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Guten Morgen Spinner

Bosse

Im Info zur Platte wird man informiert, die Band um Alex Bosse habe die Songs “frei von der Leber weg“ eingespielt. Unter uns, das klingt doch wie eine Drohung. Aber natürlich nicht für jeden. Denn wer auf solchen Herrenrock ohne lästig kunstvolle Inszenierungen und ohne die verhasste „Schere im Kop
Geschrieben am
Im Info zur Platte wird man informiert, die Band um Alex Bosse habe die Songs “frei von der Leber weg“ eingespielt. Unter uns, das klingt doch wie eine Drohung. Aber natürlich nicht für jeden. Denn wer auf solchen Herrenrock ohne lästig kunstvolle Inszenierungen und ohne die verhasste „Schere im Kopf“ im Kopf steht, der dürfte hier gut bedient werden. Denn Bosse haben das nachvollziehbare Bedürfniss, Komplexes überschaubar zu machen. Warum all diese Schlüssel und noch viel mehr Türen? Wenn man doch einfach nur ein irgendwie moderner Mann (Stand 90er Jahre) ist und dabei auch mal brüllen will? So erinnern die Texte – auch wegen der Ruhrgebiets-Herkunft der Band – immer ein bisschen an die heimelige Zerrissenheit eines Schimanskis. Der Mann mit dem coolen Bart und der komischen Jacke, der säuft, Gangstern und Nebenbuhlern im Affekt (oder auch nicht) aufs Maul haut und der bei einer schönen Frau in einer Kneipe richtig schwach wird. Denn er ist ja hart mit weichem Kern. Solche Figuren stellen Prototypen des Phänomens „Autenthizität“ dar. Nur dass ein Sich-Darauf-Beziehen auch nur Pose ist, davon möchte die Bosse-Platte nichts wissen. Sie will einfach so sein, verdammt! Und man sollte sie lassen. Denn einige Songs klingen ganz amtlich und schlechte Refrain-Melodien hat der Songschreiber hier nicht im Gepäck. Also kurz gesagt: Bosse hat Kunden. Nicht nur die Al Bundys – auch viele andere, die gern Nackensteaks grillen und trotz oder gerade wegen ihrer duftenden Körperpflege fürchten: vielleicht habe Deutschland sie zu weich gekocht. So wenig ich mich inhaltlich auf dieser Platte wohlfühle, so unverkrampft und „frei von der Leber weg“ dürfte sie für andere sein. Problematisch ist für den Markt daher eher folgender Einwand: Die Texte bedienen sich eines sehr kantigen deutschen Wortreservoirs. Hier herrscht das, was der Sprache zuletzt über Jahrzehnte den Zugang zu den Charts versperrte, und was Bands wie Juli und Wir Sind Helden mit einer poppigen Geschmeidigkeit tauschten. Das fasst einen dauernd an und ist mit der kantigen Deutschigkeit Gift für die gemeine Radio-Rotation. Also dürfte der Absatz letztlich doch auf all kleinen die Post-Schimanskis der Nation beschränkt bleiben. Na, immerhin. Ach, und ein letztes noch: heißt die eine Zeile wirklich „mein Hirn ist explodiert“? Oder doch nur „man hört es explodieren“? Ersteres wäre natürlich hübsch. Denn dann hätte der nette Humor des Albumtitels wenigstens mal in einem Song eine Entsprechung.