×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Enfant Terrible

Cartridge

Ursprünglich gedachte ich, diese Rezension mit einem wie auch immer gearteten Jahreszeitenbezug zu beginnen. Schlug ich mir aber alsbald wieder aus dem Kopf, denn “Enfant Terrible” ist mit Sicherheit nicht die Frühlingsplatte, zu der ich sie degradieren wollte - nur weil ich mir beim ersten Hören wü
Geschrieben am
Ursprünglich gedachte ich, diese Rezension mit einem wie auch immer gearteten Jahreszeitenbezug zu beginnen. Schlug ich mir aber alsbald wieder aus dem Kopf, denn “Enfant Terrible” ist mit Sicherheit nicht die Frühlingsplatte, zu der ich sie degradieren wollte – nur weil ich mir beim ersten Hören wünschte, mit einem portablen Abspielgerät durch einen, sagen wir: sonnendurchfluteten Hagebuttenhain zu stolpern, von keinem Menschen gestört und mit ausreichend Dosenbier versorgt. Just in diesem Moment nämlich, da ich diese Zeilen niederwerfe, ist wieder ödes Schauderwetter da draußen, und schon fallen mir bei aller überbordenden Melodienseligkeit und atemlosen Energiegeladenheit der dreizehn Lieder immer wieder die melancholischen Versatzstücke auf, die daran erinnern, dass alles Glück – und vor allem das der Jugend – verrinnen und verrieseln wird. Klang “Nowhere Fast”, die erste EP der Dänen, noch so ziellos kantig, dass man fast zu glauben geneigt war, sie wollten um jeden Preis verhindern, Pop genannt zu werden, so hat man sich hier offenbar darauf geeinigt, dass man auch mit mehr als drei verschiedenen Parts pro Lied und mit Arrangements, die sich nicht beim ersten oder zweiten Hören endgültig erschließen, äußerst harmonische und melodische Musik schaffen kann. Dies lässt einige mit Sicherheit erst mal an Pavement respektive Modest Mouse denken, was so verkehrt zwar nicht ist, aber die Gemeinsamkeit liegt eher in der Herangehensweise als auf musikalischer Ebene. Cartridge haben sich in jedem Falle eine eigene Handschrift erarbeitet, woran man mal wieder sieht, welchen Vorteil es hat, in provinzieller Abgeschiedenheit dahinzuleben und viel Zeit im Proberaum zu verbringen. Denn wie leichthändig hier allerlei Richtungen und Epochen von Indie-, Trash-, Wave-, Garagen- und Wasweißichnoch-Rock zu ziemlich gemütserhellender Gitarrenmusik verrührt werden, verdient Beachtung. Manches Mal wollen sie vielleicht zu viel des Guten, wie sonst ist die Schnapsidee zu erklären, das Titelstück durch dieses beknackte Handgetrommel im Mittelteil zu verunstalten? Wesentlich besser gefällt den Unmodernen da der Trommelcomputer in “Closer Every Day”, das in Verbindung mit Schrammelgitarre irgendwie auch an frühe Sebadoh denken lässt. Allerdings auch nur dies eine Mal. “Rooms Painted Green” hingegen hat beispielsweise einen Anfangspart, auf dem in sehr kleinen Buchstaben “Fr. Ferd.” steht. Dies für die Jüngeren unter den Lesern. Der erste Bandname, an den ich dachte, um fade Vergleiche heraufzubeschwören, war übrigens, aufgemerkt: Figurines, ebenfalls aus Dänemark. Und das ist nicht der schlechteste Vergleich, denn auch die Figurines sind großartig, und Cartridge wird sicher noch übel mitgespielt werden, wenn sich das Geschwätz derer Bahn bricht, die sich immer wieder und von neuem und immer gleich doof darüber entsetzen, dass das Indierockrad ein weiteres Mal nicht neu erfunden wurde. Genau diese kleinliche Klientel hat nämlich zumeist auch nur höchst eklektizistisches Gut in der Plattensammlung. Und zuvörderst weder Ahnung noch Geschmack! Dann hört doch wieder Breakbeat oder am besten gleich nur noch gregorianische Choräle, aber lasst mich gefälligst durch den Hagebuttenhain springen. Die anderen können sich getrost diese Platte anschaffen, sie ist für jeden Monat hervorragend geeignet. Saufen kann man schließlich auch das ganze Jahr über.