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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Last Exit Mainstream

Chemical Brothers

Section 1: Your Journey To The Station. London im Dezember. Ich warte jetzt schon elf Minuten auf den Zug in Richtung Earl's Court, aber noch will die Anzeige keine Minutenzahl bis zum Eintreffen der U-Bahn ausspucken. Immerhin hätte ich noch drei weitere Möglichkeiten, wie ich zur High Street Kensi
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Section 1: Your Journey To The Station. London im Dezember. Ich warte jetzt schon elf Minuten auf den Zug in Richtung Earl's Court, aber noch will die Anzeige keine Minutenzahl bis zum Eintreffen der U-Bahn ausspucken. Immerhin hätte ich noch drei weitere Möglichkeiten, wie ich zur High Street Kensington gelangen könnte, aber das Umsteigen auf District- oder Circle-Line bleibt mir eh nicht erspart, und so setze ich weiterhin auf die blaue Piccadilly-Line. Am Eingang von Covent Garden drückt mir ein Bahnbeamter ein Formular in die Hand. Darin bittet Adam Goulcher von London Underground Limited um ausgerechnet meine Mithilfe. Der London Travel Survey soll helfen, den Dienst der Tube noch kundengerechter zu stricken, und diesen Einfall verdanken die Londoner wohl dem Ex-Chef der New Yorker U-Bahn.

Seit gut drei Jahren managt er die von Verspätungen, Ausfällen und Stationsbränden gebeutelte Tube, und gleich die erste Frage lässt sich meinerseits spielend beantworten: Woher kommen Sie gerade? Ich kreuze Shopping und Airport gleichzeitig an, und allein das wird sehr wahrscheinlich den Nutzwert der Studie um 24,5% senken. Egal, nächste Frage: Warum wollen Sie zu ihrem Zielort reisen? Ich überlege, ob ein Interview mit den Chemical Brothers unter "visiting friends / relatives" oder "personal business" fällt?

Section 2: Your Journey

Ed Simons hat kurze gekräuselte Haare und heißt mit vollem Namen Edmund John Simons (*1970). Sein Partner Tom Rowlands hat längere Haare und brauchte in der Geburtsurkunde etwas mehr Platz; er heißt eigentlich Thomas Owen Mostyn Rowlands (*1971) und nennt als eigenen musikalischen Urknall die gleichzeitige Entdeckung von Public Enemy und The Jesus And Mary Chain. Tom und Ed treffen sich 1989 beim Geschichtsstudium an der Uni von Manchester, und alles, was folgt, entspricht der fast schon klassischen Bedroom-Producer-Karriere. 1993 hört Andrew Weatherall ihren ersten gemeinsamen Track "Song To The Siren" und nimmt sie auf das Label Junior Boys Own.

Es folgen für alle beeindruckende DJ-Sets, und beide nennen sich in dieser Funktion Dust Brothers. Da dies dem Namensvorbild, den amerikanischen Produzenten Dust Brothers (z. B. Beastie-Boys-Album "Paul's Boutique" oder der Soundtrack zu "Fight Club"), nicht gefällt, heißen sie ab 1995 Chemical Brothers. Im gleichen Jahr erscheint ihr erstes Album "Exit Planet Dust", doch der gern niedergeschriebene Durchbruch kommt erst 1997 mit "Dig Your Own Hole". Danach folgen im jährlichen Abstand die Werke "Gonna Work It Out" und "Surrender".

Kreuzen Sie unten links an, wenn Sie keines dieser Alben besitzen und auch noch nie gehört haben, dass die Chemical Brothers und Prodigy daran schuld sind, wenn Amerikaner sich als Raver verkleiden.

Section 3: The Station

Während Big Beat und 2Step schon fast mit den Spinnenweben der Musikgeschichte überdeckt sind, halten Tom und Ed nun, zwei Jahre später, wieder an einer neuen Albumstation: "Come With Us".

An einem späten Nachmittag in einem gehobenen Hotel Nähe High Street Kensington wirken beide durchschnittlich gelangweilt, und noch vor der ersten Frage habe ich einen leichten Wahn von Sinnlosigkeit. So, als wolle man David Copperfield fragen, warum zaubern überhaupt Spaß mache. Warum wohl machen die Chemical Brothers Musik, die wie ein Lehrbuch der Tanztricks abläuft? Ein Snarewirbel hier, ein klassisch gesetzter Break da und eine Frauenstimme dort. All systems ready, steady, go!

Journalist xy braucht etwas zu schreiben? Kein Problem, wir haben wieder mit Sängern (Richard Ashcroft) und Sängerinnen (Beth Orten) gearbeitet - alles ganz bekannte Namen -, und wenn das nicht reicht, wird spätestens unser Video für eine Schlagzeile gut sein. Ach ja, und wir wollten mit Outkast arbeiten, und das noch vor ihrem grandiosen Erfolg. Die Namen, sprich die Verpackung, zählt, und Tom bringt es mit seiner Evolutionstheorie des modernen Konsumenten auf den Punkt: "Im Prinzip ist die erste Herausforderung doch schon die alleinige Tatsache, eine Person überhaupt dazu zu bringen, unser Album anzuhören. Das ist bei der Menge von Musik gar nicht einfach. Und erst wenn die Person es gehört hat, kommt der Punkt, wo sie darüber entscheidet, ob es ihr gefällt. Ein Interview, das Internet, ein Video oder die Werbung sind also nur Mittel, um überhaupt zum Ohr des Hörers zu kommen. Alles, was danach kommt, liegt außerhalb unserer Macht!"

Ich muss sofort wieder an meinen Fragebogen denken. An welcher Station haben Sie Ihre Reise beendet? In diesem Fall ziehe ich den Nothaltegriff, und wir beackern die klassischen Ausflüchte, in denen zwischen den Zeilen immer eine kleine Wahrheit steckt. Der genaue Beobachter und Paragrafenreiter wird dies bei der Frage zu Albumformat und Selbstverständnis gleich bemerken. So gibt Ed Simons folgendes zu: "Eigentlich machen alle unsere Alben das gleiche: Sie versuchen all das, was wir an Musik mögen, in ein neues Paket zu packen. Jedes Mal anders und doch immer als Chemical Brothers. Und häufig kommt dabei Musik heraus, die nur zu einer bestimmten Tageszeit oder Situation passt. Auch wir haben unsere stillen und lauten Momente, und beides haben wir versucht, auf ein Album zu packen."

Und Tom Rowlands weiß jenes zu berichten: "Es ist nicht so, dass wir das unbändige Bedürfnis hätten, uns dauernd neu zu erfinden. In unserer Band haben wir ja alle Freiheiten der Welt, und niemand schreibt uns etwas vor. Wir sind keine Hitproduzenten, die für eine andere Stilart gleich den Namen wechseln. Wir können die verschiedensten Ideen in die Gruppe namens Chemical Brothers packen, und das macht das Ganze für uns interessant."

Genau an dem Punkt überlege ich zum zweiten Mal, sofort zur nächsten U-Bahn-Station Richtung Heathrow zu laufen. Oder in irgendeinen Club, wo ich das neue Album "Come With Me" überlaut anhören könnte. Denn genau dorthin gehören die Chemical Brothers. Wer das etwas ältere "Block Rockin' Beats" schon mal als Rauswerfer gespielt hat, wird sofort zustimmend nicken. Ähnliche Qualitäten hat "Hoops" oder die zweite Singleauskopplung "Star Guitar", zu der das Video wieder einmal mehr als nur ein guter Wurf ist. So wie nahezu jeder Videoclip der Chemical Brothers ein ganzes Lexikon von Interpretationen und Gedankenebenen ausspuckt.

Section 4: The View

Ähnlich einer japanischen U-Bahn zählen bei den CB-Videos vor allem Äußerlichkeiten und Timing. Beim dem zu "Setting Sun" wechselte der Hintergrund in so noch nie gesehener Art und Weise. Der Clip zu "Elektrobank" brachte Bodenturnen (mit Sophie Coppola als Darstellerin) eine neue Relevanz. Bei "Block Rockin' Beats" tanzte die Protagonistin am Ende mit Skeletten im Club - wer einmal in seinem Leben auf einer Afterhour war, wird darin eine Menge Wahrheit entdecken. Nach "Let Forever Be" ist der neueste Clip zu "Star Guitar" wieder aus der Hand von dem Franzosen Michel Gondry, dessen digitalen Loop-Clip Ed so interpretiert:

"Im Video geht es um den Blick aus einem fahrenden Zug, und das ist meistens auch der Moment, wo man im Kopf diese klaren und freien Momente hat. Unserer Meinung nach passt das sehr gut zu unserer Musik oder zu der Situation, die man oft beim Tanzen erlebt. Ansonsten dürstet es uns nicht gerade danach, für Werbungen oder Filme Musik zu schreiben, denn selten genug funktioniert das, was man dann auf der Leinwand oder im Fernsehen sieht. Es gibt eine Werbung für Air France, die auch von Michel ist, der dafür unsere Musik genommen hat. Die passt da perfekt, und das zeigt auch, wie er unsere Musik versteht."

Section 5: Ticket Type

Noch vor Jahren waren die Chemical Brothers so etwas wie das längst verloren geglaubte magische Bindeglied zwischen Dance-Underground und Mainstream, der besonders in Amerika von Gitarren beherrscht wird. Wer sich bei Jeff Mills nur die Ohren zuhielt, dem wippte der Fuß vielleicht bei "Setting Sun" und der Stimme von Noel "Oasis" Gallagher. Und was passiert im neuen Jahrtausend? Wie viele Hörer wird Richard Ashcroft mit "The Test" von der ach so ersehnten Seriosität der Tanzmusik überzeugen? Tom sieht das etwas persönlicher und zugleich funktional:

"Wir waren immer große Fans von Richards sehr emotionaler Stimme. In dem Tempo war sie noch nie zu hören. Richard hat für den Track seinen eigenen Text geschrieben, auch das war ein spannender Moment: Wenn etwas Eigenes durch einen eigentlich Fremden ergänzt wird. Vielleicht sind wir für ihn auch eine Art idealer Partner, da er sich ganz auf den Text konzentrieren kann und wir alles andere übernehmen. Gerade die Band hat ihm bei Verve ja das Leben eher schwer gemacht, weil er von seinem Charakter her eher Einzelgänger ist."

Hat man sich erst einmal an die Idee von Musik als genau kalkuliertes Funktionalprodukt gewöhnt, machen auch frühere Strategieschritte der chemischen Brüder Sinn. Wenn neuartige wundersame Bakterien in Joghurts auftauchen und meine Turnschuhe demnächst eine Mailadresse haben, warum sollten die Tracks der Chemical Brothers dann nicht auch auf Videospielen ihre Premiere feiern? "Es ist schon komisch, woher junge Leute heute ihre Einflüsse nehmen. Als wir in Amerika waren, kamen Dutzende auf uns zu und meinten: Ihr seid doch die Typen von 'Wipeout'! Kein Radiosender oder Plattenladen hat uns bei denen bekannt gemacht, sondern ein Videospiel. Und das ist auch voll okay, denn wenn beim Flug durch den Tunnel unser Track läuft und deswegen das Spiel erst richtig kickt, kann man doch nichts dagegen haben!"

Etwas positiv gedacht sollen Fragebögen ja dabei helfen, das beschriebene Produkt zu verbessern. Wie oft machen Sie die entsprechende Reise? Führt die Beantwortung dieser Frage vielleicht dazu, dass die Züge der Piccadilly-Line neue Sitzbezüge bekommen? Ich verabschiede mich von Tom und Ed - und reiche eine letzte Frage, ganz ohne Ankreuzfeld, zum Albumnamen hinterher. "Wir legen schon Wert darauf, dass der Albumtitel am Ende kein Fragezeichen stehen hat. Er soll auch keinen Befehlston haben. Vielleicht könnte der Satz einfach weitergehen und dann sagen: Come with us, leave your earth behind!"