×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Indie ist tot, es lebe Indie

Built To Spill im Gespräch

»Dass Doug Martsch Interviews nicht ausstehen, sondern die Einsilbigkeit in Person sein kann und dass der Interviewer so gar kein Journalist ist, daran wurde natürlich nicht gedacht« Woran sonst, wissen wir auch nicht. Jedenfalls hat Christof Ellinghaus, Label-Gründer von City Slang, für uns 2006 mit Dough Martsch von Built To Spill telefoniert. Ein eigenwilliges Interview, das wir im Rahmen unserers Jubiläums noch einmal hervor geholt haben.
Geschrieben am
Ich weiß genau, wie das war, Thomas Venker! Hoffnungslos romantisch hast du, ganz Chefredakteur, diesen Mordseinfall gehabt! Hast dir ausgemalt, wie mein ehemaliger Künstler Doug Martsch in einem Warner- Brothers-Konferenzraum im Herzen Hollywoods sitzt. An den Wänden ein Bildersturm aus Goldenen Schallplatten (Gibt es eigentlich eine andere Industrie, die sich selbst ständig so sehr feiert? Sind Ikea-Regale verplatint worden? ) der letzten Monate (einer wird nur bezahlt, die frisch zu halten). Doug hat den ganzen Tag schon Interviews mit Italienern, Franzosen und Norwegern gemacht. All diese anstrengenden Akzente. Das schlaucht. Aber jetzt kommt endlich der Anruf, auf den er sich schon den ganzen Tag freut.

Denkst du dir, Thomas. Doug nimmt jetzt gleich den Hörer in die Hand und wählt meine Nummer, die er natürlich seit ca. 14 Jahren am Herzen trägt. Seitdem wir damals unsere Zusammenarbeit mit dem Album »There’s Nothing Wrong With Love« begannen. Wonach wir noch ein paar Schlüsselplatten der 90er-Jahre zusammen veröffentlicht haben und sogar einige mehr oder weniger zähneknirschende Touren gelungen sind (vier Alben – zwei Europa-Touren). Aber dann, im Jahr 2000, durfte City Slangchen nicht mehr, und die großen Warner-Brüder wollten das lieber selber und besser machen. Doch es folgten eine flaue Platte, dann auch noch eine ungewollte Soloplatte und dann gar nichts. Stille. Und jetzt, wo Doug Martsch endlich wieder den goldenen Schlüssel zum Rathaus der Stadt namens Genialität gefunden hat und ein relativ wahnwitziges neues Built-To-Spill-Album abgeliefert hat, jetzt denkt man beim Intro: Wir lassen diese alte Männerfreundschaft zwischen dem einen Landei aus Boise, Idaho und dem anderen Landei aus Beverungen, Weser noch mal aufflackern. Aber dass Doug Martsch Interviews nicht ausstehen, sondern die Einsilbigkeit in Person sein kann und dass der Interviewer so gar kein Journalist ist, daran wurde natürlich nicht gedacht: »Ich kann das nicht«, schießt es mir gerade durch den Kopf. Und: »Was soll ich nur fragen?« Da klingelt schon das Telefon.

Äh, hallo Doug. Ich bin’s, Christof.
Who?

Ich, Christof. City Slang. Du weißt schon.
Ah! Ja klar. Hey Mann, wie ist es dir ergangen?

Sie haben mich gefragt, ob ich dich interviewen will. Habe spontan zugesagt. Keine Ahnung, was jetzt... Wie geht’s der Familie?
Gut. Karena und ich haben vor drei Jahren geheiratet. Ben kommt in die Junior-Highschool.

Äh. Super Platte.
Danke!

Die letzte war ja nicht so gut. (Au Backe! Wie konnte mir das rausrutschen – das war nicht hilfreich. Aber was ist das? Ganz das Gegenteil passiert. Das Eis ist gebrochen. Doug fängt an zu sprudeln.)
Ja, als wir »Ancient Melodies Of The Future« gemacht haben, war ich ziemlich ausgelaugt und auch nicht so zufrieden mit dem Ergebnis, mit der Musik, die wir damals gemacht haben, da habe ich mich entschieden, etwas Zeit frei zu nehmen. In meiner Auszeit habe ich kleine Solotouren gemacht, viel Zeit zu Hause verbracht, gemeinsam mit Freunden eine Coverband gegründet – aber eigentlich habe ich die meiste Zeit nur Basketball gespielt und viel Zeit mit meiner Familie verbracht, gelesen. Dann haben wir wieder angefangen, zu jammen und zu touren, vor drei Jahren oder so – und haben ungefähr ein Jahr an dem neuen Album gearbeitet und es letzten Herbst fertig gestellt. Eigentlich wollten wir dann auf Tour gehen, wir sollten jetzt gerade auf Tournee sein, aber ich habe mich im Februar am rechten Auge verletzt und musste operiert werden. Beim Basketballspielen hat mir einer ins Auge gepiekst und die Netzhaut verletzt. Ich dachte erst, halb so schlimm, aber nach ein paar Monaten ist es immer schlimmer geworden, ja, und dann hab ich wohl zu lange gewartet. Meine Sehkraft ist nach der OP wieder besser geworden, aber da ist immer noch vernarbtes Gewebe, das meine Sicht behindert. Es braucht wohl noch einen Monat, bis es vollständig verheilt ist. Aber dennoch: Ein Teil meiner Sehfähigkeit ist hin. Und der Gedanke hat mich echt fertig gemacht. Damit muss ich erst mal zurechtkommen jetzt.

Moment, die Netzhaut wird also wieder verheilen, aber die Sehfähigkeit wird nicht wieder 100 Prozent erreichen?
Genau. Da sind einfach einige Buckel und Narben, die meine Sicht stören, es ist alles etwas verschwommen auf dem rechten Auge, und ich hoffe, dass ich bald damit klarkomme.

Ach herrje! Das ist ja übel. Tut mir Leid zu hören. Ich hoffe, es wird bald besser. Aber dieses Burn-out damals, das hat sich schon niedergeschlagen auf »Ancient Melodies Of The Future«, oder? Es war die erste Built-To-Spill-Platte, die mich nicht wirklich bewegt hat.
Die Hälfte der Platte gefiel mir, aber ich war echt gelangweilt von Indie-Rock und somit auch von Built To Spill. Mir gefielen unser Klang und meine Stimme nicht mehr und die Art der Musik, die ich zu spielen vermochte. Meine Herangehensweise an Musik hat sich doch sehr verändert. Als ich jünger war, bis zu diesem Album, mochte ich Indie-Rock, also diese ganze Idee von normalen Leuten, die vielleicht nicht so talentiert sind, aber gute Ideen haben und mit den limitierten Mitteln das Beste daraus zu machen versuchen. Richtig gute Sänger und richtige Musiker, das war mir irgendwie suspekt. Doch als ich mich mit den alten Bluesern auseinander zu setzen begann, da haben sich meine Hörgewohnheiten komplett verändert. Da wurde es mir wichtiger, wie gut man singen und Gitarre spielen kann. Und meine Fähigkeiten, zu singen und Gitarre zu spielen, die haben mir einfach nicht mehr gereicht.

(Der Mann, dessen Foto man findet, wenn man im Lexikon unter »Indie-Rock« nachschlägt, der eine Dekade dieses Genres maßgeblich geprägt hat, der sagt mir hier jetzt, dass er dafür nicht mehr gut genug war? Ist das jetzt Fishing vor Compliments? Nein, er meint das wirklich so. Das verdutzt mich – aber nicht genug, als dass mir keine hochwertige Anschlussfrage einfallen würde. Pulitzerverdächtig ...) Ähem, sag mal, was hörst du dir heutzutage so an?
Die letzten fünf Jahre hab ich viel Reggae gehört, frühe Sachen, Rocksteady, Lee Perry, King Tubby. Ich bin irgendwie auf Dub gekommen und von da bei den ganzen Roots-Sachen gelandet. Früher Reggae und auch viel alter Ska. Ich bin von Freunden in Seattle abhängig, die sich auskennen und mich mit den Sachen versorgen. Ich kaufe mir keine Platten, ich werde mit Compilations versorgt.   

Die Stimme aus dem Off der Promoterin meldet sich unvermittelt. Jetzt, wo es gerade eine nette Plauderei wird und sich nicht mehr wie ein Interview anfühlt. Wir verabschieden uns. Und ich denke über Doug und sein neues Album nach. Seine ehemaligen Vorgruppen Modest Mouse und Death Cab For Cutie sind jetzt der Mainstream in den USA. Doch Built To Spill werden auch mit dieser Platte nicht den Millionenseller landen. Der Basketball-besessene Eigenbrötler aus dem Molkereienstaat Idaho ist viel zu anti. Gut so.

Und was war euer Highlight in 25 Jahren Popkultur? Sagt's uns im Jahrespoll und gewinnt tolle Preise!

Built to Spill

You In Reverse

Release: 10.04.2006

℗ 2006 Warner Bros. Records Inc. for the U.S. and WEA International Inc. for the world outside the U.S.