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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Aus dem Archiv

Blumfeld im Gespräch

Wir feiern unseren 25. Geburtstag. Passend dazu haben wir tief im Textarchiv gegraben. Das Interview mit Blumfeld hat unser Herausgeber Matthias Hörtmann geführt. Es erschien in Ausgabe #018 in gekürzter Fassung. Damals konnten Interessenten das ganze Skript noch gegen Briefmarken im Wert von DM 3,- bestellen, heute präsentieren wir es euch ganz kostenlos hier in voller Länge.
Geschrieben am
Vor nunmehr fast drei Jahren tat sich etwas in Deutschlands Pop-Untergrund, das uns nach langen Zeiten der Indifferenz und Beliebigkeit aufhorchen ließ ob der dargebotenen musikalischen Reduktion und einer bis dato selten gehörten textlichen Offenheit und Direktheit.

Da kam aus Deutschlands Schon-Immer-Pop-Hautstadt ein bis dahin nahezu unbekanntes Trio, das keine nennenswerte musikalische Vetternwirtschaft aufweisen konnte, bis auf die Tatsache, daß die Rhythmusfraktion Bohlken/Rattay aus einer Band namens Der Schwarze Kanal hervorging. Zwar konstituierten sich einige nicht unwichtige postmoderne respektive Postpunk-Bands um das seinerzeit neben «What’s So Funny About« wichtigste neugegründete Hamburger Kleinlabel »L’Age D’Or«, und doch hoben sich Blumfeld bereits damals deutlichen von ihren Kombattanten aus dem Intelligentsia-Pop-Umfeld ab. Als sie nämlich mit ihrem Debüt »Ich-Maschine« den Angriff auf die Denkpop-Journaille und das großdeutsche Feuilleton antraten. Was am Anfang die Ruchbarkeit des gelenkten Medienspektakels und Pressehypes hatte, verflüchtigte sich genauso schnell, wie es entstanden war. Das Album war ein Klassiker, noch bevor ein einziges Exemplat den potentiellen Hörer erreicht hatte.  

Aber was war so außergewöhnlich und neu an diesem Werk, das uns aufhorchen ließ, uns nötigte, auf die dargebotenen Texte zu achten, um uns zu Interpretationen hinzureißen? Oberflächlich betrachtet war die Instrumentierung spärlich – böse Zeitgenossen sprachen gar von New-Wave-Zusammenhängen und adaptierten Cure-Gitarrenriffs – und doch nie nur Beiwerk zu wortgewaltiger eloquenter Prosa. Ich sah schon damals in Blumfelds durch die »Arbeitshypothese Trio« vorgegebene Selbstbeschränkung mehr den sonischen Ansatz im disziplinierten Noise und die gelungene Intention, eine Rock/Pop-Band akustisch klingen zu lassen und umgekehrt, wie dies beispielsweise auch von Yo La Tengo sowie anderen Noise-Folk-Bands amerikanischer Provenienz gekonnt umgesetzt worden ist. Wer jemals die Gelegenheit hatte, Blumfeld in dieser Anfangszeit, die mehr denn je musikalische Standortbestimmung und Selbstfindung war, live zu erleben, der konnte die Vitalität und den Groove, den dieses Trio verbreitete, erfahren, der so gar nicht anachronistisch war, für eine deutsche Band geradezu ungewohnt leicht, unbelastet von Pathos und teutonischer Schwermut. Hier spielte eine Band als homogene Masse um ihrer selbst willen, zurückgenommen, beängstigend exakt, von hoher Professionalität und doch mit einer in Lärmpopgewänder eingehüllten unverwechselbaren Seele. Und als man diese eigentümlich zeitlose Popmusik im originären, nicht korrumpierten Sinne hörte, öffnete man sich unweigerlich für diese beispiellosen Texte, die zuweilen dem Vorwurf postpubertärer Gymnasiastenprosa und der Lieblingslektüre von Germanistikseminaren ausgesetzt waren.  

Richtig daran war und ist, daß es auf der »Ich-Maschine« um die Selbstfindung, das Ich-Ausloten, das Standortbeziehen und – als wesensnotwendiger Ausläufer Pubertät – um das Erwachsenwerden in einer damals noch postmodernen Welt geht, wobei Diselmeyer nie davor zurückschreckte, das Gefühl (und allein hier gehört es hin!), als postpubertäre Sentimentalität gleichberechtigt neben die Ratio zu stellen, um aus seiner ureigenen subjektiven Sicht der Dinge – als pars pro toto – eine größtmögliche allgemeingültige Authentizität zu erzielen und doch Raum für das jeweilige »Ich« als Person und »Du« zu lassen. Daß dabei »Zeittotschläger« zum heimlichen Hit einer desillusionierten Jugend avancierte und damit das werbeträchtige Generation X-Gequatsche vorwegnahm, ist nicht Distelmeyers Fehler.  


Die »Ich-Maschine« entwickelte eine Eigendynamik, die sie aus sich selbst bezog und entzog sich damit doch gleichzeitig einer alles relativierenden und damit bagatellisierenden Vereinnahmung durch die hinlänglich bekannten Kulturkackmechanismen linksliberaler Magazine und Feuilletons, denn die Platte war viel zu groß und antizipatorisch wahr und damit unbequem, um sich ihn ihrer subtilen Sprengkraft entschärfen zu lassen. 

Nachdem die Rezeption des Debüts abgeschlossen war, Blumfeld das Material auch live überzeugend vorgestellt hatten und Jochen Distelmeyer als nunmehr »pop«uläres Mitglied der Wohlfahrsausschüsse die »Etwas anderes als die Nation«-Tour im Ostteil der Republik mit Cpt. Kirk &, Kastrierte Philosophen, Goldene Zitronen mitorganisiert hatte, wurde es still um Blumfeld und laut in Hamburgs Denkerpop-Enklave.   Jetzt, nach nahezu drei Jahren, nachdem niemand mehr so recht damit gerechnet hat, erscheint »L’Etat E Moi«, vieldeutig nicht nur im Titel und sowohl musikalisch, als auch inhaltlich stringend durchstrukturiert, ohne dabei zu einem reinen Nachfolgewerk zu verkommen.   

Wir sprachen mit Sänger, Gitarrist und Texter Jochen Distelmeyer. Aus Platzgründen ist es leider nicht möglich, speziell auf einzelne Songs einzugehen, statt dessen konzentrieren wir uns eher auf die Strukturen innerhalb der Band (Interessenten ist es jedoch möglich, ein Skript des ganzen Interviews gegen DM 3,- in Briefmarken zu erhalten). 
Wie, das war mit die erste Kritik, von der Du überhaupt gewusst hast, die Du gesehen hast?
Ja! Und für mich war es halt vorstellbar, inwieweit das dann überhaupt noch kommunizierbar ist, was wir da gemacht haben. ... Also, das hatten wir schon immer als Problem drin, und deshalb haben wir auch versucht, noch bestimmte Möglichkeiten des Ausschlusses für Leute, die »Ich-Maschine« gehört haben, aufrecht zu erhalten, weil das eigentlich schon das Wichtigste ist, dass das halt von anderen Leuten besprochen werden kann, also nicht nur Plattenbesprechungen, sondern halt generell. Nur, an einem bestimmten Punkt, wo, sagen wir mal, die Eigengesetzlichkeit der Musik und der Texte und wie das alles funktioniert, von selbst gelaufen ist, hätte es auch sein können, sag ich mal – ... Wir haben zwar alles so gemacht, dass wir dachten: Gut, das ist noch für jemanden, das ist eigentlich das Zentrum der Sache, dass es für jemanden ist, ...

Aber ist es denn immer von selbst gelaufen? Ich habe beim Konzert in Manchester mit Eike darüber gesprochen, und damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass ein halbes Jahr später so eine Platte rauskommt. Zu dem Zeitpunkt wart ihr doch gerade so weit, dass ihr überhaupt erst ein paar Songs hattet, oder?
Nö, ich hatte ja vorher schon Songs, also »Jet Set« zum Beispiel war da eigentlich schon fertig, ...

Ja, und »Verstärker« ja sowieso und die Stücke von der Single, aber sonst?
Das lief schon so von selbst – die Vorbereitung an dem Teil. Also, die Konzeption: Was soll da jetzt abgesteckt werden, welche Bewegung soll da beschrieben werden, um welche Bilder geht es da? Das war da schon, würde ich sagen, ungefähr zur Hälfte ausformuliert. Es gab schon klar umrissene Ansätze – zum Beispiel der ganze Lichtkram, der darin vorkommt. Das war schon zu Zeiten der England-Tour klar, dass Licht in irgendeiner Form einen Schlüssel darstellen soll, also irgendwie als Metapher ...

Äh ja! Licht ist auf »Ich-Maschine« noch nicht da, oder wie?
Das, was bei »Ich-Maschine« das Cover war, also das Weiße, nä...

Ja, aber nicht in den Songs, oder was. Ich fand das auf »Ich-Maschine« auch schon.
Nee, ich meine jetzt nicht abstrakt, sondern ganz konkret.

Ach so, ich meinte es jetzt abstrakt!
Also Licht, also Sterne, Blitz, ..., Licht an eine Mauer, zwischen den Zeilen kommt noch Licht her, also solche Sachen; dann das Gelb wie auf der CD – hast du CD oder hast du Vinyl?

(wacht auf, erschreckt) Gibt's Vinyl? Mir haben die Rough Trade-Leute gesagt, es gibt nur CD! Es gibt Vinyl?
Möglicherweise gibt's nur CD als Pressedingsbums, nee, aber es gibt natürlich Vinyl.

(entschlossen) Ja! – Dann will ich Vinyl haben!! Was ist denn unterschiedlich – das Artwork, oder was?
Auf dem Cover ist nur das, was ihr vorne draufhabt. Also das ist nur Vinyl, bei der CD läßt sich das ja noch aufklappen. Dann das, was hinter dieser durchsichtigen CD...-Klemme...

Jaja. Jaja.
Da sind ja diese Photos. Und die sind halt auf der Innenseite der Textseite, und auf der Rückseite ist das halt größer. Da gibt's ja auch so lichte Flecken undsoweiter ... Ich meine jetzt nicht, daß die Lieder nicht vorher schon davon erfüllt gewesen wären, sondern daß es eher schon um die Bedeutung davon ging. Also, von mir aus Aufklärung oder so'n Quatsch und auf der anderen Seite Bücherverbrennung. An sich ist das so eine Metaphorik, die ziemlich schnell auf Germanentum schließen läßt, weißt du, also Feuerdingsbums, Lichtsonnenwende, ... keine Ahnung, verstehst du?

Kannst du dich noch daran erinnern, dass wir ...
Als Ansatz gab's das damals jedenfalls schon.

... damals im Gleis 22 in Münster gesessen haben, und ich mit Christoph, mit dir und den anderen beiden gesprochen habe nach dem Konzert? Weißt du noch?
Welcher Christoph?

Christoph Laue, das war so'n Kleiner mit Nickelbrille.
Jaja; da haben wir da gesessen ...

Da hatten wir doch ein Interview, und da hab' ich Dich nämlich...
(Geistesblitz) ... an so einem größeren Tisch!!

Und da hatten wir nämlich ganz lange darüber gesprochen, was nach dieser Platte kommen soll. Kann es Blumfeld noch geben? Kann die Platte überhaupt so konzipiert sein? Kann es überhaupt ein Konzept geben? Und da hast du gesagt, dass du es dir ganz anders vorstellen würdest für eine neue Platte.
Hab' ich?

Ja! Dass Du auch geglaubt hast, dass es Blumfeld nicht unbedingt weiter geben wird, also von mir aus dieselbe Konstellation, also ihr drei, aber nicht Blumfeld.
Ach so, das war aber nur eine Möglichkeit, aber so absolut hab' ich das garantiert nicht gesagt, weil 

Nein, ich will dir das auch nicht so unterstellen, aber ...
Grundlegend für uns ist halt immer das Trio gewesen, und wie die Leute zusammen spielen, und wie wir letztendlich nicht über Proben, sondern über Liveauftritte gelernt haben, anders miteinander Musik zu machen – durch das Spielen immer wieder derselben Stücke letztendlich.

Aber es war eindeutig, dass du jetzt hier sitzt und die Interviews gibst?
 Ja, das ist einfach als pragmatische Entscheidung gelaufen, weil Eike noch mit seiner Magisterarbeit zu tun hat.

(erstaunt) Oh, ich dachte, der ist fertig!
Der macht jetzt mündliche Prüfungen.

Ich hab' ihn schon als Doktor genannt ...
Ach so. Nee, der hatte erst seine schriftlichen Sachen abgeschlossen, aber muss jetzt noch mal in die Mündlichen rein. Und bei André ist es so, dass der nach der POPKOMM krank geworden ist, so 'ne Magen-und-Darm-Grippe, der hatte sich halt total überanstrengt. Dann ist es eine Kostenfrage. Es ist halt billiger, nur einen durch die Gegend zu schicken, und ich kann, ohne dass ich mich jetzt in den Mittelpunkt stellen müsste, aber ich kann halt über alle Sachen relativ gut Auskunft geben.

Die Songs sind doch auch erstmal von dir, oder nicht?
Na ja, ich würde sagen, es gibt da bandintern eine Auseinandersetzung, wo ich schon behaupten würde, dass die Musik von Blumfeld ist, dass aber die Songs von mir sind, also nicht alle, zum Beispiel »Draußen Auf Kaution«, äh, »Sing Sing« und das eine oder andere sind halt Bandsachen, nä, also mit "Jet Set" bin ich reingekommen, hier der Riff, mach mal, und dann machen und fertig, und dann fängt Eike irgendwie an, so'n Basskram zu daddeln...

Jaja, ist schon klar, aber ich meine die Texte – die Texte sind doch im Endeffekt ausschließlich von dir, oder nicht?

Ja!

Bei Texten gibt's doch keine Kompromisse, oder?
Doch!

Echt?
 Ja, wenn die beiden sagen, der ist scheiße... Das hat's ja bei der Ersten gegeben – da hat's ja ein paar Stücke gegeben, die nicht auf die Platte gekommen sind, weil Eike und André meinten, das gefällt ihnen nicht, das finden sie scheiße. Das halte ich nach wie vor für einen Fehler, weil das geniale Songs waren.


Dann mach' sie doch alleine, also nicht unter Blumfeld.
Ja, dann kann ich aber 1000 andere Stücke alleine machen! Es geht ja um Blumfeld, wie das Soziale untereinander funktioniert. Also, wie jemand, dem normalerweise Frontmannpositionen zugeschrieben werden, wie der auch lernt, innerhalb des Sozialen seinen Ort ganz anders zu bestimmen, eben als einer von dreien, ja? Ich weiß nicht, klar kann ich das machen, aber ich hab' da einfach keinen Bock drauf, denn wie sich diese Musik da spielt über die drei Leute, das ist mir wichtiger. Ich könnte auch mit anderen Musikern zusammenarbeiten, aber das wäre totaler Quatsch, weil es extrem einzigartig ist, wie Eike Bass spielt. So spielt keiner!

Das stimmt, das stimmt.
Also, so spielt kein Mensch, mit dem ich jemals zusammen gespielt habe, und ich hab' mit vielen Leuten zusammen gespielt und kann das auch beurteilen, auch wenn ich andere Bands sehe und da Schlagzeuger oder Bassisten arbeiten sehe, da kommt für mich erstmal nichts ran an die beiden, definitiv nichts, was mich natürlich wiederum auch total beeinflusst.

Meinst du bei André einfach das Zusammenspiel mit Eike oder meinst du André selbst?
Also, ähm, wir haben uns lange darüber unterhalten, wie mit dem ganzen Schlagzeugkram bei uns zu verfahren ist, also keine Unterhaltung, die so läuft – Ich sage: Mach es so. Er sagt: Ich mach es anders -, sondern: Wo kommt es musikalisch her? Welche Vorstellungen hat er musikalisch, wie begreift er sich als Schlagzeuger, und welche Auffassung habe ich davon, wie ein Song funktioniert? Und er arbeitet halt eher von der Vorstellung aus, komplexe, polyrhythmische Sachen zu spielen, wo ich dann aber sagen würde: Wenn das nur ein Solo-Schlagzeug die ganze Zeit in einem Stück ist, dann ist es halt scheiße. Und irgendwann hatten wir den Punkt, wo wir gesagt haben: Okay, der Song ist das Wichtigste, also spiele ich auch anderen Kram als das, was ich könnte oder würde, und ich denke, was man da hört, ist, daß man da nicht nur auf der einen Seite extrem diszipliniert spielt oder spielen kann, sondern daß sich das Straighte, Gerade aus einer anderen Form von Coolness entwickelt, also irgendwie ..., weißte?

Ja, ist schon klar, aber ...
Der definiert ein gerades Schlagzeugspiel einfach anders, weil er an sich gegen ein gerades Schlagzeugspiel ist. Er definiert das anders.

War er ja immer schon, nur ...
Es ist halt ein anderer Ansatz als ein Schlagzeuger von irgendwelchen ... Ich will da jetzt keine Bands nennen, aber ...

Flowerpornoes
Äh, könnte man sagen. Also, ich finde Flowerpornoes super, auch die letzte Platte finde ich spitze, aber da ist ein anderer Schlagzeuger am Werk. Das ist jemand, der ist gut am Instrument, der kann das alles, das ist für Toms Arbeitsweise richtig. Ich für meine kann nur sagen: Mich interessiert nicht, ob jemand sein Instrument beherrscht, mich interessiert, ob jemand zusammen spielt, weil wir sind halt alle keine ...


Alle so mehr, äh, ...
 ... genialen ...

... ja, Autodidakt.
Das sowieso! Die Professionalität, die wir jetzt haben, entwickelt sich vor allem über: Wie kann man virtuos sein und professionell spielen und sich immer wieder zurück in den Zustand versetzen von: Ich bin noch nicht Mucker, ja? ...


Hm, hm.
... und das ist so, weil auch zwischendurch nicht geprobt wird, und weil halt zwischendurch keine Jam-Sessions sind, sondern jeder so irgendwie sein Leben macht, zwischendurch halt live spielt, und dann machste zwei, drei Jahre später mal 'ne LP, die immer noch vom selben ausgeht, von so 'nem In-den-Raum-reingehen-machen, und deshalb ist das auch in einer Linie zu sehen, auch schon allein über die Cover und so, mit dem ...

Ist Eike irgendwo der Diplomat zwischen euch beiden? Eike wirkt immer wie so'n Diplomat, finde ich.
Der hat wohl etwas leicht Aristokratisches... Äh, das kommt, sage ich mal, auf die Sachfragen an. Das ist ein relativ ausgewogenes Verhältnis von drei Leuten, wo es immer solche Extremverschiebungen gibt, wo zwei immer Extreme bilden und der andere, der letzte, der dritte, sich dann irgendwie in der Mitte befindet ... So, wie auf diesen Kinderschaukeln, diese großen Kreisel auf den Spielplätzen, wo durch merkwürdige Art der Anordnung das Gleichgewicht hergestellt wird. Da geht es oft so, dass Eike irgendwas vermittelt und sehr oft, dass ich Sachen vermittle zwischen den beiden, und es gibt Momente, wo André das übernimmt. Eine eindeutige Festschreibung der Persönlichkeitsstruktur ist da, so hoffe ich jedenfalls, noch nicht vorhanden.

Unter dem Strich ist ziemliches Gleichgewicht auf der neuen Platte, finde ich. Die Songs sind super-bündig, super-stimmig, super- äh ja, rund, ohne das negativ zu meinen.
 Ja!

Erstaunlich rund sogar.
Ja, das ist einfach cool. Also, das ist einfach so!

(lange Pause) Das ist die Platte, die du jetzt auch aufnehmen würdest, oder wie?
Hä?

Das ist die Platte, die du jetzt genauso aufnehmen wolltest, (mit Betonung) wollen würdest?
Ja!

Voll und ganz?
Ich würde jetzt vielleicht die Mundharmonika bei »Sing Sing« noch lauter machen, beispielsweise. Und das Badabadabadabadabada (singt summend) bei »Evergreen«, also das Zweite, ist jetzt schon die lauteste Textstelle in der Relation auf der ganzen Platte. Das ist da, wo der Gesang am lautesten ist.

Ist überhaupt ... Stereolab-Harmonie ohne Ende.
Stereolab?!

Ja, ohne Ende. Kennst du STEREOLAB?
(windet sich) Ja, wir haben auch Dingsbums gespielt ...

In Hamburg haben sie auch gespielt, als ihr da vor Pavement gespielt habt. Hast du sie da gesehen?
Ja, die haben auch in England gespielt, da hab' ich die auch gesehen. Die find' ich nicht sooo toll!

(enttäuscht) Echt nicht?
Nö! Find' ich nicht so geil.

Warum?
Ich weiß nicht.

Aber man kann einfach nur sagen, dass wenn man ...
Ich find' das sympathisch, aber das ist nicht so mein..., mein... Style.


(immer noch enttäuscht) Hm!
Wie? Was meinst du, »Evergreen« ist so Stereolab-mäßig?
 

Ohne Ende!
Echt?

Ja, genau die Passage, die du eben gesungen hast.
Badabadabadabadabada!

Ja, haargenau!
Badabadabadabadabada.

Ja, aber auch wirklich haargenau!
Es ist halt eine Mischung aus französischem Chanson-Kram, gerade von den Harmonie-Verschiebungen.

Da kommt es ja auch her. Sie ist ja Französin!
Ach so, echt?

Und er ist Brite. Sie bringt die Harmonie in der Stimmung mit und er die Songidee.
Ah ja! Ich hab' die letzten zwei Jahre ziemlich viel französischen Kram gehört, also unabhängig davon - ich hab' nur zwei Stücke von denen auf Platte gehört und live fand ich das nicht so beeindruckend.

Ich denke mir, was dieses Jahr total oft in Rezensionen stehen wird, ist halt dieser ungewöhnliche Fakt: Distelmeyer singt! Kann er's überhaupt?
Vor »Ich-Maschine« hab' ich ja so gut ein Jahr lang mit Musikmachen nicht mehr so viel am Hut gehabt. Ich habe halt hauptsächlich geschrieben und so; ziemlich viel HipHop gehört, bis ich dann irgendwann gemerkt hab', was HipHop mit Degenhardt und Dylan zu tun hat.

Und zwar? (lacht) Ich hab keine Ahnung, was es damit zu tun hat!
Ja, einfach die Möglichkeit, nachrichtendienstlich wie eine Presseagentur zu reden und durch eine minimale gesangliche Modulation die rhymes zu droppen, oder so.

Hm.
Und das traf sich zu dem Zeitpunkt halt mit meiner Aversion gegen das Singen, denn früher hab' ich ständig nur gesungen, und ich hab' schlechte Texte von mir so singen können, dass sie gut klangen, und das ging mir auf den Sack, dass ich das durch den Gesang machen musste, damit es gut wird. Ich wollte es halt vorher schon gut haben und ich dachte dann, Gesänge sind irgendwie zu korrumpieren. Das war der Ansatz von »Ich-Maschine«, dass ich gedacht habe, okay, jetzt Sprechgesang, äh, hiphop-mäßig oder Franz-J.-Degenhardt-mäßig, also einfach nur reden. Es gibt aber auch auf »Ich-Maschine« so 'nen paar Stücke, auf denen ich singe und wo mir das auch totalen Spaß macht.

(längere Pause) Ehrlich?
Was?

Du singst auf »Ich-Maschine«? Wo?
(singt ansatzweise) Viel zu früh und immer wieder lieb' ich…
 

Ach ja, stimmt, stimmt! Ohne Ende jetzt!
Solche Sachen. »Zeittotschläger«.

Ah ja!
Nur ich kann das halt nicht, vielleicht ...

Aber das...
Du weißt ja, dass ich das gut kann, das konnte ich halt schon immer gut.

Aber das war wirklich so eine Grundstimmung, die wir alle drei unabhängig voneinander – das war so mit das Erste –, dass einfach viel mehr Harmonien drin sind als vorher.
Nee, also ...

Also, dass das Singen dir jetzt viel mehr imponiert als bei »Zeittotschläger« oder ...
Ja, ja, sagen wir mal so, der Melodiegesang oder dieses Singen da setzt jetzt noch viel mehr Harmoniekram frei, aber Fakt ist, was jetzt an harmonischen Läufen und Melodie auftaucht, ist schon in einer extremen Bandbreite – finde ich – bei »Ich–Maschine« angelegt, über »Pickelface«, »Auch Viel Zu Früh«, ja?; der Melodiereichtum dieser Platte ist – weil hauptsächlich eine Konzentration auf den Text und so 'nen Kram stattgefunden hat, weil man glaubte, das Überraschende an der Platte ist dieser viele Text und dass das funktioniert –, also der ist in der Rezeption oder in der Wahrnehmung nicht berücksichtigt worden. Aber wenn man halt mitkriegt, wenn die Leute bei den Konzerten sind und dass die sich alle die Platte kaufen, dann läuft das halt darüber – sage ich , weil die Musikalität da schon eine extreme Bandbreite abdeckt, wie es das bisher hier so nicht gegeben hat. Obwohl es halt von der Eindimensionalität oder der Kargheit der Besetzung, der Spielweise zu dritt ausgeht, hast du da an sich zwei Leute mehr am Spielen. Das war immer mein Eindruck. Also, bei »Verstärker« merkt man es möglicherweise am meisten, weil es da irgendwie noch exponierter dargestellt ist über den Gitarrensound.

Hm.
Der Gitarrensound beispielsweise ist auch eher ein Live-Erlebnis, dass ich vor »Ich-Maschine« einen Amp ausgeliehen hab' und gespielt hab' und mir auch live anfangs immer nur Amps geliehen habe und nie selber einen hatte und nie wusste: Wie stell' ich das jetzt ein?, und irgendwann, als ich diese kleine Schüssel da hatte, stellte sich heraus: Ja, ich kann das halt so ganz schnell drehen, eine Einstellung, und dann sitzt das.

 Ja.
Mit der Kenntnis über Liveauftritte sind ja auch die Doppelsingles aufgenommen worden.

Ist das denn übrigens – sonst vergesse ich das nachher wieder, weil ich das jetzt wichtig finde - in Köln mit Tobias, ist das eine Ausnahme?
 Ja, das haben wir früher live auch schon gemacht, wenn KIRK irgendwie mit uns zusammen gespielt haben, dass Tobias dann bei »Verstärker« oder so mitspielt. Jetzt hat er halt gesagt, dass er Bock hätte, so quasi als Gitarrenroadie mitzukommen.


Er kommt mit, die ganze Tour?
Ja! Und dass wir dann gesagt haben: Ey, dann laß uns irgendwie auch, da hatte er auch Bock drauf.

Aber er ist dann ganz eindeutig ein Musiker für euch? Er ist einfach wie ein Studiomusiker, den man sich mitnimmt?
Nee, eben nicht!

Aber er würde Blumfeld ja verändern, er würde Blumfeld doch erweitern und dann gehört er doch zur Band, dann ist er doch Teil von Blumfeld.
Ja, das ist er ja auch für die Tour. Genau wie Chris von Rautenkranz bei den Aufnahmen quasi Bandmitglied ist.

Aber das ist ja ein Unterschied!
Ja, ich sag' mal so: Es geht immer noch um so eine Trio-Konzeption, dabei wird es bleiben, und ich denke, dass alle Erweiterungen nur auf der Grundlage vorstellbar sind, dass die Struktur der Stücke, der Musik, wie die sich herstellt, wie die gespielt wird, so frei ist, daß jemand von vornherein da mit reinkommen und was machen kann. Generell ist es doch so, dass wenn eine zweite Gitarre kommt, dann geht's doch noch mal ein Stück nach vorne. Bei Tobias geht das einfach, weil der ein guter Musiker ist, der spielt quasi mit den Stücken. Aber an der Vorstellung von Arrangements oder Kompositionen hat sich bisher nichts geändert, auch wenn er mitgespielt hat. Es ist halt so ein, äh, freies Zusammenspiel. Aber nicht als Mucker, wo man sagt: Hier, mach das und das! Das ist schon eher so, dass ich ihm sage: Der Song funktioniert so und so – darauf würde ich Wert legen, ... aber das weiß er auch so.

Aber in dem Moment ist er ja doch Studiomusiker. Irgendwo machst du ihm doch Vorgaben, wenn du ihm sagst ...
Ja, aber das sind Absprachen! Studiomusiker wäre: Hey, mach mal so!

Ja, so ähnlich klang das aber eben.
Nee, es ist einfach so: Innerhalb dieses Spektrums bist du total frei.

Darfst du.
Ich denke, wenn man bestimmte Sachen machen würde, dann könnte es auch auf Kosten der Songs gehen. Wenn er beispielsweise bei »Sing Sing« oder so in Köln gleich von Anfang an mit dem Feedback-Kram so abgeht.

Ja.
Am Ende tropft das dann einfach so ab, dann hast du keinen Bock mehr drauf, das zu hören. Daß man das ein bisschen dramaturgisch aufbaut. (Pause) Der kann gar kein Studiomusiker sein, also auch aus sich heraus gar nicht, denn dazu ist er viel zu stolz.

Nee, deshalb war ich vorhin auch verwundert. Mir ging es vielmehr darum zu erfahren, ob er vielleicht auch mal eine richtige Ergänzung wäre, was Festes.
Weiß ich so noch nicht. Im Augenblick interessieren mich halt immer noch die Möglichkeiten mit einer Trio-Formation, also wie weit man musikalisch gehen kann. Ich finde, das ist einfach die coolste Art, irgendwas zu spielen, also erstmal als Trio – total simpel, man ist dann total beweglich.

Oder ist es dann nicht mehr zu vereinbaren, wenn man vier Individuen hat?
Doch! Das geht gut! Also, es funktioniert ja live so.

Ja ja, klar.
Nur, er hat ja nach wie vor Cpt. Kirk und so was. Da will ich mich jetzt auch gar nicht festlegen. Wir wollen sehen, wie das auf der Tour funktioniert, und was man da macht. Wie spielen wir jetzt zusammen, nicht: Ey, haste mal Bock, auf die Bühne zu kommen?, sondern: Wir machen jetzt zusammen! Es kann ja sein, dass das unsere Auffassung von Musik dahingehend extrem verändert, dass man auch ganz andere Sachen ausprobiert. Aber auf die Erfahrung können wir ja gar nicht aufbauen, denn das geht jetzt ja erst im Oktober los.

In der Hinsicht muss für dich ja dieses Ding mit Pavement  ziemlich schrecklich gewesen sein. Das sind ja ganz unterschiedliche Paar Schuhe, wenn ich an »Verstärker« in der Markthalle denke. Da habt ihr alle ganz unglücklich ausgesehen, dass Pavement sich ganz anders benehmen auf der Bühne oder ganz anders ...
Nö, das war ganz einfach nur ein bisschen Irritiert-Sein – die fanden dann das Stück super.

Das war aber einfach nur eine ganz andere Coolness bei Pavement, bei euch war es alles deutlich angestrengter.
Es war halt vom Dahinkommen so erstmal nicht unser Ding, weil wir normalerweise versuchen, unser Spiel aufzubauen. So war's halt so: Ey, wir hätten Bock, mit euch diesen Song zu spielen, den finden wir super.

An dem Abend erst, oder wie?
Das war schon in England – wenn man in Hamburg ist, dann könnte man ja irgendwas zusammen spielen. Und wir haben gesagt: Warum nicht? Klar, kann man machen! Nur – die waren halt genauso unsicher wie wir, möglicherweise. Was machen wir da jetzt eigentlich?

Ich habe das vor kurzem auf Video gesehen, ...
Ja!

... und da ging mir das nochmal so richtig auf. Das war irgendwie schon echt krass, weil, äh, – ihr kamt auf die Bühne, wart am Stimmen, und die anderen bewegten sich auf der Bühne und wussten gar nicht, wohin mit sich. War ja klar, nach dem Konzert!
Das ist ja nicht geprobt.

Ja, na klar, und das war schon krass – das waren echt Welten, die da aufeinander geprallt sind – für den Betrachter.
(hörbar verstimmt) Ja?

Ja! Volles Rohr, fand ich! (Pause) Wie sehr ist die ganze Sache nur für euch selbst, oder gerade nur für dich selbst? Wie viel Vorgabe gibt's für's Publikum?
Wie Vorgabe?

Vorgabe durch Text, durch irgendwelche Intuitionen, durch Herangehensweise, durch 'nen Song an sich.
Verstehe ich nicht, die Fragestellung. Mach nochmal! Komm ich jetzt nicht mit. Was meinst du jetzt?

Wenn du jetzt auf die Bühne gehst und einen Song spielst, den keine Sau kennen kann – in Köln war es ja ganz extrem, denn die Platte war doch noch gar nicht draußen, oder? Nee!
Nee!

Okay, es kannten viele Leute, aber einige Leute waren halt dabei, die gar nicht wussten, was da mit ihnen geschieht. Und du stehst da auf der Bühne und spielst diesen Song: Inwieweit du das in dem Moment nur für dich tust, inwieweit du so einen Draht zum Publikum überhaupt herstellen willst. Kriegst du überhaupt mit, dass da ein Publikum vor dir steht?
Ja, klar! Nee, das ist ...

Ich habe ganz oft das Gefühl, dass du genau so gut im Probekeller bei dir zuhause, egal wo ...
Nee, nee!

Du bist immer sehr in dir selbst versunken, wenn du auf der Bühne stehst.
Nee, nicht in mir selbst, sondern in der Situation, in dem Spiel, was ich höre, von Schlagzeug, Bass und Gitarre, was ich so mitkriege. Auch wenn wir die alten Sachen spielen, hat sich das für uns noch nicht abgenutzt. Deshalb konnten wir zwei Jahre lang, obwohl es schon neuen Kram gab, sagen: Gut, wir spielen erstmal nur das alte Material. Weil es quasi immer so war, diese Stücke noch einmal neu zu erfinden oder nochmal gucken: Okay, was ist das jetzt hier? Wie fühlt sich dieses Stück jetzt hier an? Nicht nur für uns drei, sondern auch für außen. Also: Was bedeutet das denn jetzt für außen? Es ist ja nicht - zack! - zum 300sten Mal »Ghettowelt«, sondern: Inwieweit kann man »Ghettowelt« vor »Jet Set« spielen, und was heißt das dann? Inwieweit ist diese »Ich-Maschine« vor dem Hintergrund von »L'État Et Moi« halt richtig gewesen, oder wo liegen da Fehler? Das ist immer wieder ein Überprüfen, also äh, quasi eine neue Präsenz herstellen für das, was letztendlich vergangen ist, ja?, das noch einmal zu versuchen, zu aktualisieren.

Ja, aber ...
Was heißt das jetzt? Auf der Popkomm im E-Werk »Ein Lied Mehr« zu spielen, was ja, als es mal angefangen hatte, eine ganz andere Bedeutung hatte, oder erstmal auch anders angetreten war als jetzt, und es funktioniert trotzdem.

Aber als ihr von mir aus vor anderthalb Jahren in Münster gespielt habt und euch irgendwo für den Betrachter in einem Loch befunden habt, weil niemand wusste: Was machen Blumfeld jetzt? Was wird aus Blumfeld? Und ihr seid auf die Bühne gegangen und habt die Stücke gespielt, von mir aus mit anderen Interpretationen, aber im Endeffekt war's für mich echt schade, dass zu der Zeit überhaupt keine neuen Songs vorlagen.
(fällt ein) Die waren ja neu!! Das war ja das, was wir behauptet haben.

Ja ja, es ist schon klar! Ich versteh' das ja schon.
Es ist ja das, was wir behauptet haben. Also, äh, für mich ...

Aber du kanalisierst doch auch in neue Ideen – neue Ideen kannst du doch nicht in alte äh ...
Nö, deshalb haben wir ja auch die Platte gemacht.

... Schemata – irgendwelche Schemata gibt's doch trotzdem von den alten Songs, oder nicht?
Ja natürlich, die bieten eine Struktur an, und in der Struktur kann man halt durchgehen und gucken, was passiert. Jetzt nochmal zu diesem Für-Sich-Selber-Machen: In diesem Moment ist das immer ein Angebot. Ihr kennt das oder du kennst das noch nicht. Guck' mal, das kommt von uns, zack! Das muss ja nicht sofort so laufen, das kann ja auch über Monate und Jahre hinweg irgendwie so - keine Ahnung -, das ist ein Angebot. Das ist für uns halt auch 'ne Erfahrung zu sammeln, wie man sich veräußert. Wie man Ausdruck wählt und sucht, wie man diesen Ausdruck herstellt - dass man das lernt. Viele Leute lernen das nicht, haben gar keine Gelegenheit, das zu lernen. Und von wegen Alte-Sachen-länger-spielen: Ich würde mal sagen, mit »L'État Et Moi« wird das nicht anders laufen. Hier setzt 'ne Platte ein, also jetzt »Ich-Maschine«, und sie beschreibt möglicherweise eine Strecke von hier nach da, irgendeine Geschichte, die stattgefunden hat, eine Entwicklung. Gleichzeitig hat sie aber schon eine, äh, sagen wir mal - Vorstellung von dem, was sein könnte oder so, als Möglichkeit oder stellt halt Möglichkeiten her. Und dann spielt man die danach nochmal, verstehst du? Das meine ich halt mit einer, äh ... Es ist halt faktisch historisches Material, aber dieses historische Material wird halt immer wieder einer gegenwärtigen Untersuchung und Auseinandersetzung unterzogen, und daraus gewinnt es seine Aktualität. Also, ich halte Stücke wie »Der Angriff Der Gegenwart Auf Meine Übrige Zeit«, also von den Singles - äh, das isses, das isses einfach immer noch.

Und je öfter du den Song den Leuten in verschiedenen Versionen hinstellst, desto mehr Möglichkeiten bieten sich dem Zuhörer dann wahrscheinlich auch, damit umzugehen.
Man hört es ja. Wir spielen es ja meistens ähnlich, wir spielen es ja nie so: Lass uns mal den Part umwerfen oder so'n Kram, sondern wie spielen halt den Song, ...

Hm hm.
..., aber der wird live irgendwie anders gespielt sein oder anders gehört werden, denn man geht ja nicht mit derselben Verfasstheit in so'n Konzert rein oder was auch immer. Klar gibt's da neue Stücke, klar könnte man sich jetzt darüber unterhalten. Aber das ist dann so 'ne Arbeitsweise, die finde ich zwar cool, so mit neuem Kram und dann immer wieder nie jemanden etwas zweimal hören lassen, aber aus anderen Gründen finde ich es dann halt auch wieder nicht gut. Und das haben wir selber nie als ein Loch erfahren, sonder das war für uns halt unser Tempo. Das sind unsere Bedingungen, für uns selbst, unter denen wir arbeiten und für die andere Leute etwas machen, und für die Leute, die das halt sehen wollen: Aah geil! Neue, deutsche Musik halt und geile Band, cool, kauf' ich mir jetzt auch, und die dann irgendwie davon enttäuscht sind, dass nichts Neues kommt, und dieses Enttäuschtsein dann - das Enttäuschtsein akzeptiere ich sogar noch - aber wenn das dann dazu führt, dass man jemanden nicht mehr ernst nimmt, ...

Wie sensibel wird man überhaupt durch das, was von außen kommt, also durch Printmedien, durch dieses Interview. Ich fand das damals so krass mit dieser kleinen Serie im ZDF, da war so'n kleiner Take mit dir drin, wo du dich so aufgeregt hast, ...
ZDF???

Im ZDF lief eine Dokumentation über deutsche Musik als Kulturgut. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß. Mit unterschiedlichsten Leuten, da warst du auch mit dabei. Habe ich zuhause auf Video (lacht).

Weiß ich nicht mehr, keine Ahnung.

Ja, egal.
Also, äh, in dem Moment kommt ja irgendwie was zurück ...

Ja.
... auf eine bestimmte Art und Weise.

Ja genau, und dann?
Bei den Interviews sieht's ja genauso aus. Ich äußere mich halt über Gedanken zu irgendetwas, jemand anderes stellt Fragen ...

Ja.
... und sagt: Ist es aber irgendwie nicht so blablablabla ...

Ja.
Ähm, und dann setzt halt erst mal eine Phase ein, wo man es überprüft. Was davon hat jetzt etwas mit mir zu tun, was entspricht mir möglicherweise, was davon kann ich auch gebrauchen? Oder: Was hat irgendwie nichts damit zu tun und führt letztendlich nur zu einer Rahmung – also von dem, was Blumfeld ist oder was ich bin oder was die anderen sind –, die uns letztendlich nur dazu nötigen will, zu verharren oder uns unbeweglich zu machen. Je nachdem, wie man es unterscheidet, also wie gesagt, diese Plattenbesprechung, das war so ... ja, cool, da kann ich mit leben, während ich bei anderen Sachen schon sagen würde, ...

Aber erdrückt das nicht auch? Die Plattenkritik war ja überschrieben mit »Das Spektakel«. Findet da nicht so eine Sensibilisierung statt, irgendwie?
Ja, wenn das im SPIEGEL so stehen würde, dann würde ich schon denken, mit denen machen wir gar nichts!

Warum?
Warum ich nichts mit dem SPIEGEL mache? Weil der SPIEGEL politisch andere Ansichten vertritt als wir, weil das, was der SPIEGEL vertritt, extrem gefährlich ist für meine Begriffe.

Ist es denn nicht gerade dann wichtig?
Nein, weil man sich dann vereinnahmen lässt. Das ist dann dasselbe wie mit dem STERN und MASTINO. Hast du das gehört?

Ja, hab' ich.
Ja, also gut, ich meine, man kann's versuchen, man kann da auch was drüber lernen oder erfahren, aber man kann im Vorfeld auch schon genau abwägen, wie das laufen wird. Ich meine, das konnte man wissen, und beim SPIEGEL würden sie das halt als so'n freakiges Novum ... musikkrammäßig, ja? Aber ohne, dass, wenn sie beispielsweise über die Beastie Boys schreiben, also das, was die Beastie Boys darstellen, irgendeine Konsequenz darüber hat, was dann auch STERN und andere über Wiedervereinigung, CDU, was weiß ich nicht alles schreiben. Das, was die da politisch-programmatisch vertreten, ist doch total reaktionär. Das ist ein Nationalismus, der halt anders ist, als sie's gerne hätten, und sich nicht auf eine liberale Vorstellung von Rechtsstaat oder von Staatlichkeit aufbaut, sondern der ständig völkisch argumentiert. SPIEGEL, FOCUS, FAZ, STERN, all solche Sachen, die gehen halt politisch nicht, das ist halt genau dasselbe.

Ich kann's nachvollziehen, aber trotz alledem ...
Nicht nach unseren Bedingungen. Also, wenn wir irgendwann die Position hätten, sagen wir mal, wie Genscher, der irgendwelche Interviews nochmal gegenlesen darf und dann durchstreichen darf und revidieren darf, und man sichergehen kann, dass man da sechs Seiten Interview hat, ...

Bei O-Tönen hast du das doch, oder nicht?
Bitte?

Bei O-Tönen hast du doch die Möglichkeit, oder nicht?
Wie – bei O-Tönen?

Wenn da jetzt also drinsteht: Distelmeyer, Doppelpunkt, Anführungszeichen ...
Anderes Ding: Guck' dir TEMPO an und den Goldenen Zitronen-Artikel! Also, TEMPO, sag' ich mal, ist nicht so gefährlich wie SPIEGEL ...

Oh, TEMPO ist doof!
... aber TEMPO ist einfach uncool und ein Schweineblatt, ist einfach scheiße. Also, da kommt dann noch die ästhetische Komponente dazu, so wie sich Ästhetik uns ...

Gibt's einen Interviewtermin mit Blumfeld?
Nö, nö, nö, natürlich nicht. Mit PRINZ gibt's auch keins.

Weil sie nicht wollen, oder weil ihr nicht wollt?
Nö, weil wir nicht wollen. Die wollen ja alle! Das haben wir schon klar bei der »Ich-Maschine« gesagt, dass es das nicht gibt. Das haben die gewusst. Ich meine, man kann natürlich bei denen immer wieder absehen, wie die Reaktionen dann darauf laufen, also, mit welch hämischen Halbsätzen man da kommentiert wird, weil die halt genau wissen, dass es halt nicht läuft. Bei den GOLDIS war es halt so, dass René – den wir halt gut kennen, der kommt aus Hamburg, das ist ein okayer Typ –, der hat für TEMPO gearbeitet und der hat die Goldis direkt gefragt: Hey, ihr habt alle Freiheiten, ihr könnt auch TEMPO dissen und was weiß ich nicht und Erläuterungen dazu machen, Interview?; und die: Okay, wenn das und das und das die Bedingungen sind, ja. Da haben die ein Interview zusammen gemacht, er hat einen Artikel geschrieben, die Goldis sind das nochmal durchgegangen, haben das mit ihm abgesprochen, René fährt in Urlaub, er kommt zurück, da ist der Artikel von jemand anders überarbeitet und umgeschrieben worden und ist in der Zeitung drin, und die Goldenen Zitronen nehmen sich darin aus wie die Volltrottel. So die netten Punx von nebenan, die auch was gegen TEMPO sagen können, weil TEMPO is' ja sooo cool, daß sie auch Kritik an sich, und man versteht sich ja trotzdem und so. So läuft das!

Ja, aber kann's denn keine Gegendarstellung geben? Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Nein! Kann es jetzt höchstens über René geben. René ist aber bei der Zeitung raus. Der hat halt seinen Hut genommen, weil das nicht das erste Mal ist, daß da so etwas vorkommt. Das hast du bei SUBLINE genauso, bei VISIONS, solchen Sachen, über Anzeigenkram: (mit verstellter Stimme) Hey, wollt ihr nicht Stone Temple Pilots; naja, geht so; hey, wir machen auch 'ne große Anzeige; klar, kommt auf'n Titel!, so irgendwie.

(lacht) Stone Temple Pilots, jaja.
Ja, is' ja so!

Jaja. Woher willst du denn wissen, dass es bei uns nicht so ist? Vielleicht habe ich ja mit Carsten Stricker ausgemacht, dass ich nur ein Interview mit dir mache, wenn wir dafür eine drittel Seite Blumfeld-Anzeige bekommen.
Ja, das ist aber noch etwas anderes. Ich sage mal so: So, wie ich das Blatt kenne, finde ich's voll okay auf dem Level, auf dem das läuft, hab' ich den Eindruck, dass Leute da versuchen, über etwas zu schreiben, mit dem sie noch verbunden sind. Bei VISIONS läuft's doch so: Ja, wir finden die Platte ganz toll, wir finden die auch super. Ja gut, mag ja sein, dass ihr die Platte gut findet, aber wie läuft das denn ansonsten da ab, verstehst du? Das ist ja immer schwierig, eine Grenze zu ziehen vor dem Hintergrund, dass du da möglicherweise Leute kennst und auch weißt, dass die okay sind. René Martens zum Beispiel: Hätte der uns direkt angesprochen und nicht Alfred angehauen – Alfred hat sich ja auf unsere Abmache berufen, von wegen TEMPO auf keinen Fall –, dann wären wir auch in die Bredouille gekommen. Da hätte ich dann auch gedacht, ja, René find ich gut, ich weiß, der baut keine Scheiße. Also wie...?, weißt du, so! Und ich sag' mal so: Über die paar Male, die wir uns bis jetzt getroffen haben, und was es da für Auseinandersetzungen gegeben hat, kann ich doch zumindest eine grobe Einschätzung dessen machen, wie das bei euch läuft. Das ist echt okay.

Aber ... Ich habe echt versucht, mich stark dafür zu machen, dass wir die Blumfeld-Tour präsentieren dürfen, und darüber hatte ich halt mit Alfred gesprochen, und da gab es dann ein klares Nein! Ist das ein Schritt weiter, der gefährlich ist? Der blöd ist oder euch beengt, oder wie?
Nee, das war einfach zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns auch noch um eine Menge anderen Kram kümmern mussten, beispielsweise Proben für Lemgo und Köln und so'n Kram. Das wären Sachen, die hätte ich nicht gewollt, äh, hier gibt es die Möglichkeit, wollt ihr's machen? Ja oder nein? So, ...

Ja, so war's ja auch gar nicht. Ich konnte dich ja gar nicht anrufen. Ich habe mit Alfred gesprochen, habe mit Rough Trade gesprochen, habe mit Powerline gesprochen, und die haben alle gesagt, dass sie mit euch sprechen wollten, und dann habe ich nochmal mit Alfred gesprochen, und dann kam es von Alfred wohl so, dass er mit euch darüber gesprochen hätte und dass es wohl nicht machbar wäre.
Ja, also das, was ich eben gesagt habe, ist einer der Gründe, der andere Grund ist halt der, dass ich halt Blumfeld erstmal Blumfeld sein lassen will.

Ja, genau das wollte ich eigentlich nur hören!
Wenn die SPEX ankommt und sagt: Wir wollen die Tour präsentieren, ...

Ja, die haben immerhin die »Big Cat«-Night präsentiert, mit Levi's, ...
Ja, und MTV. Das waren noch andere Sachen, aber da sind wohl auch noch andere Geschichten gelaufen. Wir waren ja vorher darüber informiert, dass SPEX das halt machen sollte. Das war die Ausgangsposition, und dann war es halt so, daß VIVA ja die gesamte POPKOMM präsentierte, und MTV nachgefragt hat, ob sie den »Big Cat«-Abend machen könnten. Also so'n Konkurrenzding. Und weil »Big Cat« VIVA scheiße finden, haben die sofort gesagt: Ja, cool, sorgen wir da mal für ein bisschen trouble, und haben das dann halt so laufen lassen. (Distelmeyer muss ans Telefon, kommt aber wieder) Also, dieser ganze Tourkram ist halt jedenfalls erstmal Blumfeld.

Das hat für mich auch die höchste Akzeptanz, wenn du das so sagst. Völlig!
Es sind halt verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen (Pause) ... und mit dem Zwei-Seiten-Gestalten fühle ich mich halt extrem geschmeichelt, aber äh ...

Ja, das wollte ich immer schon mal von irgendjemandem haben, und ich hatte gedacht, dass ihr da vielleicht mitmachen würdet.
Ja, würde ich auch generell, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt halt keine Ahnung, was man da alles machen kann.

Genau das ist es ja. Genau das muss ja die Vorgabe sein, dass ihr alles machen könnt. Zwei Seiten auf eine ganz andere Art.
Ja, nee, ich hatte keine Ahnung, was ich da machen will.

Ach so! Aber das entwickelt sich doch aus ein paar Fragmenten heraus.
Wenn es aber darum geht, dass es da eine interessante Doppelseite von jemandem gibt, dann ließe sich das doch auch später machen, wenn es darum ginge.

Klar, kein Problem!
Zu dem Zeitpunkt war's für mich halt nicht überschaubar, wo ... ich kopfmäßig so bin.

Hier, diese »Big Cat«-Sache da: Ich habe ja keine Ahnung, was da hinter den Kulissen alles passiert ist. Das würde mich einfach mal interessieren. Wie ist es denn noch ausgeartet mit MTV? Gab es da Interviews?
Ja, es gab Interviews ...

 ... und Verhöhnepiepelungen, oder wie ging es dann da ab?
Nö, es war halt so – das fand ich auch ganz gut, weil es halt erstmal gegen VIVA ging –,daß die das präsentiert haben zusammen mit SPEX. Die wollten SPEX eigentlich noch rausgekickt haben.

MTV?
Ja! Und »Big Cat« haben gesagt: Nee, SPEX sind unsere ersten Ansprechpartner gewesen, entweder mit denen oder ohne euch, ganz einfach. Darauf hat sich MTV dann eingelassen, und dann gab's halt Interviews und so'n Kram und später auch noch eine Sendung bei 120 minutes, und das sah dann so aus: Eigentlich war mit »Big Cat« abgesprochen, 120 minutes exklusiv »Big Cat«-Abend, und MTV haben das für sich wiederum genutzt, indem die Videos der anderen Bands auf der POPKOMM mit drauf waren, als hätten sie quasi die gesamte POPKOMM präsentiert, verstehst du? Also so: Das ist jetzt unsere POPKOMM-Berichterstattung, wir haben alles, wir sind beim wichtigsten Abend dabei, hier die anderen Bands, verstehst du, so. Das war ein MTV-VIVA-interner Streit, also Konkurrenzkacke.

Aber ist MTV nicht genauso scheiße wie VIVA? Oder ist MTV das geringere Übel, weil sie eher scheiße waren als VIVA.
Nee, vor allem, weil sie nicht deutschnational argumentieren. VIVA hat – das ist natürlich auch 'ne Doppelmoral, darüber haben sie ihren Sendeplatz bekommen – VIVA sagt, vorrangig deutsche Künstler zu bringen, auch Underground und so'n Kram blablabla, also sie argumentieren auf der einen Seite mit so einer kulturellen Identitätskiste, die ich scheiße finde ...

Die sie aber nur benutzen, ...
... die sie erstmal nur benutzen, und es dann noch abgefuckter abläuft, denn bis du da ein Video in die heavy rotation reinkriegst – so heißt das – musst du schon auf die Schiene mit denen kommen, weißte?

Ja, ja, ja.
Und das finde ich erstmal vollkommen indiskutabel. Zweitens: Ästhetisch, so wie die moderieren, so wie die Sendungen aussehen und zusammengestellt sind, ist alles bis auf die Techno-Sendung der letzte Scheiß, ist einfach nur uncool und Kacke. MTV sind für mich ... Ich guck' mir das lieber an, obwohl ich's kacke finde, und die Leute, die da die Sendungen zusammenstellen, haben einfach noch ein bisschen mehr Ahnung von dem, was da überhaupt ist, und sie argumentieren halt nicht so vordergründig, dass sie eine spezielle Nationalität pushen wollen, ...

Obwohl ich finde, die MTV-Entwicklung mit irgendwelchen Ingo Schmolls und wie sie alle heißen, ...
... ist zum Kotzen, klar. Das war für uns nur partiell der Grund, weswgen wir bei diesem »Big Cat«-Abend mitgemacht haben, also, weil das unser Label ist, und weil das mit MTV an dem Abend für uns voll okay war, das so laufen zu lassen.

Gab's da keine Probleme mit dieser Levi's-Kiste? War Levi's noch als Sponsor dazugekommen?
Das weiß ich nicht, die standen ja nicht hinten an der Plakatwand, die waren ja nur ..., also hinter der Bühne war ja nur...

Gegenüberliegend!
Gegenüberliegend war das?

Ja, und dann wurden die Buchstaben während des Konzerts ausgetauscht, das war ziemlich klasse.
Ach so, das hab' ich nicht gesehen.

Evil und Evils und diverse Sachen. Die waren aber auch auf dem Plakat mit drauf und auf den Tickets auch, die waren überall mit drauf.
Hab' ich nicht gesehen!

Die Plakate wurden sogar in irgendwelche Levi's-Geschichten in den Läden, in Jeansshops integriert.
Echt?

Ja, ja klar! Das war ziemlich pervers. Deshalb habe ich auch gedacht, dass du irgendwie davon wüsstest. Egal!

Ich hab' halt nur diese MTV-Kiste mitgekriegt.

Gibt's von Blumfeld überhaupt ein Video-Clip?
Ja, wir haben für diese »Lost In Music«-Sache – was ziemlich kläglich ausgefallen ist als Sendungskonzept, finde ich – ein »Verstärker«-Video gemacht, was wir auch so, wenn es jetzt Anfragen gibt, benutzen wollen.

Was dann unter Umständen auch auf VIVA gesendet werden würde, oder wie?
Nö, erstmal nicht! Die wollten halt mit uns ein Interview machen – die haben da ja so eine Sondersendung gemacht – Mutter, Goldene Zitronen – und wollten uns dabei haben. Also, es läuft ja halt so: Die wollen eine Sendung machen, jetzt zum Beispiel Wah-Wah...

Ja, ist auch 'ne Lachnummer.
... und wollen das halt ein bisschen featuren. Und dann sagen sie: Wir zeigen auch euer Video, und wir haben halt gesagt: Ja, dann zeigt ihr das einmal, das ist dann halt wie Kunze oder Tempo oder so, dann habt ihr's halt gehabt, und dann ist das für euch gegessen, ohne daß es Konsequenzen hat. Wir haben halt so argumentiert – natürlich mit der Aussicht, dass sie das nie machen würden: Lass uns das doch so machen: Ihr zeigt erstmal das Video ein paar Wochen in der heavy rotation, bringt den da erstmal rein, dass der gezeigt wird, und dann können wir uns nochmal über ein Interview unterhalten. Weißt du, so.

Aber ist das nicht genauso inkonsequent? Natürlich war klar, dass sie das nicht machen würden, aber ...
Nö, erstmal gucken, inwieweit es ihnen wirklich ernst ist, ein Interview zu machen.

Aber wenn sie darauf eingegangen wären, wär's doch genau dasselbe in grün, im Endeffekt, wär's doch Spiegel und FAZ, also diese Interview-Geschichte ...
Seh' ich nicht so!

Warum nicht?
Seh' ich nicht so, weil es halt kein Interview ist, weil es keine Gesprächsform ist, mit der man da zusammen ... Wenn du da Beastie Boys siehst oder so'n Kram, Sabotage oder so was, dann siehst du Beastie Boys, ja? Dann ist der ganze Müll drumherum erstmal scheißegal!

Trotz alledem! Du bist dann Teil des VIVA-Programms!
Ja, stimmt, ... Hm, stimmt (klopft mit der Zigarette auf den Tisch).

Äh, weiß ich nicht (leise), das wundert mich einfach nur, wenn ich das auf eine Stufe stelle mit der Auswahl der Printmedien.
Ja, ich meine, dieser Printmedien-Sache messe ich erstmal mehr Bedeutung bei, weil man sich da in einer Gesprächssituation von jemand beim Wort nehmen lässt und den noch ernst nimmt, faktisch, weil man da sitzt, ja? Das ist 'ne Situation, die entsteht vor einem Hintergrund, und diese erwähnten Zeitschriften – Spiegel, ME-Sounds, Tempo – haben halt eine klare Ausrichtung davon, was sie damit bezwecken wollen; die haben ja auch, sagen wir mal, 'nen ideologischen Überbau, mit dem sie da letztendlich arbeiten. Von daher ist der Grad, wie gefährlich ich das finde, ... läuft das für mich anders, als wenn man da ein Video bei VIVA laufen hat. Aber du hast natürlich recht, ...

Ja, aber dem Video wäre ja das Interview gefolgt , und äh ...
Stimmt, du hast recht! Ja, dann haben wir halt Glück gehabt. Wir haben's nicht gemacht und wir machen's nicht. Also, ich meine, wir haben uns das sowieso mit allen total verscherzt, weil eigentlich schon während der POPKOMM ...

(fällt Distelmeyer ins Wort) Tut sich überhaupt schon was in England?
Äh, nee, die Platte wird ja erst Anfang nächsten Jahres dort veröffentlicht.

Ach so, ich dachte, das wäre jetzt parallel.
Nee, nee! Soweit ich informiert bin, wird die Platte international erst Anfang Dezember veröffentlicht.

Weltweit?
(ist noch ganz woanders) Hast aber recht mit den Teilen.

Jaja, ich werde das außen vorlassen, weil ...
Nee, das musst du ja nicht außen vorlassen ...

Doch, ich ...
.. das sind ja genau die Sachen, also die heften uns ja nicht irgendwie an die Marke, daß wir da 100%ig p.c. sagen, aber genau das sind ja die Fragen, um die es in der Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung gibt.

Ja, klar!
Mit den Goldis können wir darüber reden, mit Kirk können wir darüber reden und noch ein paar anderen Leuten, aber bei Leuten, die halt 'ne Zeitung machen – Intro weiß ich jetzt nicht –, gibt es keine Erfahrung, mit Leuten so darüber zu reden, sag ich mal, also mit Musikern. Also die ganze politische Dimension, von der wir ja sagen, dass es die hat, muß sich ja irgendwo beweisen und beweist sich ja darin, wo man halt Grenzen setzt und wo nicht. Ja, und ich sage nicht, dass wird da hardliner 100%ig okay liegen.

Ja, und genau das war's ja vorher. Du hast irgendwo 'ne konsequente Herangehensweise aufgeführt, dass du gesagt hast, ...
Das ist keine harte Linie, sondern am konkreten Fall entscheidet.

Aber mit Konsequenzen halt.
Ja, natürlich!

Ja klar. Und aus der Konsequenz heraus entsteht doch die Linie.
Ja, die entsteht daraus, aber die wird nicht festgelegt, dass heißt ja nicht ... beispielsweise ...

Beispielsweise ein Spiegel-Redakteur würde mit dir sprechen – du wüsstest nicht, dass er vom Spiegel wäre – und er würde dich zum Interview bringen!

Nö, das weiß ich ja! Das ist ja bei der Interview-Tour genauso gelaufen! Es gibt 'ne Liste, die kriege ich vorgelegt, die diskutieren wir dann mit der Band, der und der und die und die hätten Interesse, da werden halt Privatleute aufgeführt, freie Mitarbeiter und Zeitungen, und dann sagt man halt: Die nicht, die nicht, die nicht, die nicht - Zeitungen - und dann guckt man: Ja, das auch, aber der, der für die Süddeutsche Zeitung was macht, der schreibt auch für'n ME-Sounds, so, und dann wird halt mit dem gesprochen und wird gesagt: So, pass mal auf, wir würden gerne mit dir mit der Süddeutschen was machen, das wäre noch im Rahmen dessen, was uns möglich erscheint, aber wir würden dich bitten wollen, das nicht für ME-Sounds zu machen. Ist das in dem Bereich für dich möglich, ja oder nein, und wenn der sagt: Weiß ich nicht, das ist ja wohl meine Sache, die bleibt mir ja wohl vorbehalten, dann muss man sagen: Okay, dann können wir so aber nicht ...

Es gibt dann aber keine Interviews mit irgendwelchen Freien, die dann nicht vorgeben, für wen sie im Endeffekt die Story liefern?
Die müssen nicht sagen, dass sie das nur für das und das Blatt machen, aber wenn klar ist, dass die das für Zeitungen machen, beispielsweise Playboy oder so'n Kram oder Playgirl oder keine Ahnung was, und es ist klar, dass sie es dafür verticken wollen, dann sagen wir eben, du gehst zwar für uns okay als Typ, aber wir können das halt so nicht machen.

Im Nachhinein wirst du dich dann wahrscheinlich trotzdem noch wundern können, wo denn nun überall diese Story erschienen ist, oder meinst du, dass du das ausschließen kannst?
Nee, also wir haben halt versucht, das so klar wie möglich einzugrenzen, wobei ..., diese Eingrenzung, das ist halt keine Kante so wie die - Zack! (haut auf die Tischkante) -, die ist ja auch in Bewegung, weil ich da auch sage: Gut, der Typ ist so einfach okay, mit dem will ich mich einfach unterhalten, das interessiert mich einfach menschlich, oder weil der mir irgendwas über die Platte sagen kann, was mich halt interessiert, oder weil ich wissen will, wie der was darüber schreibt, ist klar, das gibt's natürlich auch, aber das gibt es halt in ganz konkreten, bestimmten Sachen aus ganz bestimmten, konkreten Gründen.

Ja, klar. Ähm, lass uns mal über die England-Tour reden, weil ich das total faszinierend fand. Ich hab' ja nur einen einzigen Set gesehen, und das war der in Manchester. Das ging damit los, dass du die Stücke angesagt hast mit (lacht) verkrampftem Witz, in katastrophalem Englisch (lacht wieder) und klasse Übersetzungen (muss immer noch lachen) und all so Sachen. War das echt so, dass du super unter Strom gestanden hast auf der Bühne, und das kam dann einfach so, diese Ansagen, oder wie funktionierte das? Manchester war wahrscheinlich auch superkrass, weil ihr da gekommen seid, und ihr wusstet noch nicht mal - ich hab' vor Augen, wie die erste Band spielte -, und du wusstest nicht, dass noch 'ne Band vor euch spielt, und du kamst irgendwie vor die Bühne und gucktest völlig entgeistert da hoch.
Nee, ich fand die Band einfach gut - Pram haben da gespielt.

Ja ja, die sind klasse.
Die sind spitze.

Die sind ziemlich klasse!
Die fand ich einfach gut, also ich ...

Ich hatte den Eindruck, du oder Eike sagte mir, dass ihr gar nicht gewusst hättet, dass da noch 'ne Band spielt.
Nee, mir war das klar!

Ja, nee, dann war das ein Denkfehler.
Nee, ich fand die einfach gut und hab' mir die ein bisschen angeguckt, weil die bis dahin in Deutschland noch nicht gespielt hatten, jedenfalls nicht da, wo ich sie hätte sehen können. Ich hatte sie halt schon auf Platte gehört, und mich hat das ziemlich interessiert, und live fand ich es dann ausgezeichnet.


Aber das war doch wohl ein ziemliches Fiasko, die Sache mit Manchester. Da habt ihr doch hinterher (lacht) noch in diesem Treppenhaus stimmen müssen, das war einfach ein ziemliches Chaos und auch auf der Bühne war's dann ziemlich witzig.
Ja, och nee, ich fand das einfach ... Na gut, das war halt der Backstage-Bereich, wo wir unsere Sachen so klarkriegen wollten, und dann sind wir halt auf die Bühne. Aber ein Fiasko ...? Ich war halt froh, dass wir da angekommen waren, nachdem wir die Fähre verpasst hatten, und dass es dann so abging. Was mich halt erstaunt hat, war, dass die Leute das schon ziemlich gut fanden.

Zugehört haben vor allen Dingen.
Ja, und dass es zeigt, dass es nicht primär über die Texte geht beim Hören, wie es in Deutschland, denke ich, oft läuft, sondern dass es halt anwendbar ist.

Das hängt aber auch mit Deutschlands Popkultur zusammen und dem Verständnis, überhaupt damit umzugehen, wenn man auf MTV die Berieselung bekommt, die einen nur über die musische Begabung mitwippen läßt und nicht auf die Texte fokussiert. Bei euch wird man zwangsläufig dahin geführt - mir ging es zumindest eigentlich immer so.
Ja klar, das finde ich richtig. Das ist ja das, was ich meine, das ist halt Musik.

Ja.
Und ich fand das einfach cool, als ich gemerkt habe, daß das möglich ist. Erst hab' ich ja gedacht, ja gut, wir spielen da halt irgendwie, und die wollen halt PAVEMENT gucken, wir sind halt Krauts, möglicherweise finden die das alles andere als gut.

Gibt's in England schon Presse über euch?
Weiß ich gar nicht, keine Ahnung.

Bestimmt gibt's doch Interviews, wenn die Platte jetzt kommt.
Ja, verschiedene Sachen sind da geplant.

Und da verlässt du dich dann auf »Big Cat«, oder wie? Weil, da können ja auch indiskutable Sachen ...
Nee, in England und Amerika kenne ich ja ziemlich viel von dem, was da so rauskommt. Bei Frankreich bin ich ein bisschen unsicher, aber ... Nee, da gibt's halt Absprachen - Sachen, wo wir gesagt haben, ... - Die verstehen halt unsere Bandpolitik. Und in dem Rahmen, in dem es möglich ist, die Sache zu promoten, können wir auf die vertrauen.
 

Nochmal eine ganz pauschale Frage: Wie kam der Pavement-Kontakt zustande? Über Pavement kamt ihr dann zu »Big Cat« oder umgekehrt?
Nee, also Ebbo hatte uns schon mal in Berlin gesehen, als wir in der Volksbühne mit Cpt. Kirk und Mutter gespielt haben.

War das eine Politveranstaltung?
Nee, das war eigentlich nur so ein What's so funny about-Abend in der Volksbühne.

Da gab's doch auch noch diese ostdeutsche Tour? Wart ihr da nicht auch dabei?
Ja genau. Jedenfalls, auf der Volksbühne hatte Ebbo das schon gesehen und fand es klasse, fand wohl auch alle Bands ziemlich geil. Dann hatte Christoph Gurk mit Pavement ein Interview gemacht und dann so ein Blind Date, wo er ihnen deutsche Bands vorgespielt hat, Mutter undsoweiterundsofort, und da haben die halt auch unseren Kram gehört und gesagt, das würde ihnen wohl super gefallen, und ob man uns nicht fragen könnte, ob wir mit denen zusammen ein paar Gigs in England spielen wollen. So kam der Kontakt für die Livegigs zustande, und in Manchester waren Leute von »Big Cat« und fanden das super und haben gesagt: Hey, wenn ihr Bock habt, dann sollten wir mal über Platte-Machen reden.

Glaubst du nicht, dass dieser Trend für deutsche Sprache vor allem in England eine Rolle spielt?
Ich bin mir nicht sicher, ob's da einen gibt.

Gerade auf allen Pavement-Platten findet man diese deutschen Wortfetzen und -hülsen; im NME und MELODY MAKER ist es irgendwie schon üblich geworden, mit deutscher Sprache in irgendwelchen underlines zu arbeiten.
 Ach so, echt?

Ohne Ende! Das hat dann irgendwie was Reizvolles, Andersartiges vielleicht, auch für die Engländer. Ich habe an dem Abend auch mit einigen Engländern gesprochen, und mit denen war das auch so, ganz und gar. Es gab ja auch dieses T-Shirt von Pavement ...
Ah ja, das find ich so toll!

Ja, das ist klasse! Was stand nochmal drauf? Ah, egal! Ich könnte mir aber vorstellen, dass das für die Engländer eine Rolle spielt.
Das ... Es ist halt so weirdo-mäßig ...

Ja, klar. Aber könnte da nicht schon wieder eine Gefahr liegen, dass die Leute nur aufgrund der Tatsache, dass es deutsch ist, den Weg zu eurer Platte oder euren Konzerten finden?
Hoffe ich nicht. Kann ich natürlich nicht sagen, aber äh ... Ich habe mir nochmal einige englische Platten angehört, was ich so einigermaßen aus den Augen verloren hatte – bis auf Daisy Chainsaw, die ich ultragenial finde, also die frühen, die neue ist ja totaler bullshit –, und die Sachen sind einfach schlecht, also Pulp oder Blur.

Blur? Also, Blur ist doch klasse!
Find' ich nicht so genial. Find ich ganz gut, aber ...

Blur ist genialer Pop ...
Find' ich nicht so super. Ich finde das schon gut, aber nicht so, dass es mich von den Kompositionen her umhaut. Wie gesagt, ich habe das halt relativ aus den Augen verloren (Pause). ... Ich finde, dass die Musik bei uns besser klingt, dass die Songs besser sind.

Aber die Komponente Text geht doch für einen Engländer völlig verloren. Klar ist das spannend, ist eine andere Art und gewinnt vielleicht auch eine andere Dynamik, wahrscheinlich auch für euch beim Konzert. Aber ein Engländer wird sich dann doch nicht mit 'nem dictionary hinsetzen und sich mit den Texten befassen.
Nee, wahrscheinlich nicht. Ich habe keine Ahnung, was die da so machen, also ... Wir spielen da als Support halt ein paar Gigs.

Nächstes Jahr, oder wie?
Nächstes Jahr geht's halt mit.

Mit wem?
Äh, Pavement, Shudder To Think - je nachdem. Das ist noch nicht ganz raus. Wir sind aber erstmal Support, wenn wir spielen ... Wir sind ja gar nicht darauf aus, da ... Es ist halt irgendwie was anderes.

Trotzdem: Es beschränkt doch irgendwie den Ausdruck der Musik oder dessen, was ihr macht - eines jeden Songs doch auch!
Wieso Beschränkung? Ich sage ja nicht, dass das, was da textlich abläuft, auch musikalisch vermittelt wird.

Finde ich schon.
Stellenweise – auf eine andere Art und Weise.

Ja, sicherlich.
Das ist auch der Eindruck, den ich dort live hatte, also dass die Leute das schon irgendwie verstanden haben.

Ja, aber die Texte bringen doch eine zusätzliche Dimensionalität mit.
Ja, sicher!

Die Musik verkörpert von mir aus die Texte, aber die Texte bringen einen doch noch ein Grad weiter.
Ja klar!

Und das geht doch flöten, deshalb meine ich Beschränkung.
Also okay (steht auf und geht zur Theke) ... Aber was ist denn daran schlimm, wenn da etwas verlorengeht? Also, ich meine, wir sollten das abkürzen: Wie das genau laufen wird, kann ich noch gar nicht absehen. Fakt ist, dass es halt linernotes zu jedem Stück geben wird, wo drinsteht, worum es in dem Stück geht, und dann wollen wir versuchen, zwei oder drei exemplarisch zu übersetzen.

Oh, das ist wichtig. Aber das wusste ich ja nicht. Das finde ich total wichtig.

Ja, das finde ich auch. Vor allem ist es irre schwierig auf diese kurze Zeitspanne.

Wer wird das machen?
Sag' ich nicht! Darf ich nicht sagen, weiß ich nicht! Kriegt man dann ja mit.

Und was war euer Highlight in 25 Jahren Popkultur? Sagt's uns im Jahrespoll und gewinnt tolle Preise!


Hier findet ihr alle Artikel zu »25 Jahre Intro«.

Blumfeld

L'etat et moi

Release: 21.04.2006

℗ 2006 Blumfeld Tonträger GbR