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stabiles gleichgewicht

Boymerang

So souverän, wie BOYMERANG sich anläßlich der Interviews in Köln gibt, nimmt man ihm den „Newcomer“ kaum ab. Verglichen mit der wilden Energie eines ED RUSH, wirkt Graham Sutton wesentlich gesetzter und nachdenklicher. Trotzdem sorgt sein neuer Track „Soul Beat Runna“ abends bei der „No U-Turn“-Labe
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Autor: intro.de

So souverän, wie BOYMERANG sich anläßlich der Interviews in Köln gibt, nimmt man ihm den „Newcomer“ kaum ab. Verglichen mit der wilden Energie eines ED RUSH, wirkt Graham Sutton wesentlich gesetzter und nachdenklicher. Trotzdem sorgt sein neuer Track „Soul Beat Runna“ abends bei der „No U-Turn“-Labelparty im Alten Wartesaal zu Köln für übervolle Tanzflächen. Denn auch seine Tunes leben von einem tiefgehenden Verständnis abstrakter Beatstrukturen und massiv verzerrter Bässe, allerdings gezähmt durch ein hohes Maß an Konzentration und freiwilliger Beschränkung. Darum ist vielleicht auch die Rede von der „Seele“ seiner Tracks, die sich nicht durch Analyse der Beatmuster allein erklärt.
Mit seinen 25 Jahren gehört BOYMERANG - ähnlich wie auch Nico Sykes von „No U-Turn“ - zu den Leuten, die von sich behaupten können, noch eine echte Rocksozialisation gehabt zu haben. Mit sechzehn gründete er angeblich seine erste Band BARK PSYCHOSIS, die sogar einen Plattendeal mit „Virgin“ an Land ziehen konnte. Doch dann kam UK-Hardcore, und alle wollten nur noch tanzen. Wie aber vollzog sich ein solcher Wechsel? Weg von einer Band, die sich in der Nachfolge von u. a. CAN oder TALK TALK verstand, hin zu einem lupenreinen Drum’n’Bass-Producer? Zumal Graham Sutton immer noch Einflüsse wie amerikanische Punk- und Hardcorebands, SONIC YOUTH, JOY DIVISION oder gar NICK DRAKE hochhält. „Als ’93 unser letztes Album erschien, hatten wir das Gefühl, alles erreicht zu haben, was wir als Band machen konnten. Wir spielten sehr ruhige, mellow Sachen, aber auch sehr lautes Zeug - eigentlich genauso, wie ich es jetzt auch mache. Ich wollte einfach alleine arbeiten, aber es dauerte lange, bis ich eine neue Vorstellung von dem hatte, was es werden würde. Technisch gesehen ist das nicht so schwer, ich hab’ mir die Bedienungsanleitungen der Geräte durchgelesen und losgelegt. Viel schwieriger ist es, die prinzipiell offenen Strukturen von Drum’n’Bass so zu beherrschen, daß was aufregend Neues dabei entsteht.“
Es geht also in erster Linie um Kontrolle, nicht um Virtuosität und Originalität als Selbstzweck. Darum hat Graham Sutton auch seine Probleme mit Ansätzen anderer Musiker, die sich wie er Drum’n’Bass von der Indierock-Schiene nähern: „Wenn man es richtig macht, kann Drum’n’Bass alles mögliche integrieren. Aber viele Leute, die sagen, sie experimentieren mit Drum’n’Bass, liefern dabei nur Mist ab, weil ihre Sachen nicht funktionieren. Das Experiment an sich schafft noch keine neue musikalische Form, da steckt viel mehr Arbeit drin. Man muß alles unzählige Male verbessern, die Strukturen ausfeilen, bis das Ganze funktioniert. Viele Leute sind dazu einfach zu faul, darum erreichen sie nicht den gewünschten Standard. Ich habe z. B. sehr lange gebraucht, um meine Tracks zu vereinfachen. Alle Teile sollen aus einem bestimmten Grund da sein, denn es geht mir nicht darum, wie ein Irrer die Beats zu zerstückeln.“ Hohe Maßstäbe, die Graham Sutton an seine eigene Arbeit stellt. Da wundert es auch nicht, daß er für die Fertigstellung seines Debüt-Albums „Balance Of The Force“ ganze anderthalb Jahre gebraucht hat. Viel Feinarbeit und ein Bewußtsein für die Ausgewogenheit unterschiedlicher Stile sorgen dafür, daß sowohl die einzelnen Tracks als auch das Ganze der eigenen Kritik standhält. Der Titel ist dabei Programm, das bei BOYMERANG nicht nur zur Floskel wird, sondern sich problemlos mit Inhalt füllen läßt. „Was ich mit Ausgewogenheit meine, hat nichts mit faulem Kompromiß zu tun. Es geht darum, die Extreme zusammenzubringen und dann genau zu schauen, was passiert, sowohl im Ganzen als auch im Detail. Es geht um Spannung und Energie, das ist die Seele dieser Musik. Du kannst aber keine Spannung haben, wenn du sie nicht vorbereitest. Ohne die musikalische Seite kann es keine Hardcore-Breakbeats geben, und genauso andersherum.“
Handwerkliches Können und die Beherrschung der Formensprache gehen bei seinem Verständnis von „Experiment“ zusammen mit ambientigen Flächensounds. Tracks wie der Opener „Soul Beat Runna“ oder „Still“ sind da die eher darken Tanzflächenbomber; zusammen mit eher ruhigeren Nummern wie „The River“ gewinnen sie im Albumkontext aber einen größeren Zusammenhang. Durch überleitende Passagen, eingewobene Umweltgeräusche etc. entsteht ein durchgängiger Fluß, fast wie ein Mix: „Die Reihenfolge der Tracks auf dem Album folgt schon einer gewissen Dramaturgie, sie können aber auch alleine funktionieren. Ich habe die Geräusche eingefügt, um den visuellen Aspekt der Musik zu unterstreichen. Häufig geben mir Geräusche den Anstoß zu einer Stimmung, die ich dann in Musik ausformuliere. Am Anfang hörst du z. B. Aufnahmen, die ich nachts in der marokkanischen Wüste gemacht habe. Der Gesang am Ende von ‘The River’ stammt ebenfalls von dort. Unser Führer, dem ich ‘The River’ vorspielen mußte, hat die Vocals einfach nachgesungen.“ Mit dem Walkman in der Wüste, das Zirpen der Insekten geht in ein feines Rhythmusgewebe über. Wir sind beim Anfang von „You Like It Like That“ angekommen, und die Reise geht immer weiter ...