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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ich bin kein Rassist, meine Frau ist doch Jugoslawin (mit Video)

Brothers Keepers, Sisters Keepers

Als sich letztes Jahr im Sommer 15.000 HipHop-Kids zum amtlichen Flash 2000 ins Millerntorstadion des 1. FC St. Pauli drängten, zeigte sich, welche Ausmaße diese aufstrebende Musikbewegung mittlerweile erreicht hatte. Deutscher HipHop boomte. Längst im Mainstream angekommen, war HipHop nun neben Rav
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Als sich letztes Jahr im Sommer 15.000 HipHop-Kids zum amtlichen Flash 2000 ins Millerntorstadion des 1. FC St. Pauli drängten, zeigte sich, welche Ausmaße diese aufstrebende Musikbewegung mittlerweile erreicht hatte. Deutscher HipHop boomte. Längst im Mainstream angekommen, war HipHop nun neben Ravern und Skatern zu einer ordentlichen "dissidenten" Jugendkultur gewachsen. Die alte "realness"-Kritik an Gruppen wie den Fantastischen 4 und die folgende Over/Underground-Debatte waren vergessen, Künstler wie Sammy Deluxe, Torch und Dendemann hatten sich vom deutsch-amerikanischen "Copy-Club-Phänomen" lösen können und eigenständige Styles entwickelt.

Die Industrie dankte, setzte plötzlich alles in Bewegung und wusste auch diesen Hype mit der gewohnten Aneignungsmaschinerie und einigen Kaspern wie Oli P. zu vermarkten. Doch wie immer: Auch diesmal musste die Zeit nach dem Hype unweigerlich kommen. Folglich machte sich Anfang des Jahres angesichts rückläufiger Verkaufszahlen in den gerade erst eingerichteten Deutsch-Rap-Abteilungen der Majors langsam Katerstimmung breit. Die Nachfolgealben von Afrob, Eins, Zwo, Sammy Deluxe und Ferris MC verdeutlichten vor allem eines: Deutscher HipHop schien sich gesundzuschrumpfen und das erste Mal auf einem realistischen Level anzukommen.

Die Re-Politisierung Des Deutschen Hiphop

"Im HipHop ist alles politisch." (Sékou)

Nach einer Phase wiederholt kritisierter Hedonisten-Party-Raps sind in diesem Jahr auf Platten von Jan Delay, Afrob oder Meli (Skills En Masse) wieder vermehrt explizit politische und gesellschaftskritische Inhalte formuliert worden. Wie bereits Anfang der 90er sind es vor allem MCs mit migrantischem Hintergrund, die das Wort erheben.

"Ich sage: Ich bin deutsch." (Sékou)

Deutlichstes und spektakulärstes Beispiel für diese Entwicklung ist sicherlich der Zusammenschluss von ca. 40 afro-deutschen Künstlern in den Projekten Brothers Keepers (BK) und Sisters Keepers (SK). Anlässlich der Ermordung des Mosambikaners Alberto Adriano durch einen Nazitrupp im Jahr 2000 veröffentlichten BK im Sommer die Single "Adriano (Letzte Warnung)", die es bis auf Platz 4 der Media-Control-Charts brachte und 210.000 Einheiten verkaufte. Nebenbei etablierten sie den Terminus "afro-deutsch" als selbstdefinierte Bezeichnung für schwarze Menschen deutscher Nationalität in der Öffentlichkeit und formulierten die Forderung nach Anerkennung als Minderheit. Die Formierung von BK/SK und die gleichzeitige Gründung eines Vereins brachten Diskurse und Standpunkte in die Medien, die in Deutschland nie zuvor mit einer derartigen Vehemenz und Präsenz zu beobachten waren.

Ein Jahr nach Gründung gilt es nun, Bilanz zu ziehen, Respekt zu zollen und zu klären, inwieweit Kritik innerhalb eines kommerziellen und medialen Musikmarktes eine inhaltliche Rassismusdebatte nach sich zieht. Kann das Projekt BK/SK nach der überwältigenden Resonanz innerhalb der Bevölkerung nun einen Schritt weiter gehen und die Komplexität der Ursachen von Rassismus in Deutschland diskutieren?

Anlässlich der Veröffentlichung des BK-Albums "Lightkultur" und der ersten Single des Pendants Sisters Keepers trafen Adé (B.A.N.T.U.), Pat, Mamadee, Kaye & Tésiree, Tyron Ricketts, Sékou, Xavier Naidoo, Lisa Cash und Blaise Anfang November zu einer Fernsehaufzeichnung in Köln zusammen. Gelegenheit, einmal genauer nachzuhaken. Und da gibt es einige Ansatzpunkte, von der Repolitisierungstendenz im HipHop bis zum nicht mehr zu leugnenden Einbruch des Marktsegments. Und, gleich zu Beginn des Gesprächs, über die deutsche Linke nachzuhaken. BK/SK formulieren ein neues Widerstandsmoment, grenzen sich explizit von der "Krise des linken Lagers", das in ihren Augen keine sinnvollen Lösungsansätze zum Thema Rassismus artikuliert, ab.

Sékou: Die Afro-Deutschen sind die ersten, die ein neues deutsches Bewusstsein und einen Patriotismus an den Start bringen konnten, indem sie sagen: Ich bin Deutsch.

Adé: Es ist ein innerdeutsches Problem. Ich habe Gregor Gysi verständlich gemacht [Adé traf ihn bei einem BK-Konzert], dass wir ein Bewusstsein in diesem Land schaffen, um von diesem "linken Gedankengut" wegzukommen, wegen dem man sich nicht mit diesem Land identifizieren will. Wir nehmen den Rechten das Territorium des Patriotismus weg, indem wir sagen: "Wir sind stolz, Teil dieser Nation zu sein, mit der ganzen Verantwortung, die dazugehört."

Sékou: Die Linken denken: Patriotismus = Faschismus. Sie haben nicht gemerkt, dass sie damit Menschen ausschließen. Es gibt Menschen in diesem Land, die irgendeinen gemeinsamen Nenner brauchen, damit sie sich Deutsch fühlen können. Das erlaubt die deutsche Linke lustigerweise nicht, sondern ist gerade in dem Moment die Barriere. Die deutsche Linke ist für Minderheiten in Deutschland als Lobby fast wirklich nicht zu gebrauchen, da ihre Politik vor lauter Panik und Angst, verbotene Wörter oder Konzepte in den Mund zu nehmen, völlig am Thema vorbeiführt, so dass gar nichts nach vorne geht.

"Meine Themen haben keinen Platz für eure Mitte." (Afrob, "Red, Black & Green")

Was nun, Herr Merz? Damit hatte man nicht gerechnet. In Erinnerung an die leidenschaftlich geführte reaktionäre "Leitkultur-Debatte" scheint es fast, als würden nun Politiker des mitte-rechts-konservativen Lagers mit dem Problem konfrontiert, dass ihnen ihr Terrain von einer Gruppe streitig gemacht wird, deren Existenz in der republikanischen Wirklichkeit bisher ignoriert wurde. Gleichzeitig bleibt allerdings die Kritik an den "Linken" recht "plakativ" und oberflächlich, da sich die zu Recht aufgezeigte problematische "Patriotismus-Diskussion" innerhalb des linken Diskurses in Wirklichkeit wesentlich komplexer darstellt.

Eine deutlich differenziertere Kritik hingegen äußerte kürzlich das migrantische Bündnis Kanak Attack, das die strukturelle Arbeitsteilung in der antirassistischen Arbeit in Deutschland kritisiert, durch die den meisten "Gesetzesverschärfungen immer nur kalkulierbare Gegenreaktionen" folgen. - Ein kontroverser Ansatz bleibt es allemal.

Es wurde dieses Jahr häufig von einer "Re-Politisierung" des deutschen HipHop gesprochen. Auf Platten von Jan Delay, Afrob, Meli u. a. tauchten verstärkt kritische Inhalte auf. Seht ihr euch als Teil dieser Bewegung?

Sékou: Im deutschen HipHop hat sich in letzter Zeit verstärkt die ethnische Minderheit gemeldet. Nach dieser Fanta-4-Explosion war HipHop ja Karnevalsmusik in Deutschland. Advanced Chemistry gab es schon immer, allerdings wurden die damals ausgelacht und nur unter den "most conscious heads" ernst genommen. Jetzt gibt es Leute wie Kool Savas, die lustigerweise ein Teil dieser ethnischen Bewegung im HipHop sind. Ich hab' immer gesagt, dass das die Überlebenschancen erhöhen wird. Denn vorher war HipHop in Deutschland eine reine Jugendkultur, sonst gar nichts ... Was soll HipHop in Deutschland am Leben halten? Es musste kulturell relevant und ein Sprachrohr für Leute, die sonst keines hätten, werden. Afrob war für mich einer der ersten, der damit auch large und bekannt geworden ist. Ob Leute jetzt politischer werden, weiß ich nicht. Es wird auf jeden Fall kulturell relevanter.

Tyron: Man darf nicht vergessen, dass nicht alles, was gemacht wird, auch gehört wird. Wenn die bestehenden Strukturen kein Interesse haben, kritische Lieder zu spielen, wird man die auch nicht hören. Mittlerweile sind wir aber selbst in der Lage, eigene Themen rauszubringen. Früher haben Plattenfirmen immer gesagt: "Das machen wir lieber nicht als Single." Oder Radioredakteure meinten: "Wir wollen fröhliche Zuhörer und niemanden mit kritischen Texten belasten."

Es wird sich zeigen, wie lange die Nachfrage nach derartigen Songs anhält. Angesichts der mächtigen Musikindustrie bleibt zu beobachten, ob sie nun den "Differenz-Vermarktungsarm" ausstrecken wird oder ob solche Thematiken wie bereits Anfang der 90er wieder von Spaß-kompatiblen Formaten verdrängt werden. Damals veröffentlichten beispielsweise D-Flame und Azad als Mitglieder der Gruppe Asiatic Warriors die EP "Told Ya" (1993), die inhaltlich stark der Single "Adriano" ähnelt.

Mit der Single "Liebe&Verstand" präsentieren sich nun auch erstmals Sisters Keepers neben ihren männlichen Kollegen. In Textzeilen wie "Komm reich uns deine Hand, auch wir sind hier geboren" wird aber im Gegensatz zu "Adriano" ein deutlich defensiverer und versöhnlicherer Ton angeschlagen. Auf die Unterschiede angesprochen, stellt Pat klar, dass dies nur die "weibliche Sicht der Dinge" sei. Dabei verwundert allerdings, dass diese "weibliche Sicht" auch auf dem zweiten SK-Albumtrack nicht über die wiederholte Darstellung des Rassismusproblems hinausgeht und beispielsweise auch nicht explizit den Sexismus- und Exotismuskomplex verhandelt. Generell kamen die Frauen in der Runde viel zu wenig zu Wort, was zum einen daran lag, dass die Männer schneller das Wort ergriffen, zum anderen aber auch an ihrem deutlich weniger vorhandenen Projekt-Überbau.

Selbstdefinition "Afro-Deutsch"

Ihr behandelt in euren Texten fokussiert die Thematik "Schwarze Menschen / Deutscher Pass". Dadurch könnten sich Schwarze ausgeschlossen fühlen, die zwar die gleichen Erfahrungen mit Deutschland teilen, aber einer anderen Nationalität angehören?

Adé: Den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Falls es so ist, haben sie uns missverstanden. Die Afrikaner sagen zu uns: "Endlich habt ihr eure Stimme erhoben, weil ihr diejenigen seid, die nicht abgeschoben werden." Bei dem neuen Zuwanderungsgesetz und dem neuen Sicherheitspaket wissen wir, was passiert, wenn Afrikaner sich jetzt versammeln und die Stimmen erheben wollen. In einem politischen Kontext liegt unsere Aufgabe also darin, die "Stimme für die Stimmlosen" zu erheben. Wir machen da keine Unterschiede. Auch durch das Facettenreichtum von BK Deutschland, BK UK [Roots Manuva, Blak Twang] und BK Jamaica [Ziggy Marley, Bunny Wailer] auf der LP merkt man, dass wir den Dialog auf allen Ebenen suchen. Das Ding ist richtig am Wachsen. Es ist ein Selbstfindungsprozess, und die Sache muss internationalisiert werden. "Afro-Deutsch" ist auch nur ein Arbeitsbegriff. Wir geben damit nur einen kleinen Einblick in diese Komplexität, die uns seit unserer Geburt aufgedrückt wird, dass die Welt sich nur in Farben aufteilt.

"Es ist wie außerirdisch." (Meli, "Eines Tages")

Die Bezeichnung "afro-deutsch" ist also erst mal eine Selbstdefinition und ein Anfang? Tyron: Genau. Man merkt oft, dass viele verunsichert sind, da sie wissen, dass man Neger nicht mehr sagen darf. Vielleicht geben wir den Leuten auch eine kleine Sicherheit, um damit normaler umgehen zu können. Viel ist Unsicherheit und Angst. Jeder Mensch hat erst mal Angst vor dem anderen, egal, welcher Farbe. Das muss man auflösen, darüber reden und diskutieren, dann klappt das schon. Sékou: Es ist eine Katastrophe, wenn die Kids aus ihrem Elternhaus nur das Wort Neger kennen und es auch noch in ihren Schulbüchern finden. Das ist eine Brutstätte für Rassismus.

Ihr seid in diesem Jahr auf vielen Konzerten und Festivals aufgetreten. Wie reagiert ein zu 90% weißes Publikum auf euch?

Sekou: Für die ist das Antifa. Die sehen das als eine Initiative gegen Faschismus: damit kann ich mich auch identifizieren. Sie haben noch nicht verstanden, dass sich hiermit eine Minderheit etabliert, indem wir sagen: "Respektiere unsere kleine Kultur hier in dieser größeren Kultur und lass uns alle klären, wie wir zusammenarbeiten können." So weit ist das Denken unter dem Publikum noch nicht.

Adé: Das schönste und das tragenste Erlebnis für mich passierte auf dem Splash 2001, als es nach dem Song für einen kurzen Augenblick Stille gab und dann 25.000 Kids riefen: "Nazis raus! Nazis raus!" Dies in dem Moment in Ostdeutschland, wo Adriano umgebracht wurde, von diesen Kindern zu hören und dabei an die Multiplikatoren zu denken, die daraus folgen werden, hat schon alles gesagt. Das war eine Art Zwischenbilanz. Die Rezeptoren sind offen, wir müssen jetzt die richtigen Signale setzen.

Trotz der Wichtigkeit der Thematik der Single "Adriano (Letzte Warnung)" bleibt die inhaltliche Polarisierung auf "die" Skinheads und deren Konstruktion als alleinigem Feindbild problematisch.

"Wer soll eigentlich woraus, raus aus wo, oder rein worin. / Wat solln die Nazis raus aus Deutschland, was hätt'n das für'n Sinn? / Die Nazis können doch nicht raus, denn hier gehören sie hin." (Die Goldenen Zitronen, "Flimmern")

Um den wichtigen Kampf "gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (!)" öffentlich zu artikulieren, versammeln sich seit Jahren immer wieder große Teile der Bevölkerung und formulieren ihren Protest gegen Nazis. Dieser Gruppenprozess, der oberflächlich als eine differenzierte Protesthaltung imponiert, ist aber in Wirklichkeit eine regressive Bewegung. Meist bleiben diese Handlungen auf ein Ritual reduziert, das seine Kraft aus der Gemeinschaft des "zusammen gegen" ein Äußeres bezieht.

In ähnlicher Weise wirbt derzeit G.W. Bush rhetorisch um Solidarität für seinen "Krieg gegen den Terror", in dem jeder, der "nicht mit uns gegen den Terror ist, letztendlich für ihn ist." Die Möglichkeit einer kritischen und differenzierten Formulierung des Sachverhaltes wird bewusst vermieden. Was bei Bush eindeutig aus taktischen Gründen artikuliert wird, scheint in der antirassistischen Bewegung natürlich erst mal ein notwendiges, in weiterer Konsequenz aber eher kurzsichtiges, naives Unterfangen.

Sicherlich ist es erst einmal wichtig, als klares Zeichen ein Statement wie "Gegen Nazis und Rassismus" zu äußern, das bleibt außer Frage! Allerdings stellt sich fast zehn Jahre nach der Entdeckung der Lichterketten und angesichts des repressiven Politikstils unseres Innenministers die Frage, was nach einer solchen "Demonstration" folgen soll. Solange in Politik und Presse statt Rassismus weiterhin Begriffe wie "Fremdenfeindlichkeit" benutzt werden, die eine permanente Konstruktion des anderen schon auf struktureller Ebene darstellen, bleibt der Protesterfolg bei Null. Nazis zu Feinden zu erklären wird der einfachste Weg bleiben.

Ich sehe bei der Thematik der Single und Teilen der LP das Problem, dass über die bekannte Polarisierung des Feindbildes "Skinhead und Nazi" die Diskussion über den strukturellen, systemimmanenten Rassismus als Ursache vermieden wird.

Tyron: Bei einem konkreten Track wie "Adriano" kann man natürlich nicht die ganze Bandbreite abdecken. Man darf auch nicht vergessen, dass Skinheads nur die sichtbare Spitze des Eisberges sind. Das Ganze erstreckt sich ja sehr viel breiter und gemeiner, wenn du dir Deutschland anschaust. Auf dem Album geht jeder auf andere Aspekte von Rassismus ein.

Sékou: In Deutschland ist es sehr schwierig, eine anständige Diskussion über Rassismus zu führen, weil es immer auf Faschismus gelenkt wird. So kann man den Kampf nicht gewinnen. Die Faschos werden wir nie alle ausradieren können, das ist unmöglich. Was aber stattfinden muss, ist z. B. ein detailliertes Gespräch über Geburtsrecht. Wobei es zu definieren gilt, was ein Deutscher ist. Das ist die Ignoranz, die man bekämpfen muss. Es sollte keine Einbürgerungsgesetze geben, bei denen man sich bei der Geburt darum kümmern muss, Deutscher zu werden, sondern das von Anfang an ist. Das wiederum wird die ganze Einstellung der Bevölkerung ändern. Man sagt dann nicht mehr zu den Leuten, die hier sitzen, Ausländer, sondern Deutsche.

Den Mitgliedern der BK/SK sind die vielfältigen Rassismen, besonders auch durch ihre alltäglichen Erfahrungen am eigenen Leib, bekannt, trotzdem thematisieren sie die eigentlichen Ursachen und die sich daraus ergebenden Lösungsutopien nur vage. Ihre optimistische Haltung, man könne Rassismen vor allem durch Abbau von Vorurteilen langsam ausmerzen, ist in jedem Fall positiv zu bewerten, verdeckt allerdings auch die Tatsache eines systemimmanenten Rassismus, dessen Auswirkungen die gesamte Bevölkerung Deutschlands und somit auch weiße Deutsche zu Opfern von Rassismus macht.

Bereits in der Erziehung werden Weiße hier schon früh mit Zuschreibungs- und Exotismusfallen konfrontiert, die später Vorurteile begünstigen. Die abgegriffenen Solidaritäts- und Betroffenheitsbekundungen müssten somit einen selbstreflexiven Prozess nach sich ziehen, der sicherlich schmerzlich ist. Gerade die liberale Bevölkerung produziert erst durch die bewusste Darstellung ihrer liberalen "antirassistischen" Haltung bei Kundgebungen wie Schröders "Aufstand der Anständigen" die Konstruktion des anderen: "Wir sind FÜR die Ausländer."

Ich denke, dass die Forderung der Wirtschaft nach mehr Einwanderung und die rot-grüne Einwanderungspolitik entlang des ökonomischen Kalküls (Wer ist nützlich und wer nicht?) kaum eine migrationsfreundliche Haltung darstellen.

Sékou: Das ist aber ein Ansatz. Es ist die Hammer-Aufklärung, wenn da jemand kommt und sagt, dass [Einwanderung] wirtschaftlich nützlich ist und wir darauf angewiesen sind und sogar 500.000 Menschen im Jahr brauchen, da wir sonst bankrott gehen. Wenn du das erzählst, wäre es ein Riesenschritt, da das Pragmatische völlig fehlt. Die Bevölkerung denkt, es ist eine Riesen-Charity-Geschichte hier, und das muss aufhören. Aus solchen Gedanken wächst der Hass und der Neid.

Re-Present What?

Diskussionen wie diese verlaufen natürlich nicht ohne Kontroversen, ja, dürfen es bei einer richtigen Beschäftigung auch nicht. Bis zu diesem Punkt in unserem Gespräch arbeiteten wir uns aber gänzlich an inhaltlichen Aspekten ab. Zum Schluss muss die Frage nach der Mitgliedschaft Nadjas (von den No Angels) allerdings doch gestellt werden - bei aller Oberflächlichkeit. Wie erwartet, geraten wir leicht aneinander. Meine Kritik an der marketingstrategischen Konstruktion ihrer Girlband und dem RTLII-Sendeformat "Popstars", das eine vermeintliche Authentizität vermitteln will, wird als unverständlich zurückgewiesen. Adé weist mich sofort darauf hin, dass Nadja selbstverständlich ein Teil von BK/SK ist und sie ihr Star-Bonus auf der Straße nicht vor rassistischen Übergriffen und Diskriminierungen verschonen wird. Was selbstredend nicht in Frage gestellt wird.

Gleichzeitig ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass sie als Teil von No Angels als Projektionsfläche fremdbestimmter medialer Repräsentation herhalten muss - sie selbst also wenig Möglichkeiten haben dürfte, ihre eigene Identität zu kreieren. Und demzufolge zu bezweifeln ist, dass Nadjas Teilnahme am BK/SK-Projekt völlig unproblematisch ist. An anderer Stelle unseres Gespräches thematisierte Tyron diesen Problemkomplex an einem anderen Beispiel folgendermaßen:

Tyron: Es gibt natürlich auch das Problem der medialen Repräsentation von Schwarzen. Wir versuchen über eine Model-Agentur, in der nur schwarze Models und Schauspieler vertreten werden, die Medienwelt positiv zu beeinflussen, indem wir Klischeerollen, die angefragt werden, einfach ablehnen und dem Regisseur erklären, dass der schwarze Schauspieler nicht immer den Drogendealer spielen muss.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Tyron: Zuerst heißt es dann: "Ich bin doch kein Rassist, meine Frau ist Jugoslawin." [Gelächter in der Runde] Wenn man sie dann aber mit unserer Wahrnehmung konfrontiert, fangen die Leute an zu denken. Noch ein Beispiel zur Gefährlichkeit der Medien: Ich habe kürzlich einen Bericht über afrikanische Drogendealer in Hamburg gesehen - was sicherlich ein Problem darstellt. Wenn allerdings der "Spiegel-TV"-Moderator den Bericht mit den Worten abschließt: "Wenn die Polizei auf diesem Auge blind ist, kann man eine tendenzielle rechte Gesinnung in Deutschland verstehen", dann ist das eine sehr, sehr gefährliche Aussage.

Angesichts der repressiven Stimmung in Deutschland scheinen sich die Künstler von Brothers Keepers und Sisters Keepers einiges vorgenommen zu haben. Der Zusammenschluss ist gesellschaftlich ein ungeheuer wichtiges Signal - vor allem für die schwarze Bevölkerung Deutschlands. Während die restriktiven Auswirkungen der Sicherheits-politischen Hysterie in Deutschland nach dem 11. September erst langsam deutlich werden, wird der Kampf um ihre formulierten Forderungen um so dringlicher. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, wie Adé präzisiert, "das Ding zu hijacken", um die eigenen Inhalte zu transportieren. Oder ob der gesellschaftliche Betroffenheitsapparat es schaffen wird, BK/SK beim nächsten "Aufstand der Anständigen" einen Platz neben Schröder und seinen "Toleranzanwälten" freizuhalten.

"Ich integrier euch alle." (Meli, "Eines Tages")

Dank An: Phillip Sollmann, Tahirdella, Christiane Bakhit

Die Talkrunde auf Video: [Video 100k] [Video 56k]