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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Cigarettes & Carrot Juice. The Santa Cruz Years.

Camper Van Beethoven

Wenn man in den vergangenen Wochen in der Intro-Redaktion anrief und erstmal in die Warteschleife geriet, wurde einem die Zeit mitunter mit Cornershops "Brimful of Asha" verkürzt. Das ist ein schöner Song, und er wird nicht weniger schön, wenn man plötzlich merkt, dass es sich um eine elaborierte,
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Wenn man in den vergangenen Wochen in der Intro-Redaktion anrief und erstmal in die Warteschleife geriet, wurde einem die Zeit mitunter mit Cornershops "Brimful of Asha" verkürzt. Das ist ein schöner Song, und er wird nicht weniger schön, wenn man plötzlich merkt, dass es sich um eine elaborierte, nennen wir es Hommage an "Take The Skinheads Bowling" von Camper Van Beethoven handelt. "Take The Skinheads Bowling" war auch einmal ein Hit, ein Indie-Hit, den man bei John Peel oder auf Radio DRS3 viel hören konnte, 1985 und auch noch ein paar Jahre später. In den orientierungslosen Mittachtzigern, als man aus Verzweiflung über den Zustand der Popmusik wieder dem Jazz zuwandte, waren Camper (wie Freunde sie nannten) neben Adrian Sherwoods On-U-Sound-Label, Hüsker Dü, Meat Puppets, Scritti Politti, Ausflügen in die Geschichte zu Alex Chilton oder The Grateful Dead oder in die Zukunft mit den frühen SST-Crossover-Alben oder kurz darauf A.R.Kane sozusagen die Strohhalme, an die man sich klammerte (übrigens: jetzt, beim Aufschreiben dieser gewiss unvollständigen Liste kommen mir die als trostlos erlebten Mittachtziger fast wieder wie ein Paradies der Kreativität vor). Camper kamen aus der etwas far-outen Uni-Stadt Santa Cruz und hatten in der Tat etwas Weltabgewandt-Verschrobenes, gepaart mit gerade noch erträglichem Studentenhumor (etwa: Skinheads zum Bowling mitnehmen, die noch immer aktuelle Frage, warum "Axe Murderer" in Filmen immer nur dann zuschlagen, wenn das Mädchen gerade halbnackt ist, Songtitel wie "The Day That Lassie Went To the Moon", "(We Workers Do Not Understand) Modern Art" oder - noch schöner - "Mao Reminisces About His Days In Southern China" - man war schließlich selbst Student!). Sie coverten früh Black Flag oder Sonic Youth, später: Status Quo und Country Joe & The Fish, machten daraus aber entweder damals nicht wirklich wohlgelittenen Country-Rock oder blieben andererseits extrem werktreu. Überhaupt machten Camper klar, wie leicht man von holprig gespieltem Ska bei einer zünftigen Polka landen kann, was uns eingeschworenen Fans der Freiwilligen Selbstkontrolle gerade auf andere Weise beigebracht worden war. Zwischen FSK und Camper respektive David Lowery gab es dann später auch enge künstlerische wie menschliche Bande. Doch Camper waren mehr als augenzwinkernder Cow-Punk, bereits auf dem ersten Album spielten Elemente von orientalischer- und Balkan-Folklore eine unüberhörbare Rolle, ihr drittes Album war eine Verbeugung vor den Experimenten der frühen Psychedelia (etwa mit der wunderbaren, rückwärtslaufenden Gesangsspur in "Five Sticks"), was in dem Cover von Pink Floyds "Interstellar Overdrive" gipfelte. Diese Cover-Version war eine bandinterne Obsession, die live immer wieder durchbrach. Das dritte Album brachte die sich längst aufdrängende Zusammenarbeit mit Eugene Chadbourne, der damals in der Indiewelt unfassbar präsent war. Man tourte danach als Camper van Chadbourne und hatte damit neben dem Seitenprojekt Monks of Doom und der EP mit dem Titel "Vampire Can Mating Oven" reichlich Stoff für Verwirrspiele mit den Fans. Danach ging's zur Industrie, was aber an der Qualität der Musik von Camper (und auch nicht am Grafikdesign der Album) wenig änderte. 1990 trennte sich die Band während einer Europatournee. Aus Camper wurden u.a. die viel weniger interessanten Cracker. Anfang der 90er fand ich in Seattle noch das Album "Camper Vantiquities" mit Cover-Versionen und Raritäten, darunter eine ziemlich werkgetreue Version von "Photograph", einem der drei guten Songs, die Ringo Starr nach den Beatles noch hingekriegt hat, was den Erwerb eines Ringo-Starr-Albums entbehrlich machte. Kurzum: Die drei frühen Alben, lange vergriffen, zeigen noch mal die bunte Welt einer emphatischen Postmoderne bzw. Popmoderne, als das gesamte Archiv der Pophistorie zum freien Plündern bereitstand und der intellektuelle Spiel- und Wortwitz von kompetenten Muckern wie Camper kurzzeitig noch eine subszenenübergreifende Verbindlichkeit herzustellen wusste. Der unmittelbar folgende Grunge-Rock hantierte dann schon wieder mit unappetitlichen Authentizitätsgesten, die dann als letzte Geste der (vermeintlichen) Echtheit zum Tode führen musste. Solche Geschichten hätten Camper niemals geschrieben, sie haben sich - nachdem sie sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre wieder vertragen hatten - lieber daran gemacht, das drogengeschwängerste Popalbum der 70er Jahre komplett zu covern: "Tusk" von Fleetwood Mac. Auch das muss man gehört haben.