×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Unter der Sonne Jamaikas

Cansei De Ser Sexy live

CSS bringen trotz ihrer limitierten musikalischen Mittel so viel an Samba, Karneval und sonstigem Rhythmus mit, dass man sie für hiesige Breitengrade als einzigartig bezeichnen kann.
Geschrieben am
11.04.07, Köln, Gebäude 9.

Eigentlich kann man mir ja viel erzählen, aber ich bin mir bei der Annahme, dass die Bands Cansei De Ser Sexy aus Sao Paulo und Tilly And The Wall aus Omaha stilistisch wenig gemein haben, sehr sicher. Klar, beide Bands bestehen zu großen Teilen aus Frauen, und beide ermutigen ihr Publikum mit ihrer Musik zum Tanz, aber während CSS mit massenweise Gitarren ihre rudimentäre Form von Disco auf die Bühne bringen, machen TATW leichten und behänden Folk, mit einer stark lebensbejahenden und hippiesken Komponente. Trotzdem haben sich die beiden Bands zusammengefunden, um ihre Europatour gemeinsam zu bestreiten. Vielleicht, um ein bisschen Heimat vom amerikanischen Kontinent dabei haben zu können. Passend, und wohl um den Vereinigungsgedanken zu stützen, auf der Bühne dabei: Die Flagge des Landes, das schätzungsweise genau in der Mitte zwischen den USA und Brasilien liegt, nämlich Jamaika. Anders kann ich mir diese Requisite beim besten Willen nicht erklären.

Aber ach, es spielte ja noch eine weitere Band an diesem Abend. Nämlich The Holloways. Allerdings bin ich nicht wirklich traurig darüber, dass sie ihren Gig bei meinem Eintreffen schon beendet haben, denn ihr Album 'So This Is Great Britain' hatte bei mir einen eher öden Eindruck hinterlassen.

Kurz darauf dann aber Tilly And The Wall. Die wurden anlässlich ihrer Albumveröffentlichungen ja nur marginal wahrgenommen, waren aber im Vorfeld dieser Tour in aller Munde. Es schien fast so, dass sie durch die Vereinigung mit den derzeitigen Feuilletonhelden CSS eine zusätzliche Portion Glam abbekommen haben. Ganz abgesehen davon war und ist ihre Musik natürlich nicht schlecht, sondern so gut wie ihre Liveperformance. Denn TATW stehen zu sechst in einer Reihe auf der Bühne, sie tanzen unbeholfen aber eindrucksvoll, sie springen durch die Luft und spielen eine knappe Stunde lang die Songs ihrer beiden Platten. Tatsächlich haben sie kein Schlagzeug dabei, sondern bekommen ihren Rhythmus entweder vom Band oder den Füßen der steppenden Jamie Williams. Während die drei Männer einen Großteil des Instrumentenparks bedienen und in Jeans und T-Shirt ziemlich einförmig aussehen, gehen die drei Frauen in Outfits zwischen Tanztrikot und Rüschenkleid nach vorne, ihre Animationen und die scheinbar nur aus der Euphorie geborenen Chorgesänge wirken ansteckend aufs Publikum im nahezu vollen Gebäude, so dass es sich zu Ovationen anregen lässt, die an dieser Stelle schon lange nicht mehr zu sehen waren - für eine nominelle Vorband wohl noch nie. Am Ende preist die Band noch die folgenden CSS, die Holloways bleiben unerwähnt. Da scheinen die Sympathien auf jeden Fall klar verteilt.CSS brauchen danach nicht lange, um sich für ihren Gig auszurüsten. Ihre Front besteht aus fünf Frauen, nur hinten am Schlagzeug sitzt ein Typ. Und auch wenn sich die Band mit Ausnahme von Sängerin Lovefoxxx kaum bewegt, will der Bandname, frei übersetzt "Ich bin es leid, sexy zu sein", nicht richtig passen. Genauso wenig wie der viel bemühte Vergleich zu ESG. Denn wo die New Yorkerinnen knarzenden und knappen Funk gewähren ließen, braten die BrasilianerInnen lieber mit ihren vielen Gitarren dazwischen. Das hat in seiner stoischen Haltung mehr von den Ramones auf Disco. Die Show schmeißt Lovefoxxx fast im Alleingang, mit aufpeitschenden Reden und gewagten Tänzen. Sie ist neben dem fast komplett in schwarz gekleideten Rest der Band optischer Mittelpunkt, dank ihres Kleides in bunten Neonfarben. Am Ende, nach fast allen Stücken des selbstbetitelten Debütalbums, ist klar, dass die vielen Vorschusslorbeeren gerechtfertigt waren. CSS bringen trotz ihrer limitierten musikalischen Mittel so viel an Samba, Karneval und sonstigem Rhythmus mit, dass man sie für hiesige Breitengrade als einzigartig bezeichnen kann. Und sie transformieren ihre Wurzeln in ein absolut zeitgemäßes Soundgewand, das der aktuellen Retrowelle des durch die 1980er inspirierten No Wave noch einige neue Aspekte hinzufügen kann. Und nicht zuletzt sind CSS live ein großer, animierender Spaß, in diesem Paket mit Tilly And The Wall sowieso. Auch, wenn diese Bands wirklich wenig gemein haben.