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1914! & Reitstunde fällt aus – 10-Inch

Campingsex & The Dass Sägebett

Anzeichen für ein Revival des Post-HC-Noiserock (1985-1995) gibt es glücklicherweise fast noch nicht, auch wenn sich das jeden Tag ändern kann. Popgeschichtslogisch kommen muss es demnächst trotzdem. Am besten also schon mal alte Malibu-Fehlkäufe aus dem Keller holen und eBay gut im Auge behalten. W
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Anzeichen für ein Revival des Post-HC-Noiserock (1985-1995) gibt es glücklicherweise fast noch nicht, auch wenn sich das jeden Tag ändern kann. Popgeschichtslogisch kommen muss es demnächst trotzdem. Am besten also schon mal alte Malibu-Fehlkäufe aus dem Keller holen und eBay gut im Auge behalten. Wirklich gut waren, diesseits von voller Lautstärke, die wenigsten Gruppen des Genres, und nach musikimmanenten Kriterien sowieso nicht zu unterscheiden. Eine der profiliertesten kam ausgerechnet aus Deutschland: Mutter. Sie waren direkt aus Campingsex hervorgegangen, und von denen wiederum hatte Thurston Moore in seinen Spex-Top-Ten ein Livetape (!) auf Platz #1 gesetzt. Und sie bei der Gelegenheit gleich mal zum prägenden Sonic-Youth-Einfluss ernannt. Klingt wie eine besonders haarsträubende Variante des alten Rocktraums, wird jetzt aber mit dem Reissue ihrer einzigen LP von 1985 – zum Doppelalbum erweitert um Outtakes und Liveaufnahmen – verifiziert: ein in sich selbst verbissener, monolithischer SloMo-Noise-Brocken, geädert von fiependen und winselnden Feedbacks, auf Augenhöhe mit den kalifornischen Slow-Punk-Malmern Flipper. Und in keinem Moment so abgeschmackt wie der übliche Noiserock und die von ihm gerne bespielte Splatter-Version von Existenzialismus. In Max Müllers Texten, seinem irgendwie aus dem letzten Loch pfeifenden Gesang sowie in der insgesamten Verbohrtheit der Inszenierung Campingsex meint das lustvolle Ausmalen von und Suhlen in lebensweltlichem Elend keinesfalls reaktionäres Dreinfinden. Denn es behält stets im Hinterkopf, dass der bzw. die Geworfene keineswegs im reinen oder absoluten Sein landet, sondern in der diesem Sein immer schon vorgebauten Gesellschaft. Denn Heideggers „Vorlaufen zum Tode“ führt de facto durch jede Menge so genannte „Verhältnisse“, für die konkrete Subjekte konkrete historische Verantwortung tragen. Müllers Sensibilität hierin erinnert kaum noch überhaupt an Rock, eher an bestimmte Filme, vielleicht von Harmony Corine. Oder meinetwegen an Leonard Cohen als Zombiefilm-Zombie. Wie Campingsex den zahllosen Noiserock-Gruppen derart nahe sein und dennoch so outstanding bleiben konnten, ist außerhalb von Doktorarbeiten gar nicht artikulierbar. Höchstens noch in einem letztlich beliebig bleibenden und argumentativ verbrauchten Referenznamengesteck anzureißen: Butthole Surfers, Drunks With Guns, das streng ausgesiebte Beste der Cows, gewisse Momente im Werk GG Allins und natürlich die Melvins, kurz bevor sie in Richtung Avantgarde entschwebten.

Diese Ästhetik der Totalverweigerung wird heute von Gruppen wie den Darmstädtern The Dass Sägebett hochgehalten in Form eines von ästhetischer Tagespolitik scheinbar unberührten Amalgams aus bald 40 Jahren Undergroundrock. Dieses Amalgam gibt sich im mittlerweile auch schon dritten Bandgeschichtsjahrzehnt dermaßen abgekehrt von der Pop-Echtwelt, dass der darin liegende Kommentar fast penetrant ist. Aber eben nur fast, zumindest in dem historischen Augenblick, in dem ihre wievielte Platte auch immer – eine 10-Inch mit Format-sprengender LP-Länge – erscheint. Denn so unveränderlich und stur diese Musik in ihren großen Linien bleibt, so anders klingt sie doch je nach aktueller Zustandslage ihres Weltgegenübers. Mitte der 90er konnte dieser Art von Untergrund-Traditionspflege noch mit gewissem Recht vorgeworfen werden, sie sei ein letztlich gemütliches Sondergewächshaus für eine – bei aller gespielten Unbürgerlichkeit – streng bürgerlich, also systemkonform formulierte Subjektivität. Heute hingegen wirkt die Schuster-Leisten-Beziehungsarbeit der hier präsentierten Hand voll stoisch-ungelaunten Weirdo-Rocks (der z. B. an S.Y.P.H. zur „Harbeitslos“-Phase erinnert) fast wie eine Gedenktafel. Und zwar daran, dass Untergrund noch eine andere Bedeutung einnehmen kann als die einer popkarrieristischen Pubertät, in der etwas oder jemand noch nicht zur vollen Medienreife entwickelt ist. Sondern auch eine explizite Verweigerungsstrategie meint gegenüber jenem Terror zur Öffentlichkeit, von dem Herbert Marcuse als „repressive Toleranz“ gesprochen hat. The Dass Sägebett brechen unverdaute Brocken aus der Geschichte dieses Untergrundbegriffs heraus und spielen sie historisch-kritisch durch. Manchmal gelingt es ihnen dabei, sie zu bündeln, und manchmal sogar, sie wieder in jene Schwingung zu versetzen, die ein Ding bekanntlich braucht, um ein Ding meinen zu können. Das macht sie in ihrer gepflegten Entlegenheit zum Ereignis, auch wenn ich die letzte mir bekannt gewordene CD namens „Christenrock“ vom Konzept her etwas schwingender fand.