×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lichtgestaltenfasching im Vorwahlbezirk +331

Charlotte Gainsbourg

Für alle, deren Lieblingsrubrik in Charts-Nachschlagewerken “Longest gap between hits” ist, hier eine neue Anwärterin auf den Spitzenplatz in der Album-Kategorie. Mit ihrem neuen Werk “5.55” gelingt es Charlotte Gainsbourg, die Folge-Veröffentlichungen beurkundeter Schnarchzapfen wie Boston, Stone R
Geschrieben am

Für alle, deren Lieblingsrubrik in Charts-Nachschlagewerken “Longest gap between hits” ist, hier eine neue Anwärterin auf den Spitzenplatz in der Album-Kategorie. Mit ihrem neuen Werk “5.55” gelingt es Charlotte Gainsbourg, die Folge-Veröffentlichungen beurkundeter Schnarchzapfen wie Boston, Stone Roses oder Stereo MC’s verfrüht und überhastet erscheinen zu lassen: Gerade mal 34 Jahre alt, hat die Schauspielerin und Sängerin bereits einen Abstand von zwanzig Jahren zwischen ihre Veröffentlichungen bringen können. Man sollte aber nicht ungerecht sein: Die Mitwirkung an knapp dreißig Filmen und die Gründung einer Familie in derselben Frist belegen, dass die Tochter von Vorzeige-Suffkopp Serge und Superbeauty-Ikone Jane Birkin ihre Zeit nicht komplett nutzlos verbummelt hat.

In einer Welt, in der sich das persönliche Glück vornehmlich über den Kontrast zum umgebenden Referenz-Mitmenschen herleiten lässt, ist das gebeutelte Musikjournalisten-Gemüt für jede noch so geringfügige Bevorzugung empfänglich. So z. B., wenn man im Sommer 2006 plötzlich feststellen muss, unter den Privilegierten (die sich mit Top-Aktrice Charlotte Gainsbourg zu einem halbstündigen Pläuschchen zusammensetzen dürfen) eine beneidenswerte Sonderstellung einzunehmen. Denn: Filmjournalisten werden belogen und gesiezt, unsereins darf duzen und bekommt knallhart reinen Wein eingeschenkt. “Der Hauptunterschied zu Filminterviews ist”, so Charlotte Gainsbourg, “dass es bei einer Platte keinen Regisseur gibt, den man pleasen muss. Normalerweise gehöre ich zu einem Team von Schauspielern, die alle parallel Interviews geben. Da kann man nicht aus der Reihe tanzen.”

Nun bereist die 34-Jährige also solo die Welt, um das erste Album seit ihrem 1986-Debüt “Charlotte For Ever” publik zu machen. Doch ganz so auf sich alleine gestellt, wie ihre Aussage vermuten lässt, kam “5.55” keineswegs zustande. Au contraire: Mit einem stattlichen Aufgebot an großnamigen Pop-Leistungsträgern, wie man es in dieser Qualitätsanhäufung bislang nur von Veröffentlichungen gottgleich verehrter Sixties- und Seventies-Ikonen kannte, entstanden elf Margo-Guryan’eske Songs in vorzugsweise englischer Sprache. Zum Vergleich: 1988 versammelte Sandie Shaw u. a. Morrissey, Marr und Jesus & Mary Chain auf ihrem Album “Hello Angel”, 1994 verhalfen die Pet Shop Boys und Dan Hartmann Dusty Springfield zu ihrem Comebackalbum “Reputation”, 2002 konnte Marianne Faithfull auf die Dienste von Blur, Billy Corgan, Beck und Jarvis Cocker zurückgreifen, und 2004 eilten Thurston Moore, Jon Spencer, Morrissey und – hoppla, schon wieder – Jarvis Cocker Nancy Sinatra in Sachen Songwriting zu Hilfe. 2006 kann nun die wesentlich jüngere Charlotte Gainsbourg mit einem ähnlich extravaganten Line-up beeindrucken: Zu den von Air komponierten Stücken, die unter der Regie von Radiohead-Produzent Nigel Godrich vertont wurden, schrieben Neil Hannon (Divine Comedy) und – einmal mehr – Jarvis Cocker die Texte. Der kanadische Komponist David Campbell, Vater von Geekpop-Darling Beck, arrangierte derweil die Streicher.Die Befürchtung, dass dieses Überangebot an Schlagzeilen generierenden Giganten den eigentlichen Output überschatten könnte, kam Charlotte Gainsbourg bis dato jedoch nicht in den Sinn. Die für sie bislang völlig unbekannte Sichtweise führender Musikzeitschriften, z. B. die des britischen NME, dem die Zusammenarbeit zwischen Cocker und Gainsbourg im Vorfeld etwa die Zeile “Jarvis signs up for ‘21 Grams’-star project” wert war, erheitert sie deshalb nachhaltig. “Ich fühlte mich geschmeichelt, dass jemand wie Nigel mich produzieren wollte, und mir war zu jedem Zeitpunkt klar, wie privilegiert ich bin, mit solchen Künstlern zusammenarbeiten zu können. Doch es gab für mich nie eine Alternative: Die einzigen französischen Musiker, die in Frage kamen, waren Air.”

Dass die Vielzahl an Inputgebern weniger der PR-strategischen Unterfütterung dient als vielmehr musikalischer Hochnotwendigkeit geschuldet ist, offenbaren die Songwriting-Credits. Denn tatsächlich taucht Charlottes Name gerade mal bei zweien des knappen Dutzend Titel in den Textautorenangaben auf. Auch ihr allgemein bekanntes Talent als Pianistin floss in die Produktion nicht ein. Eine Beschränkung, die allerdings weit weniger mit Mutlosigkeit zu tun haben soll denn mit empirisch erlangter Selbsteinschätzung. “Ich hatte schon seit langer Zeit versucht, Songs zu schreiben, aber mir ist es nie gelungen, einen fertig zu stellen”, gibt sie zu. “Als ich dann Nigel traf und später Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel dazukamen, merkte ich, dass ich auch kein Talent für Songtexte habe, und ich probierte die Stücke erst einmal mit Fantasie-Nonsens-Texten.” Als die Vollendung der Aufnahmen immer näher rückte, die Qualität der Songlyrik aber nach wie vor weit unter Veröffentlichbarkeits-Niveau blieb, zog Godrich die Notbremse und verpflichtete mit Divine-Comedy-Mastermind Neil Hannon einen der ganz Großen der Songtexter-Zunft. Dessen zweitägiger Aufenthalt in der französischen Hauptstadt brachte trotz erwiesener Qualifikation dennoch nicht den Durchbruch. Die Produktion kam praktisch zum Erliegen. “Irgendwer kam auf die Idee, Jarvis Cocker anzurufen”, erinnert sich Charlotte. Der alte Kollaborations-Hase sagte sofort zu. “Ich kann mich noch genau erinnern”, schwärmt Charlotte, “es war im Juni 2005, er kam nur kurz ins Studio, um ‘Hallo’ zu sagen. Die eigentliche Zusammenarbeit sollte erst zwei Monate später beginnen, doch allein durch seine Anwesenheit war mir plötzlich klar, dass jetzt alles gut werden würde. Dabei hatte er noch überhaupt nichts gemacht.”


Das sollte sich jedoch schnell ändern: Bis auf einen Song (das in französischer Sprache verfasste “Tel Que Tu Es”) stammen alle Texte zum Gutteil von der Pulp-Legende – einem durchaus würdigen Nachfolger zu ihrem Debütalbum, das sie im Alter von nur fünfzehn Jahren veröffentlicht hatte: Damals hatte Vater Serge alle Texte (und Songs) verfasst.

Doch die kreative Schöpfungsgeschichte war nicht das einzige Problem, mit dem sich die Oscar-Nominée (“21 Gramm”) herumzuschlagen hatte: Während sie abends und nachts im Tonstudio schuftete und tagsüber vor der Kamera stand, durfte niemand, nicht einmal ihre Familie, etwas von den Albumaufnahmen erfahren. “Außer meinem Freund [Schauspieler und Regisseur] Yvan Attal wusste es niemand”, erklärt Charlotte. Die Anverwandten bekamen die fertigen Songs schließlich im Rahmen einer privaten Listening-Session präsentiert. “Mir war die Situation ein bisschen peinlich – mit einem Film habe ich so etwas noch nie gemacht. Aber die Reaktionen meiner Mutter und meiner Schwestern [Kate Barry und Lou Douillon], als sie die Songs hörten, waren fantastisch und sehr ermutigend.”

Dass die zeitliche Nähe der Promotion zum Album und zum neuen Michel-Gondry-Film “The Science Of Sleep”, in dem die bezaubernde Französin eine Hauptrolle spielt, dafür sorgen könnte, dass beide Themen kombiniert verhandelt werden, bringt Charlotte Gainsbourg nicht um den Schlaf. Einen etwaigen inhaltlichen Zusammenhang oder gar wechselseitigen Einfluss zwischen Musik und Film schließt sie aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten ohnehin aus. Ihre maßlose Bescheidenheit suggeriert ihr allerdings eine ganz andere Sorge: “Ich will nur hoffen, dass das nicht ein bisschen zu viel Charlotte Gainsbourg auf einmal ist und die Leute gelangweilt sind.” Charlotte Gainsbourg veröffentlicht im September ihr erstes Album seit zwanzig Jahren.