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in Berlin: Hurra, wir leben noch!

Bonaparte live

Die Bühne: ein Zirkus. Die Menschen davor: Ein schwitzender Klumpen Begeisterung. Irgendwo mittendrin: Unser Autor Martin Spieß.
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Die Bühne: ein Zirkus. Die Menschen davor: Ein schwitzender Klumpen Begeisterung. Irgendwo mittendrin: Unser Autor Martin Spieß.


05.12.08, Berlin, Festsaal Kreuzberg.

Am Ende dieses Abends sind alle nackt. Zumindest in der Vorstellung. Tatsächlich nackt sind nur einige der Tänzer, die zur Berliner Band Bonaparte gehören. Und die hat an diesem Abend - wie an jedem anderen auch - die Bühne in einen Zirkus und die Menge in ein schwitzendes Bündel Begeisterung verwandelt, das vormals einzelne Menschen waren.

Dass die Supportbands des Abends - Urlaub in Polen und The Robocop Kraus - dieser Melange aus dadaistischem Unfug und popkulturell verschwurbelter Performance-Art sich gezwungen sahen etwas entgegenzusetzen , war abzusehen. Umso erstaunlicher war es, als mit Urlaub in Polen der Abend wenig extravagant begann. Das allerdings betraf nur das Performative, nicht die Musik. Die schlug einem - Electronica-Bass-Faust, die sie war - gleich von Song eins an ungebremst entgegen und nährte die Furcht, dass nach diesem Davongeblasenwerden nicht mehr viel an Zuschauern für The Robocop Kraus und Bonaparte bleiben würde. Extrem eingängige und rockige Rhythmen irgendwo zwischen The Prodigy und bassigem Gothic-Rock verließen die Bühne, gepaart mit einer Morrissey-Damon-Albarn-Stimme, die dem Publikum rotzig entgegenbölkte. Soviel an Performance erlaubte sich der Sänger dann doch: Hin und wieder geriet er wie an eine Steckdose angeschlossen in Zuckungen. Dass jedoch wirkte etwas aufgesetzt, sein anschließendes Brille-zurecht-rücken machte die Vorstellung wenig besser.

Mit The Robocop Kraus betraten dann die wohlbekannten und altgedienten Indierock-Herren die Bühne, die - was wohl niemanden ernstlich überrascht haben dürfte - mit ihrem Editors-Vampire-Weekend-The-Wombats-Sound die ersten Nähte schweißten, die das Publikum zum Massenmoloch machten. The Robocop Kraus holten anlässlich ihres zehnjährigen Bandjubiläums für drei Songs ein Glücksrad auf die Bühne, mit dem die Zuschauerin Sophie - natürlich begleitet von Trommelwirbel - die Songs auswählen durfte. Sie blieb auf der Bühne, darüber hinaus bewies sie bestechend taktsicheres Rhythmusgefühl, als Sänger Thomas Lang ihr ein Tambourin in die Hand drückte. Nach getaner Arbeit gab es einen Applaus für die Glücksfee. Der Post-Punk-Sound aber blieb noch für eine gute halbe Stunde auf der Bühne und bahnte sich von da seinen Weg in die Ohren, Herzen und - vor allem - Beine der Menge.

Video: Bonaparte - "Too Much"




Was dann aber die Bühne betrat stellte alles vorher Dagewesene in den Schatten. Dabei kam erst allmählich Leben in die sprichwörtliche Bude. Gespielt betrunken wankte ein schlaksiger Mann in rotblaufarbenem Justaucorps auf die Bühne und schnallte sich den Bass um, gefolgt von Schlagzeuger und Keyboarder in ähnlich farbenfrohen Kostümierungen. Hinterdrein kam ein auffällig kleiner Mann mit rotem Umhang und Maske, hing sich die Gitarre um und begann zu singen. "Do you wanna party with the Bonaparte", fragte er, was zumindest an diesem Abend eine rhetorische Frage war. Selbstverständlich wollten das alle, und sie ließen sich freimütig in einen glückerfüllten, tranceartigen Taumel hineinorchestrieren. Das komplette Debüt-Album "Too Much" lieferte die vierköpfige Band ab, unterstützt vom Bonaparte-eigenen Zirkus aus tanzenden Hasen, strippenden Skeletten, boxenden Ziegen, Tutu-Ballerinas und dem Märchen entsprungenen Zwergen.

"Man kennt Bonaparte nicht, wenn man uns nicht live gesehen hat", hatte Bonaparte-Gründer, der Schweizer Tobias Jundt, einmal in einem Interview gesagt. Was sonst Reklame-eskes Blabla ist: Bonaparte entfalten ihren Zauber tatsächlich erst, wenn Direktor (oder vielmehr: Diktator) Jundt die Manege betritt und das Kuriositätenkabinett, das sie sind, eröffnet. Und einen gefangen nimmt, einer Anderthalb-Stunden-Revolution beizuwohnen, an deren Ende man froh ist, nicht unter der Guillotine gelandet zu sein. Hurra, wir leben noch. Lang lebe Bonaparte.