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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Selbstdekonstruktion ade!

Bob Dylan live

Die Songs werden zwar immer noch rüde zerlegt, danach aber auch wieder auf ebenso überraschende und äußerst gelungene Art und Weise liebevoll neu zusammengebaut.
Geschrieben am
20.04.07 Stuttgart, Porsche Arena.

Die unendliche Tour, auf der sich Bob Dylan jetzt schon seit einigen Jahrzehnten befindet streift in diesem Jahr immerhin für 13 Konzerte die Bundesrepublik. Und es macht Spaß, dem "neuen" Dylan in der ausverkauften Stuttgarter Porsche Arena bei der Arbeit zuzuhören. Die Phase der Selbstdekonstruktion ist ja bekanntlich längst abgeschlossen, und neben so überraschenden Aktionen wie seiner eigenen Internetradiosendung und sonstigem Willen zur Kommunikation werden auch die Songs zwar immer noch rüde zerlegt, danach aber auch wieder auf ebenso überraschende und äußerst gelungene Art und Weise liebevoll neu zusammengebaut. Häufig geschieht dies in den von Dylan sehr geschätzten und zuletzt auch immer stärker propagierten Gewändern aus traditioneller amerikanischer Musik, an diesem Abend gehört dazu auch eine ordentliche Portion Rock.

Bei all dem bleibt die Reinterpretation stets auch für das Publikum nachvollziehbar.  Die exzellent reagierende Band benötigt jeweils nur wenige Takte, um sich dem Plan des Meisters anzupassen, der ja zu allem Überfluss nicht nur jedes Stück immer anders interpretiert sondern auch noch jeden Abend eine neue Setliste aus seinem gewaltigen Werk zusammenstellt. Heute wird es schnell recht rockig, das Publikum goutiert es und so bekommt der Gitarrist immer häufiger per Kopfnicken den Auftrag für ein Solo, während die Bühnenhälfte mit dem Folkinstrumentarium in die Begleitposition gerückt wird. Die recht massiv vorgetragenen Stücke des ersten Konzertteils wechseln sich ab mit einigen stilistisch eher im Folk- und Country angesiedelten Interpretationen alter Stücke und neuer Werke, die dennoch fast mehr als dramaturgisches Zwischenspiel wirken denn als reine Besinnlichkeit.

Um so wirkungsvoller nach zwei Dritteln des Konzerts der Höhepunkt des Abends: "The world has gone black before my eyes" heißt es im Refrain von 'Nettie Moore' (vom letzten Album 'Modern Times') und wenn Dylan diese Refrain-Zeile vor extrem spärlich instrumentierten Hintergrund mehr rezitiert als singt, ahnt man, was er meint, wenn er von seinem Unbehagen mit den "Modern Times" erzählt, warum er sich zuletzt so deutlich auf musikalische und kulturelle Einflüsse seiner eigenen Jugend besinnt. Sein oft zitiertes Statement, in den letzten 50 Jahren wäre in der Musik hauptsächlich Schrott entstanden, kann so weder als selbstverliebtes Geschwätz eines alternden Urgesteins noch als aufmerksamkeitsheischendes Statement in der lauten Welt der Selbstvermarktung missverstanden werden. Die tatsächliche Befremdung mit dem Hier und Jetzt sollte ja eigentlich die Domäne der rebellischen Jugendkultur sein, wäre sie nicht schon seit geraumer Zeit fast völlig von der Industrie zwischen Musik, Mode und sonstigem Konsum perfekt instrumentalisiert und zu Marketingzwecken aufgesogen worden. Und so fügt es sich ganz ironisch und doch recht passend, dass dieser ältere Herr nach der Phase der Besinnlichkeit weiterrockt. Auch wenn heuer die eigentlich irritierenden Momente nicht mehr die sägenden Energieattacken sind, die vor einem halben Menschenalter friedenssuchende und händchenhaltenden Hippies aus dem Konzept brachten, sondern die hier und da fast unmerklich eingestreuten und skelettierten Balladen über Dunkelheit und Endzeit.