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Gammeln unterm Kreuz

Bohren & Der Club Of Gore bei den PIAS-Nites

Für die jüngste Ausgabe der PIAS-Nites lud das etablierte Indie-Label seine wohl düstersten Acts in die Berliner Passionskirche. Vor aufgeschlagener Bibel bescheren Soap&Skin und Bohren & Der Club Of Gore dem Publikum einen weitgehend lichtarmen, aber doch fantastischen Musikabend.
Geschrieben am
09.11.16, Berlin, Passionskirche  

Pünktlich zum Frühstück ist es raus: Soap&Skin ist der Special Guest der PIAS-Nite 2016 in Berlin. Ein Gast, der die vorangegangene Geheimnistuerei rechtfertigt. Dass die Passionskirche trotz Ausverkauf noch längst nicht gefüllt ist, als Anja Plaschg vor dem Klavier Platz nimmt, lässt jedoch auf eine eher begrenzte Schnittmenge beider Acts schließen. Oder auf schlichte Unwissenheit, denn bei Soap&Skin ist für jedes klangliche Bedürfnis etwas dabei. Mit der gesanglichen Unterstützung ihrer Schwester spielt die Österreicherin ein Gemisch aus zerbrechlichen Songs, gewaltigen Songs und entfremdeten Covern – darunter eine aufrüttelnde Interpretation des Omar-Souleyman-Stückes »Mawal Jamar«. Denjenigen, die sie tatsächlich jemand noch nicht kannten, bietet sich ein Portfolio von Soap&Skins ganzer künstlerischer Spannweite – vom insbesondere lichttechnisch fesselnd umgesetzten »The Sun« bis hin zum Velvet-Underground-Klassiker »Pale Blue Eyes«, den Plaschg in futuristisch gleißende Klangwelten von enormer Weite entführt, wobei die Musikerin am Ende selbst etwas ergriffen wirkt.

   
Und dann müssen sich 700 Augenpaare an die Dunkelheit gewöhnen. Als Bohren & Der Club Of Gore aus der Sakristei trotten, ist es stockduster. Die Kirchbänke sind voll; Nachzügler stehen oder hocken in den Seitenschiffen. »Wir sind Bohren & Der Club Of Gore, drei musikalische Gammler aus Westdeutschland«, stellt Christoph Clöser knochentrocken seine Band vor. Überhaupt sind seine schwerfällig ins Mikro geatmeten Ansagen nie ganz frei von Selbstironie. Den Kern treffen sie dennoch meist. »Dieses Stück ist all jenen gewidmet, die auf der Autobahn konstant 30 km/h fahren«, kündigt er einmal an. Wenn er nicht gerade das Vibraphon betröpfelt oder Trübsal durch sein Saxophon bläst, nuschelt er lakonisch von entmutigenden Thekensituationen (»Still am Tresen«), vom Nichtstun und anderen bedeutenden Lebensfragen wie »Bin ich gefestigt genug, meine graue Wand wieder weiß streichen zu lassen?« In der Tat hat man heute alle Zeit der Welt, sich zu sortieren – bis die Ordnung in Leere auf- und übergeht. Leere, in die hin und wieder eine neue Note hineinkippt, vorübersegelt und sich schließlich langsam im Raum verliert.
Die einst dem Schwermetall entschlafenen Bohren & Der Club Of Gore spielen zähfließenden Ambient-Doomjazz, der noch um einiges träger durch das Kirchengemäuer zu diffundieren scheint als der Bühnennebel. Sie selbst nennen es »Detective-Jazz«: Musik mit dem Enthusiasmus eines rostigen, undichten Wasserhahns, wie gemacht für verqualmte Flüsterkneipen und leere Gassen. Oder eben für einen klammen Novemberabend wie diesen. Die Musiker sprengen die dürren Lichtkegel der taschenlampengroßen Scheinwerfer nicht weit über ihren Köpfen. Bis zum Halse verschluckt sie das Dunkel, während sie die Entdeckung der Langsamkeit, die Trennbarkeit von Raum und Zeit zelebrieren. Beständig dreht sich dabei die Snaredrum unter einem fixierten Jazzbesen – das Grundrauschen des heutigen Abends. Eine dicke Staubschicht auf der Stille, über der das geknickte Trio mit seinen entschleunigten Arrangements kreist wie Geier über dem Aas. Schwach angeleuchtet, dient das rotierende Instrument zugleich als eine Art Diskokugel. Einen Drummer brauchen Bohren sowieso längst nicht mehr. Das »Schlagzeug« ist lose über die Bühne verteilt; jeder steuert seinen perkussiven Anteil über eine Fußmaschine bei.  

Nach einer guten Stunde – die innere Uhr ist außer Kraft, der Puls ausgebremst – will man das akustische Ödland hinter sich lassen und den Dämmerzustand allmählich ausleiten. Clöser knurrig: »Wir spielen jetzt das letzte Stück, dann verbeugen wir uns, dann spielen wir direkt die zwei Zugaben und dann hauen wir ab. Deal?« Deal. Da ist sie wieder, die Zeit. Als er noch erklärt, es habe »richtig Spaß gemacht, für euch zu spielen«, erntet der Saxophonist Belustigung. Diese Band klingt eben einfach nicht nach Spaß. Wer auch daheim gern mal eine Auszeit nimmt von all dem Fun, den das Leben einem aufzwingt – oder einfach mal so richtig tief im Sessel einsinken und nie wieder aufstehen und das Licht sehen möchte –, greift zur gerade veröffentlichten, einsteigerfreundlichen Werkschau »Bohren For Beginners«. Die fetzt. Nur eben sehr, sehr gemächlich.

Bohren & Der Club of Gore

Bohren For Beginners

Release: 21.10.2016

℗ 2016 [PIAS] Recordings Germany