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»Tomorrow's Harvest«

Boards Of Canada

Das schottische Warp-Enigma Boards Of Canada legt acht Jahre nach seinem letzten Album »The Campfire Headphase« nach. Intro durfte »Tomorrow's Harvest« vorab hören.
Geschrieben am

Es soll selbst gestandene Fans gegeben haben, die angesichts der viralen Eigendynamik von Boards Of Canadas kryptischer Album-Ankündigung zum Record Store Day in ungläubiges Staunen gerieten. Der Stellenwert des Duos mag für die elektronische Musik nach wie vor unumstritten sein, für Außenstehende stellt sich dennoch schnell die Frage nach dem anhaltenden Reiz, der vom verkopften, ja fast autistischen Duo ausgeht. Während sich Autechre und andere artverwandte Labelkollegen mit ihren radikalen Ansätzen ohnehin nie wirklich am Zeitgeist messen lassen mussten, war das tatsächlich Faszinierende bei Boards Of Canada stets viel tiefer unter der eigentlichen Oberfläche auszumachen. Über kontemporäre Kategorien wie ausgefeilten Eklektizismus, Klangdesign oder rhythmische Innovationen ließ es sich kaum fassen. Es ist der subtile Umgang mit akustischer Patina, der auch »Tomorrows Harvest« wieder eine fast schon tiefenpsychologische Dimension verleiht. Ähnlich wie auf den vorangegangen Alben erzeugen die Sandison-Brüder eine mysteriöse, nostalgische Stimmung, die bewusst mit der Dichotomie von Traum und Wirklichkeit spielt, wie man sie etwa von frühen Kindheitserinnerungen kennt.

Der Albumtitel spielt dagegen auf die ganz reale, überwiegend im US-amerikanischen Raum präsente Paranoia vor Naturkatastrophen oder Atomkriegen und die damit einhergehenden privaten Vorsorgemaßnahmen an. Diese dystopische Komponente ist in sofern interessant, als dass sie der ohnehin schon verbogenen Zeitachse des Boards Of Canada-Universums eine weitere Krümmung verleiht. Statt weiter die eigene, durch das Bildungsfernsehen der 70er Jahre und die entsprechenden Soundtracks beeinflusste Kindheit zu dekontextualisieren, setzen Boards Of Canada die retrofuturistischen Dystopien der Siebziger- und Achtzigerjahre in einen Dialog mit dem ganz realen Wahnsinn der Jetztzeit. So klingt »Tomorrows Harvest« weitaus kühler und distanzierter, als man es bisher von dem Brüderpaar gewohnt war. Die charakteristischen Glitch-Beats werden nicht selten von stählernen Synthesizer-Arpeggios zerschnitten, die ebenso aus dem Frühwerk von John Carpenter stammen könnten. Trotz dieser vermeintlichen Aggressivität ist »Tomorrows Harvest« aber vor allem wieder eines: Ein tiefer Rückzug in das (eigene) Innere. So liefern Boards Of Canada letztlich einen weiteren Gegenentwurf zum postmodernen Mantra der Unterhaltungs- und Erlebnisindustrie, die uns unablässig mit aktionistischen Slogans wie »Don’t Be A Maybe«, »Just Do It« oder »Sail Away« belästigt - und das grelle musikalische Äquivalent gleich als Download-Code für lau dazu liefert.

In drei Worten: Dystopie / Autismus / IDM