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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Pop in Polstersitzen

Brett Anderson live

Christian Steinbrink geht ja normalerweise "auf" Konzerte, heute geht er "ins" Konzert: In klassischem Rahmen lässt sich neuerdings auch Pop genießen.
Geschrieben am
12.12.07, Dortmund, Konzerthaus.

Es ist immer noch ein wenig ungewohnt: Da gibt es eine Konzertreihe, die namhafte Acts unter ziemlich exklusiven Rahmenbedingungen in ein Venue für eigentlich klassische Musik holt, und das ganze findet nicht in Berlin, Hamburg oder Köln statt, sondern im seit Jahren nicht mehr so regelmäßig auf der Agenda der großen Popereignisse erscheinenden Dortmund. Ein paar Monate, bevor sich die Loveparade durch die Stadt walzen wird, erlebt das Pop Abo unter den Fittichen des geflügelten Nashorns, Wahrzeichen des Dortmunder Konzerthauses, seine internationale Premiere. Denn nachdem bisher mit Blumfeld, Kante, Sabrina Setlur und Christina Stürmer nur deutschsprachige Acts die Bühnenbretter in der Dortmunder Innenstadt betraten, erscheint dieses Mal mit dem ehemaligen Suede-Sänger Brett Anderson der erste Brite.

Als Anderson zusammen mit seiner Cellistin Amy die Bühne betritt, wird sofort klar, dass dieses gediegene Setting sehr gut zu seinem fortgeschrittenen Alter und der gegenwärtigen Phase seiner Karriere passt. Immerhin sind seit der Veröffentlichung des selbstbetitelten Suede-Debüts mittlerweile fast 15 Jahre vergangen, und einen Auftritt in schwarzem und körperbetontem Dress, mit Make-Up und Mikrofonlasso wie damals bei MTV's Live And Direct, wird ihm heute so wohl niemand mehr abnehmen.

Anderson tritt so auf, wie auch schon anlässlich seines diesjährigen Solodebüts: Mit Jacket und Bluejeans, die graumelierten Haare kurz geschnitten. Seine Ansagen sind knapp aber angemessen, niemand erwartet hier eine umfangreichere Anrede, gerade von ihm nicht. Das Set ist dem klassischen Rahmen entsprechend in zwei Hälften aufgeteilt, in beiden beweist Anderson an Gitarre und Klavier Können auch im akustischen Rahmen.

Die erste Hälfte beginnt verhalten. Jeder im gut gefüllten Saal weiß, worauf gewartet wird, und Anderson weiß es sicher auch. Er spielt aber zunächst viele aktuelle Stücke und Songs von späteren Suede-Alben, und je älter der Song ist, desto heftiger sind die Freudeschreie aus dem Publikum. Ja, Suede mögen spätestens nach 'Coming Up' nicht mehr wahnsinnig viele Platten verkauft haben, sie hatten aber stets den Trumpf einer treuen und ergebenen Fanbase. Trotzdem überrascht es, wie euphorisiert und selig ein Teil der Besucher den Auftritt verfolgt.

Nach einer standesgemäßen viertelstündigen Pause kommt auch der letzte nostalgische Fan auf seine Kosten. Anderson spielt unerwartet viel von den ersten beiden Suede-Alben, und noch überraschender ist die Erkenntnis, dass die Stücke auch spärlich instrumentiert und ohne E-Gitarre gut funktionieren. Suede-Songs sind durch die Bank von einer besonderen romantischen Bedingungslosigkeit, und diese Stimmung transformiert sich auf der akustischen Bühne in eine stilisierte, ausdauernde und stolze Melancholie. Und auch Andersons trockene Anmerkung, dass sich der vorherige und nächste Song im ihren Gitarrenarrangements stark gleichen würden und ihm das zu denken geben sollte, wird weniger als Ausdruck musikalischer Einförmigkeit denn als sympathische Selbstironie gewertet.

Nach zwei Zugaben verlässt Anderson endgültig seine Bühne, und das Publikum tobt, jedenfalls soweit das in den gemütlichen Polstersitzen möglich ist. Solange Brett Anderson auch in seiner Solokarriere nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht und sie so souverän nutzt wie hier, wird ihm von seinen Fans auch eine halbgare Platte wie die aktuelle verziehen werden. Die Leute, die ihn an diesem Abend feierten, werden das nächste Mal in jedem Fall wiederkommen.