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Im Zeichen der Vulva

Cherry Glazerr live in Berlin

Hits haben sie einige, ohne Studioeffekte werden beim Konzert in Berlin aber ein paar stimmliche Schwächen bei Cherry Glazerr deutlich. Halb so wild, denn die werden von Clementine Cleevy an der Gitarre locker wett gemacht.
Geschrieben am
13.5. Berlin, Badehaus Szimpla

Im Badehaus Szimpla kann man sich nach sechs kalten Wochen schon mal einen Eindruck davon machen, wie sich der Sommer in Berlin anfühlen wird. Die gemütliche Venue ist mit etwa 150 Besuchern offiziell ausverkauft, und obwohl man sich größtenteils relativ frei bewegen kann, ist es nach wenigen Minuten schon heiß genug, um sich den Badebetrieb zurückzuwünschen, falls es hier jemals einen gegeben haben sollte. 

Mitschuld daran sind auch Cherry Glazerr, das Quartett aus Los Angeles, in dessen quietschigem Indierock viele der Elemente zu finden sind, die das Publikum früher auf Smashing-Pumpkins-Konzerten zum Hüpfen gebracht haben. Vor der Bühne stehen allerdings definitiv mehr junge Frauen als damals, die Sängerin Clementine Creevy so anschauen wie eine Reinkarnation ihrer selbst aus einem früheren Leben. Vielleicht schauen sie auch die Dekoration an, die aus gemalten bunten Vulven besteht. Sie symbolisieren offenbar das Gute, Schöne und Lustige, und ohne dass dabei viel hinterfragt werden muss, einigt man sich darauf, dass alle Anwesenden auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. 

Clementine Creevy wählt hierfür gerne eine Persönlichkeit aus dem Fundus der Verrückt-aber-harmlos-Fraktion: Rollende Augen, spitze Schreie, herausgestreckte Zungen, irres Gelächter. Das Publikum wird bevorzugt mit »You Sickos!« angeredet, und als es einmal dem Wunsch der Band nach einer La-Ola-Welle nachkommt, lautet die nächste Aufforderung: »Und jetzt spuckt in den Mund der Person neben euch!« Derlei Exzesse liegen den Anwesenden allerdings fern. Lieber kreischen sie dem Doppelwhopper »Told You I’d Be With The Guys/Nurse Ratched« entgegen, den zwei Songs vom neuen Album »Apocalipstick«, die sich am hartnäckigsten ins Hirn brennen. 

Beim Vortrag fällt jedoch auch auf, dass Clem Creevy die Art von Stimme hat, die eine ganze Rock’n’Roll-Karriere nachhaltig torpedieren kann. Zwischen den zwei Gangarten »Unhörbares Flüstern« und »Modulationsloses Brüllen« stehen der Sängerin anscheinend keine weiteren Optionen zur Verfügung, und ohne Studio-Magie lässt sich dieses Defizit auch nicht kaschieren. Dafür ist die Neunzehnjährige an der Gitarre ziemlich gut. Kaum ein Song kommt ohne ein kratzbürstiges Solo aus, das die Rolle der Gitarrenheldin gleichzeitig fortschreibt und konterkariert. Beim KISS-via-Melvins-Cover »Going Blind« gibt es sogar Szenenapplaus, und nach dem Ende des regulären Sets tatsächlich noch eine Zugabe, ganz untypisch für die Band. Der Charme des Auftritts liegt genau in diesem wissenden Umgang mit Spontaneität, Spaß und Schnöseligkeit – eine selbstironische Garagenclique, die nichts so richtig ernst nimmt und sich irgendwie trotzdem auf einer Welttournee wiederfindet. Als das Konzert zu Ende ist, ist es am nördlichen Himmel sogar noch etwas hell. Entweder ein Zeichen dafür, dass der Sommer nun wirklich vor der Tür steht.

Cherry Glazerr

Apocalipstick

Release: 20.01.2017

℗ 2017 Secretly Canadian