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Back To Nature und Zurück

British Sea Power

Fünfzig Meter vom Brandenburger Tor entfernt parkt der Nightliner von British Sea Power. Jedenfalls passt auf ihn die Beschreibung, die man mir gab. Ich frage mich kurz, ob ich mir eher cool konspirativ oder dämlich vorkommen soll, an einen verlassen wirkenden Bus zu klopfen, doch ich habe keine Zei
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Fünfzig Meter vom Brandenburger Tor entfernt parkt der Nightliner von British Sea Power. Jedenfalls passt auf ihn die Beschreibung, die man mir gab. Ich frage mich kurz, ob ich mir eher cool konspirativ oder dämlich vorkommen soll, an einen verlassen wirkenden Bus zu klopfen, doch ich habe keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, bereits nach einer Viertelstunde wird mir die Tür geöffnet. Obwohl eigentlich klar ist, dass die Band nicht morgens um zwölf in ihrem Bühnenoutfit rumlungert, bin ich etwas überrascht, Musiker vorzufinden, die aussehen wie ganz normale britische Rockstars und keineswegs wie die vom Info angekündigte "durchgeknallte Pfadfindertruppe".

Von Pfadfindern wollen die vier nichts wissen, teilen aber mit, dass ihre Bühnendekoration künstliche Gebüsche, Bäumchen und Plastikgänse beinhaltet. Und das ist nicht nur einfach so dahin erzählter Scheiß, sondern betrifft direkt das Selbstverständnis der Band und führt uns zu dem, was sie selbst als Quelle ihrer Kreativität ausmacht: Jawohl, es geht um unser aller Mutter: "Wir versuchen mit unserem Sound die Schönheit der Natur nachzuahmen", sagt Noble (Gitarre), der freundlichste und bengeligste der Gruppe. "Ein wunderschönes Tal, einen See oder ein Waldstück zu sehen und die Gefühle, die man dabei hat, in Klänge umzusetzen, darum geht es in unserer Musik." Kann Pop wirklich etwas anderes als grellbunte Entfremdung feiern? Pulp haben es - 30 Jahre nach den Kinks und ihrer "Village Green Preservation Society" - mit ihrer sehr reizenden Baumhymne eindrucksvoll vorgemacht.

Yan, der sich bei einigen Songs der Platte (z. B. "Something Wicked") auch im Gesangsstil auf Jarvis Cocker zu beziehen scheint, sieht durchaus eine geistige Verwandtschaft: "Jarvis ist ein großer Fan von uns, weil wir die gleiche Liebe zur Natur haben, allerdings spiegelverkehrt. Wir kommen aus dem Lake District, einer der landschaftlich reizvollsten Gegenden Englands, und haben die Erinnerung ans Land mit in die Stadt [Brighton] genommen, Jarvis ist ein Großstadtkind, das in die Natur flüchtet. Wir haben mit Pulp auch schon zusammen im Wald Konzerte gegeben. Das war einer der schönsten Momente in meiner musikalischen Karriere."

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, in dem Debüt-Album "The Decline Of British Sea Power" die Pastorale zu hören, für die die Band es selber hält. Vielmehr hat es mich mit seinem gewissermaßen überzivilisierten Referenzenreichtum an Interpol erinnert, mit denen British Sea Power sicher nicht zufällig gerade auf Tour sind. Nie habe ich das Hören von Musik so sehr als ein Bombardement von Déjà-vus wahrgenommen wie hier. Manchmal ist es das Aufflackern eines Gefühls vager Bekanntschaft, teilweise sind es aber auch an Zitate grenzende Verwandtschaften. Schon das erste Lied des Albums scheint eine offensichtliche Verneigung vorm Frühwerk der Pixies zu sein. Im weiteren Verlauf geistern David Bowie und der bereits erwähnte Jarvis Cocker durch Songwriting und Intonation, bei der Single "Fear Of Drowning" wird man von "Television Personalities"-Flashbacks geschüttelt, Joy Division lassen grüßen und und und ...

Da British Sea Power nicht nur in ihrem Eklektizismus, sondern auch in ihrer musikalischen Cleverness und ihrer kreativen Energie mit Interpol vergleichbar sind, fühlt man sich nie in schale Nostalgie verstrickt, sondern immer herausgefordert und animiert, wie zum Beispiel von Krachern wie "Carrion" oder "Remember Me". Daneben ist die Platte, wie es sich für ein Musikprodukt, das "British" im Namen trägt, gehört, von Melancholie durchzogen, teilweise sogar von einer unter den netten Melodien herumspukenden Düsterkeit. Die Trauer darf man laut Yan aber nicht ganz so eins zu eins lesen wie die Naturhuberei: "Viele Leute mochten damals die Smiths nicht, weil sie so depressiv waren. Aber wenn man auf die Konzerte ging, stand Morrissey da mit einer lächerlichen Sonnenbrille, Narzissen und einem Hörgerät. So muss man die Depressivität bei uns auch verstehen." Wir haben verstanden.