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Feeling half-right

Built To Spill live

Weder für uns, noch für Built To Spill sind die Renten sicher. Warum - das erklärt Christian Steinbrink exemplarisch am gestrigen Bochumer Konzert.
Geschrieben am

Sie reden zwar nicht, und es ist auch nahezu unmöglich, ihnen ein Lächeln zu entlocken, trotzdem sind Built To Spill aus Boise, Idaho so ziemlich das Beste, was man im Rock live sehen kann. Meint zumindest Christian Steinbrink.


16.10.08, Bochum, Bahnhof Langendreer

Am Ende lächeln sie dann doch noch, die wettergegerbten Männer aus Idaho. Zumindest ein bisschen. Obwohl das Schicksal alles in allem nicht besonders gerecht mit ihrem Talent umgegangen ist. Naja, eigentlich sind nur sie selbst Schuld daran. Denn gerade einmal 100 Besucher im ziemlich großen Forum Bielefeld am Abend zuvor sind nichts anderes als enttäuschend für eine Band, die eigentlich 1000er Hallen füllen könnte. Nein, wohl füllen müsste. Aber anstatt sich wie ihre einstmaligen Zöglinge von Modest Mouse monatelang in Tourgetümmel zu werfen und nach und nach die Lorbeeren zu ernten, haben Built To Spill in ihrer heißen Phase Mitte bis Ende der 1990er so ziemlich nichts gemacht. Zwar tolle Platten, aber kaum Promotion, nur wenige Touren in den USA, von Europa ganz zu schweigen. Jetzt, im reifen Alter, bemühen sie sich, das nachzuholen, aber es ist wohl zu spät. Großartige Konzerte vor den verhältnismäßig wenig Leuten, die zu Zeiten von "Perfect From Now On" sehnlich auf regelmäßige Auftritte warteten, springen dabei trotzdem noch heraus.

Im Bahnhof Langendreer sind an diesem Abend dann doch mehr Leute gekommen als zuvor in Bielefeld, knapp 300 vielleicht, jedenfalls genug, um einen Built To Spill-Auftritt nicht scheitern zu lassen. Die Band selbst ist ob ihrer geringen Anziehungskraft aber wohl doch etwas desillusioniert, zumindest meint man das ihren faltigen Gesichtern anzusehen, als sie die Bühne betreten. Offensichtlich haben sie mehr erwartet, aber auf welcher Grundlage? "You In Reverse", ihr letztes, 2006 erschienenes Album, war zwar wundervoll, bekam aber keine Werbung und ging so abgesehen von den wenigen Käufern, die es eher zufällig entdeckten, unter. Danach beeilten sich Built To Spill endlich doch, mal ausgedehnt auch in Europa zu touren, die Konzerte im Mai 2007 waren auch weitestgehend ausverkauft, aber die Auftrittsorte waren klein, zu klein, um dadurch noch einmal einen entscheidenden Push zu bekommen.


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Wenn es gerecht zu- und rein um die Musik gehen würde, müssten Built To Spill Rockstars sein. Das beweisen sie an diesem Abend in Bochum zum wiederholten Male. Sie kommen zwar ohne neue Songs, dafür aber mit einem Cellisten im Line-Up, und danach richtet sich auch ein Großteil der Setlist aus. Im Gegensatz zum letzten Auftritt im Kölner Gebäude 9 beispielsweise spielen sie mehrheitlich die ruhigen Stücke ihres Repertoires, angefangen mit "Liar" und "In The Morning", und es ist etwas schade, dass diese Hits noch dafür herhalten müssen, um den Raumsound einzupegeln. Denn was danach kommt, gleicht in jeder Hinsicht einem perfekten Rockkonzert. Es gibt aktuell sicher keine andere Band, die ähnlich kunstvoll mit verzerrten Gitarren umzugehen weiß, die einen ähnlich herrlichen Krach erzeugen kann, die ähnlich atemberaubende Songs hat. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass die alten Männer von Built To Spill sich weder bewegen noch ihre Mienen verziehen, die seltsamen Zuckungen Doug Martschs reichen schon, um auch das gesamte Publikum zu elektrisieren.

Genau genommen brauchen Built To Spill gar nichts zu sagen, gar nichts zu tun, um Spaß oder Interesse vorzugaukeln, es reicht schon, wenn sie ein bisschen ins Jammen kommen. An diesem Abend in Bochum klappt das. Angefeuert durch ein paar Zwischenrufe und Gelächter des vergnügungswilligen Publikums fangen sie an zu spielen, miteinander zu spielen. An so einem Punkt wird die Setlist egal, dann beweisen sich Built To Spill als die wohl ewig währende Speerspitze des US-Indierock. An so einem Punkt setzt auch das Zeitempfinden aus, Built To Spill spielen eine Stunde, spielen zwei Stunden, ohne das es Band oder Publikum lang vorkommt oder irgendjemand daran denkt, zu gehen. Ans Ende setzt die Band dann auch eine ausufernde, 20minütigen Jamsession, die das Publikum etwa ab Minute 15 aus ihrer Seligkeit aufweckt und daran erinnert, dass es jetzt doch schon ziemlich spät ist. Danach bedankt sich Martsch kurz und förmlich und geht dann schnell von der Bühne, aber währenddessen lächelt er, zumindest kurz. Denn auch wenn Konzerte in dieser Größenordnung ihm seine Rente nicht sichern werden, sind es doch die besten, die man spielen oder zu sehen bekommen kann. Jetzt erinnern sich wieder alle daran, Built To Spill und das Publikum.