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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mädchenmusik

Brockdorff Klang Labor

Musik aus Musik über Musik und noch viel mehr! Warum nicht mal zu intelligenten Texten tanzen?! Zumal, wenn sie so schwelgerisch, opulent und emotional wahr daherkommen. Viel direkter und ehrlicher übrigens als diejenigen Electro-Bands, die sich entweder mit zwei, drei sexy, catchy Lines zufriedenge
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Musik aus Musik über Musik und noch viel mehr! Warum nicht mal zu intelligenten Texten tanzen?! Zumal, wenn sie so schwelgerisch, opulent und emotional wahr daherkommen. Viel direkter und ehrlicher übrigens als diejenigen Electro-Bands, die sich entweder mit zwei, drei sexy, catchy Lines zufriedengeben oder sowieso puren Nonsens singen. Bei Brockdorff Klang Labor kriegt man wirklich mehr fürs Geld, oder fürs Hören. Das Leipziger Trio (Nadja von Brockdorff, Sergej Klang und Ekki Labor), das mal als 12-köpfige Klangexperimentgruppe angefangen hat, spiegelt in den Songs eine funky, musikgeschichtsbewusste Haltung, die man seltsamerweise auf so schön formbewusster Ebene selten gehört hat.

Nach der Wende gab es für die Kids im Osten ja erst mal jede Menge Musik zu entdecken, die vorher schwer zu erreichen war. Und wie würde man als im Westen Aufgewachsener selbst durchdrehen, wenn man plötzlich das ganze (z. B. 80er-) Paket der eigenen Kindheit oder Jugend auf einmal geschenkt bekäme - von Pixies über Morrissey bis hin zu Ultravox, Depeche Mode oder Dead Or Alive? Das alles - "wir lesen, schreiben, sichten die Geschichte, gebrochene Beats und absurde Gedichte" - und noch viel mehr macht das Debütalbum "Mädchenmusik" von Brockdorff Klang Labor zu einem der besten Alben dieses Jahres! Denn wer schreibt schon so einladende, elektronisch verträumte Liebeslieder wie "Wenn du willst", wo von derselben Kirche im Dorf, an der der Ich-Erzähler des Stückes sich mit seiner Angebeteten treffen will, zu drei verschiedenen Zeiten erzählt wird? Denn am "16. Oktober 1813" könnten die Liebenden das "gleiche Licht um halb vier" gesehen haben wie "1985" - also warum nicht gleich im 19. Jahrhundert treffen? Denn bekanntlich gestalten sich Gefühle aus früheren Epochen besonders stürmisch und gewaltig. Und gleichzeitig sind BKL diskursiv aktuell und jetztzeitverschlungen; wunderbar unprivatistisch! Wenn sie etwa im meisterhaft groovenden Titeltrack "Mädchenmusik" (ein eingedeutschtes Cover übrigens von den großartigen Baxendale) die verblüffende und provokante Aussage implizieren, dass jede gute Pop-Musik, die davon handelt, wie man durchdreht, seine Träume und sein Leben findet, sogenannte Mädchenmusik ist. BKL erfüllen Wünsche wie eine Musikbox: ihre eigenen und unsere! Mal nachfragen, was sonst so drin ist:

Warum "Mädchenmusik"?
Nadja: Der Dichotomie von Rock und Pop steht in dem Song ebenso die Genderthematik gegenüber. Emotionalität, Ausagieren von Gefühlen, Irrsinn und Unsinn wird eher mit dem Weiblichen, mit "Mädchen" assoziiert. Es geht uns aber nicht darum, diese Stereotypen festzuschreiben, sondern sie zu reizen, zu provozieren. Das hat etwas Spielerisches.

Wie wählt ihr die Zitate aus?

Sergej: Die meisten Zitate sind von Künstlern oder aus Filmen, die uns viel bedeuten, Versatzstücke, die inhaltlich oder ästhetisch zum Song oder zum Album passten. Solche Sachen wie New Order oder Pixies hab ich in den 80ern tatsächlich gehört, das ist schon meine musikalische Sozialisation. Allerdings war es in der DDR nicht so einfach, an die Platten heranzukommen. Deshalb setzte nach der Wende eine große Aufarbeitung ein. Da wurde sich dann die ganze Rockgeschichte vorgeknöpft.

Dabei scheint es auch ein Ideal von euch zu sein, die Geschichte, die ihr aufschreibt und sichtet, auch zu fühlen und zu durchleben?
N: Es ist in der Tat ein Ideal, wenn sich die eigene kleine Geschichte mit "gemeinschaftlich" Erlebtem, Erinnertem überlagert. Die Bilder und Themen, die wir in unseren Liedern aufgreifen, haben immer einen persönlichen Bezug. Meist habe ich einen inneren Impuls, ein Verlangen, ein Gefühl oder eine Person, die mich bewegt. Daraus entsteht eine Geschichte, die, allgemeiner in Bilder verpackt, eher abstrakt und weniger persönlich zuordenbar ist.