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Der Film 'Ex Drummer'

Blut- und Bilderrausch

Koen Mortiers kontroverse Romanverfilmung war vielleicht der zentrale Film bei diesjährigen Fantasy Filmfest.
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Mehr Losertum als bei diesem Trio geht nicht: Der lispelnde Neonazi und Frauenhasser Koen, der klischeeschwule Jan, dessen Arm lahmt, seit ihn seine Mutter beim Onanieren erwischte, und ein beinahe tauber und cholerischer Familienvater suchen einen Drummer. In bester Hoffnung, ein Stück vom Ruhmeskuchen abzubekommen und den Sieg beim örtlichen Talentwettbewerb davonzutragen, wenden sie sich an den berühmten Schriftsteller Dries Vanhegen. Und tatsächlich, der cool-arrogante Literaturprinz steigt vom Hotelzimmer mit Traumfrau und Panoramablick hinab zum Fußvolk. Er wird Schlagzeuger der "behinderten" Rock'n'Roll-Band The Feminists. Von da an bricht das Chaos alle zivilisatorischen Dämme.

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"Die erste Hälfte des Films würde ich als amüsant bezeichnen", kommentiert Regisseur Koen Mortier im Rahmen des Fantasy Filmfests. "In der zweiten Hälfte schämst du dich dafür, dass du dich amüsierst." Der erste Abendfüller des ehemaligen Werbeclip-Regisseurs basiert auf einem Roman des belgischen Skandalautors Herman Brusselmans. Dessen Werke hielten nicht wenige aufgrund ihrer orgiastischen Gewalt-, Sex- und Drogendarstellung bislang für unverfilmbar. "Die Flämische Filmkommission verweigerte mir jeden finanziellen Support. Sie fanden Story und Schauspieler grauenvoll." Mortier, der mit 18 auf die Geschichten des Ideengebers stieß und zum großen Bewunderer wurde ("Er schreibt sehr autobiografisch. Über die Leute, ihren Alltag, wie sie aussehen, wie dumm sie sind..."), bewies Ausdauer: Nach acht Jahren Entstehungszeit demonstriert nun ein kurzweiliger Blut- und Bilderrausch, dass Brusselmans auch auf Zelluloid funktioniert.

Seine Protagonisten hetzen in einem amoralischen, besser: anti-moralischen Jonglierspiel mit Tabus durch die westflämische Hafenstadt Ostende. Orte des Geschehens sind düstere Parkhäuser, schäbige Wohnwagen, karges Brachland. Alles an diesem Film, das sich außerhalb von Vanhegens dekadent erotisiertem Luxusapartment abspielt, hat Sozialbau-Charakter. Szenen sexueller Brutalität und hochglänzender Liebesakt werden ineinander gewebt. Die Regie führt uns in den Albtraum einer führerlosen Irrenanstalt und schickt ein Baby in den qualvollen Drogentod. Die Kamera steht Kopf, die Anfangssequenz läuft rückwärts und blutigste Prügeleinlagen in heroischer Zeitlupe ab.

Mal für Mal erinnert 'Ex Drummer' an 'Trainspotting', spart jedoch, ähnlich wie die ebenfalls belgische Produktion 'Man Bites Dog', am Zeigefinger: Der mondäne, eingangs sympathische Oberschichtler Dries agiert hemmungslos wie seine Bandkollegen, prügelt, manipuliert und mordet schließlich mit Eiseskälte. Dennoch siedelt der Macher seinen Erstling im Gespräch unweit der Realität an: "Das Leben in Flandern ist in der Tat häufig genauso deprimierend wie in meinem Film." Weshalb er keinen "shock film", sondern einen "shame film" geschaffen haben möchte. "'Ex Drummer' ist auf keinen Fall frei von Moral. Er zeigt mit dem Finger ganz klar auf die beschämenden Dinge, die wir jeden Tag tun. It's really about now."1:1 ist an dieser grandios chauvinistischen Musikfilm-Karikatur allerdings wenig. Wenn im Grande-Finale-Gemetzel die leblose Christine mit bluttriefendem Riesenphallus in der Hand zurückblickt ("Mein Vater hatte oft Sex mit mir, als ich sechs war. Das Gefühl seines großen Penis in mir werde ich niemals vergessen. Ich wollte das noch einmal spüren."), halten Abscheu und höchste Befremdung ob der Bizarrerie des Gezeigten ein Gleichgewicht. Und auch, als der Bandgitarrist nach dem Tod seiner Tochter in höchster Verzweiflung bei Dres Rat sucht: "Hilf mir, du bist doch ein vernünftiger Mann?" und dieser lakonisch "Lass dich einweisen!" antwortet, brechen sämtliche Maßstäbe entzwei.

"Die Kinogänger in Belgien hassen den Film", vergnügt sich der Regisseur. Was nicht Wunder nimmt. Als Zuschauer kämpft man zum einen gegen den Drang, jedes obszöne Bild und jeden vulgären Satz mit den eigenen Moralvorstellungen abzugleichen - dann allerdings wäre diese martialische Sintflut nicht lange zu ertragen. Auf der anderen Seite gilt es, sich der völligen Aufgabe eigener sittlicher Betrachternormen entgegenzustellen.

Auch der extrem stimmige Soundtrack fesselt an den Kinosessel. Nicht nur die The Feminists selbst punkrocken Olivieri-mäßig gehörig Kleinholz. Wie hat Mortier den adrenalinpumpenden Score gefunden? "Nun, mir war wichtig, international bekannte Bands und lokale flämische Acts zusammenzubringen. Mein Art Director gab mir beispielsweise eine DVD der Gruppe Lightning Bolt. Ich flog umgehend nach Rhode Island und zeigte ihnen Rohmaterial." Auch Millionaire haben ihre Dirigentenfinger im Spiel: "Ich mag die Jungs sehr, weil sie eine der wenigen wirklich abgedrehten belgischen Bands sind." Darüber hinaus sind Beiträge von Mogwai, Isis und Ghinzu vertreten.

'Ex Drummer' rockt brachial, knackt vor Zynismus und quillt über vor schwarzem Humor. Perversion ist Supertrumpf; Provokation geht über Introspektion. Wo trotz oder gerade wegen so wenig Tiefgang derartiger Diskussionsbedarf entsteht, sich Meinungen derart spalten, hat irgendjemand irgendetwas ziemlich richtig gemacht. Chapeau für eine der kontroversesten Filmproduktionen des Jahres.


Den Trailer findet ihr hier.

.: www.exdrummer.com :.