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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Britains Biggest Band

Blur im Gespräch

Zu unserem 25. Geburtstag haben wir im Archiv nach alten Schätzen gegraben. Einer davon ist unser Interview mit Blur von 1995. Wir haben mit der Band nicht nur über »The Great Escape«, ihr damals aktuelles Album, sondern natürlich auch über den Erzfeind Oasis gesprochen. 
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Blur hat das Rennen knapp gewonnen. »Country House« schaffte den Sprung von null auf Platz eins, »Roll With It« mußte sich mit dem zweiten Platz begnügen. Wie wichtig den Jungs der Triumph über die Lieblingsfeinde ist, sieht man schon daran, daß sie mitten während der Interviews in einem Amsterdamer Hotel mal schnell zu Hause anrufen und fragen, ob sie denn immer noch auf Platz eins seien. »Das war echt eine verrückte Medienwoche«, faßt Gitarrist Graham Coxon zusammen. »Das Gute daran ist, daß auch Leute, die vorher nichts mit uns zu tun hatten, nun wissen, wer Blur ist, weil auch sämtliche Tageszeitungen und Nachrichtensendungen darüber berichtet haben. Gestern im Supermarkt hat mich sogar die Kassiererin erkannt.« In die unverhohlene Freude und Genugtuung (»›Britains Biggest Band‹ waren wir aber auch schon vorher«) mischt sich gleichwohl auch ein wenig Nachdenklichkeit. »Mit Musik hat das nicht mehr viel zu tun. Es war vor allem ein Fest für die Plattenhändler. Einige in der Industrie hatten nun mal entschieden, daß diese Sache sehr wichtig für uns ist, wir waren ganz schön aufgeregt.« Die Kluft zwische Blur und Oasis wird durch den Kleinkrieg auf höchster Ebene nicht unbedingt enger. So bezeichnete Oasis-Produzent Owen Morris das neue Oasis-Album »Morning Glory« als bestes Album des Jahrzehnts, in seiner Bedeutung nur vergleichbar mit »Nevermind« von Nirvana, während er Blur im NME als »Witz-Band« titulierte. So was trägt nicht zur harmonischen Zweisamkeit bei. »Das ist doch totaler Bullshit«, ereifert sich Coxon, »›Nevermind‹ war ein tolles Album, aber ›Morning Glory‹ ist scheiße. Oasis ist vielleicht eine gute Rock'n'Roll-Band, aber wir haben viel mehr Tiefe und Substanz, wir sind viel mehr an guten Sounds und Songs interessiert. Wir sehen uns nicht unbedingt als Rock'n'Roll-Band.«
Blur ist Pop. »Ganz klar, wir wollen poppige Alben machen«, meint Sänger Damon Albarn. »Aber wir wollen auch die Leute dazu anregen, mehr Bücher zu lesen und sich mit den wichtigen Dingen des Lebens auseinanderzusetzen, neue Erfahrungen zu machen.« Blurs Musik sowie Albarns Texte sind relativ stark kopforientiert. »Wenn wir im Studio sind«, so Albarn, »denken wir erst mal ausgiebig über die Songs nach. Unsere Musik ist nicht so sehr von ›Vibes‹ geleitet.« Viele Menschen tun sich deshalb schwer, sich von BLURs Musik emotional berühren zu lassen. Die Stärke der Songs liegt da eher in ihrem hohen Unterhaltungsfaktor. Deshalb haben sich 1,4 Millionen Briten das letzte Album »Parklife« gekauft. Der vierte Longplayer »The Great Escape« führt dieses Konzept fort. »Unsere Songs handeln alle von grundlegenden menschlichen Empfindungen. Trivialität, Mondänität und Sex. Wir verpacken diese Inhalte in einen netten Sound und hübsche Melodien. Deshalb kaufen es die Leute wie blöde. Ist ja auch kein Wunder.«

Bis dato war Blur immer ein Phänomen, das sich im Prinzip auf die britische Insel beschränkte. »Boys And Girls« war zwar auch bei uns ein mittelgroßer Hit, aber ansonsten herrschte beim Thema Blur hierzulande immer Unverständnis und Ignoranz. Im Zuge des vielbeschworenen »Britpop-Revivals« könnte BLURs Stunde nun auch in Deutschland schlagen. Die Band haßt es jedoch, unter diesem Etikett einsortiert zu werden. Coxon: »Was soll das? Das ist dämlich. Wir sind talentiert, machen gute Musik und haben unsere eigene Identität. Jede Band sollte für sich gesehen werden, alles andere ist unfair und nichtssagend.«
Neben der Gabe, catchy-tunes zu verfassen, die selbst nach zehnmaligem Hören noch nicht nerven, sind Albarns Texte der Schlüssel zur riesigen Popularität. Auf »The Great Escape« verzichtet der smarte Sänger darauf, Autobiographisches von sich zu geben. Stattdessen schlüpft er in die Rolle des voyeuristischen Beobachters, der sich mehr oder minder prägnante Charaktere aus dem britischen Gesellschaftsleben herauspickt und sie im folgenden genüßlich seziert. Als Zynismus will Damon seine Texte trotzdem nicht verstanden wissen. »Ich mag meine Charaktere, auch wenn es in deren Leben zum Teil wenig gibt, was einem erstrebenswert vorkommen könnte. Wenn ich Zeit habe, sitze ich oft im Park und schaue mir die Typen an, die da vorbeilaufen. Ganz gewöhnliche Leute mit ganz gewöhnlichen Leben sind für unsere Songs einfach ideal.« Keine der Albarn-Figuren scheint so richtig glücklich zu sein, sie leben ohne große Perspektiven in ihrer unspektakulären Welt vor sich hin. »It Could Be You« zum Beispiel handelt von der Lotterie (die in England erst vor kurzem eigeführt wurde, d. Verf.). »Das beeindruckt mich unheimlich. Die Leute geben tierisch Geld für diese Rubbelkarten aus. Dann gehen sie raus aus dem Laden und sind total unglücklich. Wahrscheinlich verkaufen wir deshalb so viele Platten, weil sich die Menschen in unseren Songs wiederfinden. Es sind keine großen Geschichten, die die Welt verändern.«

Wie englisch sind Blur? Wir Mitteleuropäer taten uns mit dieser Band vielleicht deshalb so schwer, weil ihren Songs, sowohl textlich als auch musikalisch, immer diese »Englishness« anhaftet. Das Mosaik aus persönlichen Mikrokosmen, das Albarn auf bisher jedem Blur-Album skizziert hat, fasziniert den Inselbewohner, uns aber läßt es kalt. Auch der Vorwurf einiger Kritiker, darunter Oasis, Blur gäben sich betont working-class-like, obwohl sie doch aus der gehobenen Mittelklasse stammen (Damon ist Sohn eines freigeistigen Künstlerpaares), interessiert hier niemanden. Dennoch wehrt sich die Band vehement dagegen, als »Typical British« abgestempelt zu werden. »Fuck that«, geifert Graham, »das ist engstirniger Blödsinn. Wenn sich die Leute mehr anstrengten, würden sie merken, daß wir gar nicht so britisch klingen, zumindest in ›The Great Escape‹ weniger als in ›Parklife‹.« Warum das so ist, kann er aber auch nicht sagen. »Ich finde es nicht in Ordnung, Musik nach Nationen zu kategorisieren. In gewisser Weise ist das Nationalismus, und den finden wir blöd. Würdest du Can denn als typisch deutsch bezeichnen? Außerdem ist es nicht unsere Schuld, wenn wir englisch klingen, wir sind eben Engländer. Immer noch besser so als diese aufgezwungen wirkende amerikanische Musik, wie Julian Cope das oft gemacht hat. Wenn englische Bands versuchen sich anzuhören wie amerikanische, dann ist das dämlich.« Womit wir wieder bei Oasis wären.

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Blur

The Great Escape (Special Edition)

Release: 11.09.1995

℗ 2012 Parlophone Records Ltd, a Warner Music Group Company