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China Miéville

Fantastische Welten erkunden mit ...

Der Londoner Schriftsteller China Miéville schreibt seit über zehn Jahren ungewöhnliche Fantasy-Romane samt Drum'n'Bass-Soundtrack und Insektenwesen mit Gendertrouble. Auch sein aktuelles Buch »Der Krake« ist ein gutes Beispiel für fantastischen Realismus.
Geschrieben am

Wer bei Fantasy an Hobbits, Elfen und Drachen denkt, liegt zwar oft richtig, wird aber bei der Lektüre von China Miévilles Romanen überrascht. Was der englische Autor in seinen Büchern veranstaltet, die unter diesem Genre firmieren, hat mit dem herkömmlichen »Die Guten machen die Bösen platt«-Schema wenig zu tun. Der Ausgangspunkt seiner Fantastik ist die Realität – statt Harfenmusik hört man bei Miéville lieber Drum'n'Bass. Die Hauptstadt dieser Musik ist nicht nur der Wohnort des 1972 geborenen Autors, sondern auch der Schauplatz seines Debüts, »König Ratte«, aus dem Jahr 1998. Mit seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden achten Roman wählt Miéville zum wiederholten Mal London als Schauplatz der Handlung: »Ich nehme mir aus jeder Stadt etwas mit; ich bin da gierig: Was mir gefällt, bekommt einen neuen Platz in meinem Kopf.«


»Der Krake« beginnt damit, dass ein solches Tier in Riesenform über Nacht aus dem Naturhistorischen Museum verschwindet. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Einbruch. Die Sache ist so rätselhaft, dass sich schon bald eine Sondereinheit Scotland Yards einschaltet, die sich auf übernatürliche Phänomene spezialisiert hat. Denn im Untergrund Londons tummeln sich unzählige Kulte und Sekten, deren Mitglieder allerdings keine Kutten tragen, sondern zum Beispiel als Motorrad-Gang für Angst und Schrecken sorgen, wobei sich der Anführer dieser Gang als sprechendes Tattoo entpuppt. Es existieren langjährige Feindschaften und Nichtangriffspakte, und mitten in dieses Netz wird nun Billy Harrow gezogen. Am Ende kann nicht einmal das Meer, das tatsächlich eine eigene Botschaftsbehörde unterhält, seine Neutralität wahren ...

Wie die anderen Romane und Erzählungen China Miévilles besticht auch »Der Krake« mit verblüffenden und manchmal beängstigenden Einfällen. Doch der Ideenreichtum verkommt nicht zum Selbstzweck, weil der erklärte Sozialist Miéville sein Genre keinesfalls als Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag versteht, sondern im Gegenteil die Fantasy nutzt, um reale soziale Probleme und Fragestellungen in einen neuen Zusammenhang zu setzen: »Manche Autoren sagen, dass Literatur politisch neutral sein sollte. Ich finde das lächerlich. Nichts ist unpolitisch, und schon gar nicht Literatur. Es ist nicht die Aufgabe eines Buches, eine Lösung oder Ideologie zu propagieren, aber das heißt nicht, dass ein Buch keinen Standpunkt hat.«

Fantastische Lebensformen sind bei diesem Autor immer auch andere Lebenskonzepte, die unsere Wirklichkeit auf den Prüfstand stellen. Viele seiner Helden sind Randfiguren, Flüchtlinge, Ausgestoßene. So stellt Miéville in »Der Eiserne Rat« – einem von mehreren Romanen, die in der fiktiven Welt Bas-Lag spielen – einen schwulen Helden in den Mittelpunkt und schildert in seinem Bas-Lag-Hauptwerk »Perdido Street Station« eine tabuisierte Liebe zwischen Mensch und Insektenwesen. Wer China Miévilles popkulturell anspielungsreiche Romane liest, verliert sich nicht in fremden Welten, sondern sieht im Gegenteil die Realität mit neuen Augen.

China Miéville
Der Krake
Bastei Lübbe, 736 S., € 8,99