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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Nie genug Techno

Boys Noize im Gespräch

Er macht Musik, sobald die Sonne untergegangen ist, würde nie bei einem Major-Label unterschreiben und verschanzt sich in Clubs am liebsten hinter dem DJ-Pult: Alexander Ridha a.k.a. Boys Noize ist immer noch einer der wichtigsten DJs und Produzenten aus Berlin. Auf seinem vierten Album »Mayday« zieht er alle Register, um den Dancefloor zu füllen. Annette Walter traf ihn in Berlin.
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Schon lustig, dass Alexander Ridha, der so viel Zeit hinter den Turntables verbringt, selbst kaum in Clubs geht. Bis auf gelegentliche Sonntagnachmittagsbesuche im Berghain. »Wenn ich ausgehe, dann in Bars, um mich zu besaufen«, lacht Ridha. Er ist eben keiner, den man auf der Tanzfläche findet, sondern hinter dem DJ-Pult: »Der Ort hinter den Plattenspielern ist der sicherste«, grinst der gebürtige Hamburger.

Der 32-Jährige sitzt im Dachgeschoss seiner PR-Firma in der Nähe des Kottbusser Tors und ist wie meistens komplett schwarz gekleidet – Hoodie und Doc-Martens-Stiefel. Dass dieser besonnene Mensch ein paar Tage später mit Hunderten Menschen das Kreuzberger MyFest vor dem Club Musik und Frieden mit einem energetischen DJ-Set feiern wird, bis die Polizei einschreiten muss, kann man sich kaum vorstellen. Ridha ist niemand, der laut auftritt und Statements herausposaunt, sondern ein Gesprächspartner, der lieber einen Moment zögert, bevor er eine Antwort gibt.

Sein viertes Album »Mayday« vereint diverse Stile – wie oft bei Boys Noize. Es erinnert an frühe Rave-Platten, an die Anfänge der Chemical Brothers und von The Prodigy und ist deutlich von der Industrial- und EBM-Bewegung der 1980er-Jahre beeinflusst. »Als Leitmotiv wollte ich verschiedene Tempi ausprobieren, etwa den 4/4-Beat brechen. Ich versuche eben immer, neue Sounds zu benutzen. Die Herausforderung ist für mich, immer bei Null anzufangen.« Für die Arbeit am Album hat er sein Studio mit neuem Equipment vollgepackt. Ridha geht es stets darum, eine Vielfalt an Genres zu versöhnen: Indie, Punk, House und Techno sind für ihn ebenbürtige Referenzpunkte. Keine Gegensätze, sondern Musikstile, die sich gegenseitig bereichern. Das hat ihn auch bei »Mayday« inspiriert, weshalb es neben der Kollaboration mit üblichen Verdächtigen wie Hudson Mohawke, TEED, Benga oder Spank Rock auch den prägnanten Song »Starchild« gibt, einen Track, der Ridhas Wunschkandidatin, Poliça-Sängerin Channy Leaneagh, featurt. 
Ein weiterer Gewinn auf seiner langen Liste spannender Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Chilly Gonzales, Skrillex, Snoop DoggErol Alkan und Jarvis Cocker und Remixen für Depeche Mode, N*E*R*D, Daft Punk, Marilyn Manson, Feist und David Lynch. Im Video zu »Starchild« wandelt Leaneagh in einem nudefarbenen Body und transparenten Mantel verloren durch Miami, quasi wie ein Alien, das auf einem fremden Planeten gelandet ist, erklärt Ridha. Die Existenz als Außenseiter – das ist das Leitmotiv von »Mayday«. Es geht um den Umgang mit Vorurteilen (»Was ist erlaubt in unserer Gesellschaft und was nicht?«), aber auch darum, sich selbst in der Musikszene zu reflektieren:

Wenn man meine Musik betrachtet, war ich immer der Außenseiter: nie genug Techno, nie genug Mainstream, nie in den Charts oder im Radio.
Der Kontakt zu Poliça entstand kurioserweise über Bon-Iver-Mastermind Justin Vernon, den Ridha nach einem Gig in Minnesota kennengelernt hatte. »Es stellte sich raus, dass Justin der krasseste Boys-Noize-Fan ist und ich wiederum Bon-Iver-Fan. Justin ist ein cooler Punkrock-Typ. Mit ihm und seiner Band hab ich viel abgehangen.« Und weil Vernon das erste Poliça-Album produziert hatte, ergab sich die Connection. »Channy und ich haben in L.A. drei Tage im Studio gejammt, sie hat gefreestylt, und ich habe die besten Parts zusammengeschustert«, erzählt Ridha. »Es ist schön, wie sich Poliça von der Industrie fernhalten und ihr Ding durchziehen.«

Eine Haltung, die auch ihn antreibt. Angebote von Major-Labels lehnt er konsequent ab. »Am Ende ist es eine Plattenfirma, die Geld ausgibt und das Geld wieder reinhaben will. Der Kreislauf funktioniert erst, wenn man tut, was sie wollen.« Ein System, das ihm absolut widerstrebt: »Man lässt sich unbewusst in eine Richtung drängen.« Seine Konsequenz daraus: ein eigenes Label. Mit 17 wurde er mit seinem Bandprojekt Kid Alex von Universal unter Vertrag genommen. »Beim ersten Album war alles cool. Beim zweiten Album haben sie versucht, mich mit Songwritern ins Studio zu setzen. Ich habe gesagt: ›Ey, sorry, ich präsentiere nichts, was nicht von mir kommt‹ und habe zu allem Nein gesagt. Das hat mir für meinen Weg geholfen. Warum soll ich Musik fürs Radio schreiben? Das ist nicht meine Natur.« 
Allerdings bietet seine Musik durchaus Andockpunkte für andere Ausspielmedien: So finden sich zwei seiner Tracks in dem Berliner Coming-of-Age-meets-Horror-Film »Der Nachtmahr«. Außerdem arbeitete Ridha am Soundtrack von Oliver Stones neuem Film »Snowden« mit. Sein Wohnort half ihm dabei, sich bei der Auswahl seiner Projekte treu zu bleiben: »Berlin macht es einem einfach, das zu tun, was aus einem rauskommt, und nicht die ganze Zeit abgelenkt zu werden vom Kapitalismus, der uns umgibt.« Und warum verschlug es ihn in den letzten Wochen ausgerechnet nach L.A.? Dort verbrachte Ridha kürzlich einen Monat, um seine neue Live-Show für die Festivals Sonar und Melt! zu entwickeln. Mittlerweile hat er in der kalifornischen Metropole eine Clique, mit der er an der amerikanischen Westküste »eine richtige Berlin-Techno-Szene« etablieren will: Sus Boy (»ein supertalentierter Künstler«) und Lil Internet gehören dazu, die das Artwork des neuen Albums gestaltet haben, »Video-Nerds, eben eine coole Crew, die fast alle in Downtown leben«.

Neue Bands in L.A. zu entdecken und zu fördern – das ist sein Ding. »Die Kids dort haben alle noch kein Label und kennen sich untereinander nicht mal. Der Punkvibe, den ich mit Techno verbinde, ist für die auch neu.« Neulich hat er eine Warehouse-Party zum Album in Skid Row organisiert, einem der ärmsten Stadtteile von L.A., in dem Musiker verlassene Fabrikhallen für illegale Partys nutzen, eine »Industrial Area, nur Warehouses und Zäune, da will niemand wohnen«. Auch wenn die Atmosphäre dort anders als in Berlin ist: »Es gibt keine Nachtkultur, alle Clubs und Bars schließen um zwei. Damit entfällt ein großes Stück unserer elektronischen Musikkultur. Wir haben trotzdem bis sechs Uhr gefeiert.«
Musikvideo zu »Overthrow«

Boys Noize

Mayday

Release: 20.05.2016

℗ 2016 Boysnoize Records

— Boys Noize »Mayday« (Boysnoize / Rough Trade / VÖ 20.05.16)