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Freude in einer abgefuckten Welt

Brandt Brauer Frick im Gespräch

Auf ihrem neuen Album »Joy« mutieren die Berliner Techno-Klassik-Tüftler Brandt Brauer Frick zur klassischen Band. Henje Richter traf die drei Musiker in Berlin und redete mit ihnen über Kapitalismus, Fundamentalismus, Fremdenangst, und wie man trotz der Umstände weitermacht.
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»Heutzutage wird ja alles, und insbesondere die Freude, überhöht, nur um den Menschen was zu verkaufen«, sagt Paul Frick an einer Stelle des Interviews. Fricks spezielles Thema an diesem warmen Nachmittag im Frühherbst ist das Verkaufen, oder eben das Nicht-Verkaufen – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, sitzen Paul Frick, Daniel Brandt und Jan Brauer doch im Berliner Büro von Warner Music. Major Label also, da liegt der Verdacht des Ausverkaufs nah. So nah, dass Frick ihm gleich entgegentreten muss: »Warner sind nur der deutsche Partner unseres französischen Labels Because Music. Das wussten wir bis vor Kurzem auch nicht«, erklärt er entschuldigend. Die drei Mittdreißiger passen mit ihren gemütlichen Klamotten, selbstgedrehten Zigaretten und halb herausgewachsenen Frisuren auch nicht in das schicke Konferenzzimmer mit der langen Warner-Ahnenreihe an der Wand. Sie sind Geschöpfe des Neuköllner Kiezes, in dem ihr Studio liegt: Irgendwie schon hip, aber das Gegenteil von schick.  

Dabei kommen Brandt Brauer Frick (BBF) aus bürgerlichen Verhältnissen: Frick war auf der Universität der Künste, die anderen sind nach Berlin zugezogene Wiesbadener, zusammen machen sie von Jazz und Klassik geprägte Techno-Tracks. Mit dieser Mischung haben sich die drei über die letzten sieben Jahre ein ausgesuchtes Publikum erspielt und die Grenzen ihrer Musik mal mit Ensemble, mal mit verschiedenen Gastmusikern immer wieder verschoben und erweitert. Auf ihrem vor Kurzem erschienenen vierten Album »Joy« zieht der Pop in ihre Musik ein. Das liegt vor allem an dem kanadischen Sänger Beaver Sheppard, der mit Vollbart in Frauenkleidern gerne Gendergrenzen verschiebt und zur Zeit volles Bandmitglied ist. »Wenn wir mit anderen Künstlern zusammen arbeiten, legen wir denen normalerweise fast fertige Instrumentaltracks vor, etwa auf unserem letzten Album ›Miami‹«, erklärt Brandt. Sheppard hingegen war diesmal schon zu Beginn des Produktionsprozesses dabei. »Es war wie bei einer richtigen Band: Er kam mit Songideen und gemeinsam machten wir was daraus. Man könnte sagen, dass wir uns in den Dienst seiner Stimme gestellt haben«, so Brandt weiter. Die Harmonien kamen allein von dem Trio, die Melodien hat der gelernte Singer-Songwriter Sheppard hingegen mit entwickelt. »Er ist ein wahnsinnig exzentrischer Typ, und zumindest ich war anfangs ziemlich skeptisch, wie die Arbeit mit ihm wird«, gibt Frick zu. »Aber er ist sehr diszipliniert, wenn es drauf ankommt.« Die Arbeit mit ihm hat dann so viel Spaß gemacht, dass »Joy« der Albumtitel wurde.
Im Gegensatz zu ihren Ensemblezeiten, in denen sie als BBFE firmierten, kommt Sheppard trotz gleichberechtigter Bandmitgliedschaft nicht im Namen vor. »Wir haben das aber kompensiert, indem wir ihn auf das Cover gehoben haben«, erklärt Jan Brauer. Das Cover-Artwork zeigt das wütende Gesicht von Beaver Sheppard in Nahaufnahme und stellt die ganze Widersprüchlichkeit der Freude dar, die BBF mit dem Album ausdrücken wollen. »Und auch im Video zu ›Holy Night‹, das wir letztes Jahr vorab veröffentlicht haben, wird ihm ein Denkmal gesetzt«, so Brauer weiter. In dem Animationsvideo von Danae Diaz errichten fleißige Arbeiter eine Götterstatue mit Sheppards Gesichtszügen, die am Ende lebendig wird und die gesamte Stadt in Trümmer legt. »Die Idee kam mir an einem Abend im Berliner Club about:blank«, so Brauer. »Beaver ist eben ein sehr faszinierender Mensch, nicht nur musikalisch, sondern auch als Typ, mit all seinen unterschiedlichen Facetten.« BBF spielen auch im Video mit der Idee, etwas zu erhöhen und zu verkaufen. »Denn in der Religion ist es ja genauso wie im Kapitalismus: Etwas wird übertrieben und dann unter die Leute gebracht«, so Frick. »Und den Göttern ist es dann egal, was sie unter den Menschen anrichten.« 
Das Album ist ein verdeckter Rundumschlag der Gesellschaftskritik, von Kapitalismus über Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Fundamentalismus. »Und letztlich geht es darum, wie man in dieser ziemlich abgefuckten Welt trotzdem Hoffnung und Freude behält und versucht, Probleme zu lösen«, sagt Brandt. Bei den aktuellen politischen Entwicklungen habe das Thema »Freude« einfach in der Luft gelegen, so Brandt. »Heute haben ja alle möglichen Leute fürchterlich viel Angst«, erklärt Frick dazu. »Wir hingegen haben uns lieber auf die Suche nach der Freude begeben.« Die Freude ist für die Band allerdings keine einfache Angelegenheit, sondern schließt immer auch ihr Gegenteil mit ein. »Der Wunsch nach Freude ist ja nur da, wenn auch ihr Gegenpol vorhanden ist. Nur Party zu machen wird schnell langweilig, aber nach fünf Tagen Arbeit ist die Freude daran umso größer«, erläutert Brandt. Und Frick fügt hinzu, bei seinem Thema bleibend: »Man wird heute mit so viel vereinfachter Verkaufsfreude zugeschissen, das kann ja keiner ertragen. Bei uns ist die Freude keine einfache Emotion, sondern setzt sich aus vielen Sachen zusammen, und sie schließt ihr Gegenteil mit ein, auch Wut und Angst.« Und so klingt das Album trotz aller Dynamik und hörbarer Lebenslust oftmals auch düster. »Uns wurde schon häufig gesagt, unsere Musik sei ja ganz toll, und irgendwie auch Kunst, aber insgesamt schon ziemlich deprimierend«, so Frick. »Wir empfinden das aber ganz anders. Für uns ist unsere Musik die reinste Freude.« Und Brandt fügt hinzu: »Es ist jedenfalls das fröhlichste Album, das wir je gemacht haben.« 

Brandt Brauer Frick

Joy

Release: 28.10.2016

℗ 2016 K7! Records under exclusive license to Because Music LC33186