×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zurück aus dem Wunderland

Broken Bells

James Mercer und Brian Burton müssen das Tanzen lernen. Das haben sich der Shins-Frontmann und sein Produzenten-Partner Danger Mouse mit ihrem neuen Broken-Bells-Album »After The Disco« selbst eingebrockt. So richtig einsehen wollen es beide aber nicht. Während die Welt um sie herum vom Einzug von Disco und Dance in das Broken-Bells-Universum spricht, sprechen sie mit Daniel Koch lieber über die Traurigkeit der Tanzfläche.
Geschrieben am

Hat eigentlich jemand damit gerechnet, dass man die Broken Bells noch mal zu Gesicht bekommen würde? Ich jedenfalls nicht. Als sie 2010 auf dem Melt! Festival zum Abschluss am Sonntag im prächtigsten Sommernachmittagssonnenschein unter den Baggern diese schwerelosen Songs aus ihrem Repertoire darboten – »Your Head Is On Fire«, »Vaporize«, »The High Road« und wie sie alle heißen –, da dachte ich mir so: Das ist wohl das erste und einzige Mal, dass ich dieses eher untypische Pärchen zusammen sehen und hören werde. Allein die Terminfindung der beiden! Danger Mouse als einer der am heißesten gehandelten Produzenten, der zum Beispiel gerade das neue U2-Album produziert, und James Mercer, treu sorgender Familienvater und immer noch Kopf der Band The Shins – wie soll denn das zeitlich zusammengehen?

Manchmal kommen die Dinge zum Glück eben anders. Und so sitzen Brian Burton und James Mercer jetzt neben mir, um über ihre neuen Songs zu sprechen. Burton trägt dabei ein weißes V-Ausschnitt-Shirt unter schlichtschickem Sakko, sodass man ihn eher mit Mr. Burton als Brian oder gar Danger Mouse ansprechen möchte. Mercer schaut ebenfalls smart aus, nur dass er die Aura eines in sich ruhenden Familienvaters hat, der, während andere ins Büro fahren, halt Schmuckstücke wie »Caring Is Creepy« oder »Kissing The Lipless« schreibt – oder eben die Songs des zweiten Broken-Bells-Albums. Dieses trägt den etwas problematischen, aber sehr poetischen Titel »After The Disco«. »Für uns stand von Anfang an fest, dass wir weitere Alben aufnehmen«, stellt Burton als Allererstes klar. »Diese Band hat für uns Priorität. Wenn es nach mir ginge, wäre es so, dass wir ein Album aufnehmen, einen Monat lang mit ein paar Leuten darüber sprechen, eine Weile pausieren und dann ein neues angehen. Aber man erinnert mich immer wieder gerne daran, dass da ein wenig mehr dran hängt.«

 

Da beide den Broken Bells dieselbe Bedeutung zukommen lassen, stellt das Abstimmen ihrer Zeitpläne auch gar nicht das erwartete große Dilemma dar. »Nach den Broken Bells habe ich ja das Shins-Album geschrieben, aufgenommen und wir sind damit auf Tour gegangen«, erzählt Mercer. »Klar hätte ich etwas länger pausieren können, Brian sicher auch, aber wir hatten beide wieder Lust, gemeinsam zu arbeiten.« Ungefähr im selben Zeitraum hat Burton übrigens den Sampler »Dark Night Of The Soul« mit Sparklehorse und zahlreichen Gastsängern aufgenommen, sich gemeinsam mit Komponist Daniele Luppi auf dem epischen »Rome« vor Ennio Morricone verneigt, mit »El Camino« von den Black Keys eines der besten Rockalben der letzten Jahre produziert und Norah Jones auf »Little Broken Hearts« vom verschnarchten Jazzpop-Image befreit. Für alle, die immer sagen, ihre Zeit reiche nicht.

 

Trauer auf der Tanzfläche

 

Auf »After The Disco« erkennt man die Broken Bells kaum wieder. Die elf Songs sind ebenso traurig wie wuchtig, lassen Streicher jubilieren, driften bisweilen ins Psychedelische und finden oft zu übergroßen Pop-Refrains wie in »Holding On For Life«, »Perfect World« oder »Lazy Wonderland«. Das wenig Greifbare, Geisterhafte des Debüts ist völlig verschwunden. Stattdessen kitzeln einen die Beats plötzlich und regen zum Tanzen an. »Keine Ahnung, wie das passiert ist«, gibt Burton zu verstehen. »Ich finde zwar, dass ein Song wie ›Lazy Wonderland‹ auch auf dem ersten Album hätte sein können, aber mit den eingängigeren und stimulierenderen Refrains hast du sicher recht.« Er merkt dann aber auch an, dass diese Entwicklung schon mit dem Debüt abzusehen gewesen sei, für das sie damals 20 Songs geschrieben hatten. Die letzten beiden, »High Road« und »Ghost Inside«, waren die ersten Broken-Bells-Songs, die ebenfalls schon diese eingängigen Refrains hatten. »Das war dann wohl auch der Punkt, an den wir angeknüpft haben. Wir wollten größer klingen – aber dabei immer noch diese Melancholie und Traurigkeit ausstrahlen. Denn für mich sind fast alle wirklich großartigen Songs der Popgeschichte im Grunde traurig. Wenn ich dir sagen würde: Nenn mir einen großen Song, der nicht traurig ist, würdest du todsicher ins Straucheln kommen. Vielleicht würdest du einen finden, aber selbst die Dance-Hits der 80er tragen immer auch etwas Dunkles in sich.«

 

Eine  Selbstanalyse, die – gerade im Angesicht des Albumtitels »After The Disco« – dazu einlädt, hier nun die Disco-Schublade aufzumachen. Sehr zur Verwirrung der beiden Musiker. »Wir sind vielleicht tanzbarer oder überhaupt erst einmal tanzbar geworden, aber selbst diese Stücke kann man nicht ernsthaft Disco nennen«, wundert sich Mercer laut. »Dafür haben sie weder den richtigen Beat noch das richtige Tempo. Das muss man doch hören! ›After The Disco‹ ist nur eine Textzeile, die wir sehr passend fanden, weil sie die Grundstimmung so gut trifft: Dieses Gefühl, wenn man die Disco verlässt, dieses Abenteuerland hinter sich lässt und wieder in der kalten Realität ist.«

 

Broken Bells »After The Disco« (Smi Col / Sony / VÖ 31.01.14)