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rottende kadaver in "the free world"

Carcass

Für biologische Zersetzungsprozesse und Pathologie hatten sich Jeff Walker, Bill Steer und Ken Owen (später verstärkt durch Mike Amott, der von ENTOMBED kam und sie in Richtung SPIRITUAL BAGGERS wieder verließ, um daraufhin von Carlo Regadas ersetzt zu werden) schon immer interessiert, im größeren S
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Autor: intro.de

Für biologische Zersetzungsprozesse und Pathologie hatten sich Jeff Walker, Bill Steer und Ken Owen (später verstärkt durch Mike Amott, der von ENTOMBED kam und sie in Richtung SPIRITUAL BAGGERS wieder verließ, um daraufhin von Carlo Regadas ersetzt zu werden) schon immer interessiert, im größeren Stil frönten sie dieser Vorliebe erstmalig auf ihrem ‘88er „Earache“-Debüt „Reek Of Putrefaction“ und dem ‘89 folgenden „Symphonies Of Sickness“. Stundenlanges Wälzen in medizinischen Werken war Voraussetzung, um zu verstehen, was CARCASS mit ihren Texten auszudrücken versuchten. Album-Cover aus Collagen irgendwelcher Verletzungs- und Verstümmelungsexzesse sorgten für Aufregung, Skandal und Zensur-Rufe. Die Band lachte sich derweil ins Fäustchen, denn Jeff ist ein cleverer, zynischer Bursche, der gerne mit den aufgeblasenen Mechanismen des heutigen Musikbuisness’ spielt und sie so zu manipulieren versteht, daß er genau das erreicht, was er will.
Mit „Necroticism - Descanting The Insalubrious“ erschien ‘91 das erste Album ohne Splatter, aber mit immer noch jeder Menge Pathologen-Handwerkszeug auf dem Cover, und die Texte kotzten weiter Blut und Eiter. „Heartwork“ zerstörte ‘93 endgültig die Legende der Blutwurst. Man gab sich betont künstlerisch (das Cover-Artwork stammte von Giger), und auch musikalisch entfernte man sich vom Ursprung, klang zwar nicht unbedingt eingängig, dafür aber breitgefächerter. Die enttäuschte Hardcoresplatter-Anhängerschaft verzerrte selbstzerstörerisch die eigenen Gedärme und schloß sich diversen Teufelskulten an. Dann der entscheidende Wechsel vom Ohrenschmerz-Indiedasein zum weltweiten Deal mit „Columbia / Sony“ und damit die Fortsetzung des „Great Rock’n’Roll Swindels“ Part II, denn man hörte ja damals schon in der Vorschule SEX PISTOLS und wußte Bescheid. Die Band kassierte den Vorschuß und enterte das Studio: Der fertige Langspieler „Swansong“ (das „aktuelle“ Album) wurde erwartungsvoll beim Label abgeliefert. Dort vermißte man jedoch Video-kompatible Hits, um die Band multimedial und geldbringend vermarkten zu können. Eigentlich unverständlich, da „Rotting In The Free World“ (kleiner Seitenhieb auf das lebende Monument des Hippietums, NEIL YOUNG) und „Tomorrow Belongs To Nobody“ z. B. zwar nicht gerade Sommerhits sind, dafür aber Qualität haben. Das Album erschien nicht, und es mußten noch 1 ½ Jahre bis zu seiner Veröffentlichung ins Land ziehen: Nach langem Hin und Her entließ „Columbia“ die Band schließlich aus dem Vertrag und überließ ihr obendrein die Bänder, mit denen sie beim alten Zuhause anklopfen konnte, denn „Swansong“ wollte Jeff veröffentlicht sehen. Doch alles hat seinen Preis: Über die langen Querelen hinweg verließ Bill Steer die Lust und damit die Band, was das endgültige Aus für die Legende bedeutete.
Offiziell besteht CARCASS bereits seit einem Jahr nicht mehr, zum Trost gibt’s aber BLACK STAR, bestehend aus Jeff Walker, Ken Owen, Carlo Regadas und einem der unzähligen Ex-CATHEDRAL-Gitarristen. Mit diesem Neuanfang ist man nicht mehr gezwungen, schleimig, bluttriefend und eitrig zu sein, sondern kann die Musik machen, zu der sich die meisten erwachsen gewordenen Metalbands hinentwickeln.
Der Kadaver CARCASS ist endgültig verrottet.