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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Keine Blockbuster mehr

Booka Shade

Von allen aktuell erfolgreichen Dancefloor-Produzenten haben Booka Shade mit Sicherheit den erstaunlichsten Werdegang vorzuweisen: Anfang der 90er zusammen in einer Wave-Pop-Band namens Planet Claire, Mitte der 90er der Rückzug in den Hintergrund als Produzenten von Techno und Trance für Labels wie
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Von allen aktuell erfolgreichen Dancefloor-Produzenten haben Booka Shade mit Sicherheit den erstaunlichsten Werdegang vorzuweisen: Anfang der 90er zusammen in einer Wave-Pop-Band namens Planet Claire, Mitte der 90er der Rückzug in den Hintergrund als Produzenten von Techno und Trance für Labels wie Harthouse oder Touché, Anfang des Jahrtausends dann plötzlich ein Leben als Charts-Pop-Fabrikanten. Culture Beat, No Angels, “Star Search”. Das volle Programm. Dass Arno Kammermeier und Walter Merziger dem Pop-Zirkus irgendwann wieder abschworen, ließe sich natürlich als Läuterung, als Reue interpretieren. Dabei würden die Club-Hits, mit denen sie als Booka Shade heute Erfolge feiern, längst nicht so filigran und akribisch ausgefeilt klingen, nicht so raffiniert arrangiert daherkommen, wenn sie nicht vorher schon mal Orchester- und Chorsätze notiert und Radio-Hits abgemischt hätten. “Das kam dann aber wirklich von einem auf den anderen Tag: ‘Das sind wir nicht mehr’”, erinnert sich Merziger, während Kollege Kammermeier konkretisiert: “Wir wollten endlich unseren eigenen Weg gehen.” Dieser eigene Weg wurde dann schnell zum neuen Rund-um-die-Uhr-Job: Get Physical Music, das Label, deren Teilhaber sie seit vier Jahren sind, hat als familiäre Clique von Exil-Frankfurtern in Berlin innerhalb kürzester Zeit die Blicke auf sich gelenkt. Und einen neuen Sound geprägt, der landläufig gerne als “Electro-House” bezeichnet wird. Booka Shade stehen dabei als Produktionsrückgrat auch hinter den Tracks des etwas seltsam benannten DJ-Teams M.A.N.D.Y. und des unermüdlichen House-Verfechters DJ T. Ihre Eigenproduktionen stachen aus dem Get-Physical-Sound stets heraus: Ihr erstes im Minimal-Techno-Zusammenhang wahrgenommenes Album “Memento” klang Ende 2004 noch wie das Werk zweier, die nach dem eitel Sonnenschein des Pop-Biz erst mal tiefer Schwermut frönten. Ihrem Faible, sich zur Namensfindung ihrer Tracks vom Arthouse-Katalog inspirieren zu lassen (“Schwarzenegger, das war einmal. Jetzt mögen wir lieber Autorenfilme”) bleiben Merziger und Kammermeier auch auf ihrem neuen, zweiten Album “Movements” treu. Dafür hat sich am Sound einiges geändert: Die Stücke klingen heller und sommerlicher. Trance-Harmonien, Disco-Boogie, angeknarzte Bässe, French-House-Filterspielereien: Ihre einzige Verpflichtung, so erklären Booka Shade, sei es, “unglaubliche emotionale Dichte bei gleichzeitiger größtmöglicher Transparenz” zu erreichen. Eine andere Frage, die sie im Studio umtreibt: “Wie kannst du den Leuten im Club einen Song verkaufen, ohne dass sie es merken?” So singt Walter Merziger auf “Movements” zu einem Stück, das eigentlich eine große rührige Hymne ist, das sich aber als Minimal-Techno tarnt: “One love to give, one life to live ... just wasting time.” Zeilen, die – wie Merziger erläutert – nicht nur einen frühmorgendlichen Augenblick der Dancefloor-Depression bezeichnen, sondern in denen möglicherweise auch noch die Gedanken zweier Ex-”Star Search”-Musikberater widerhallen, die sich irgendwann anblickten und dachten: “Was machen wir hier eigentlich?” Arno Kammermeier scheint überrascht: “Stimmt eigentlich – so könnte man das auch verstehen.”