschlossen ist und in seiner eigenen Realität existiert. Ich weiß nicht, ob Musik das je erreicht hat. Aber es lohnt sich, das anzustreben.«