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Eine erwachsene Band

Blumfeld

Alles kommt rein: Mit “Verbotene Früchte” veröffentlichen Blumfeld ein Album, das auf sehr gelassene Weise die unterschiedlichen musikalischen Ansätze der Band in sich zusammenfasst. Es ist ein reifes Werk, kein Alterswerk. Denn Blumfeld gehen bisweilen mit einer Unbeschwe
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Alles kommt rein: Mit “Verbotene Früchte” veröffentlichen Blumfeld ein Album, das auf sehr gelassene Weise die unterschiedlichen musikalischen Ansätze der Band in sich zusammenfasst. Es ist ein reifes Werk, kein Alterswerk. Denn Blumfeld gehen bisweilen mit einer Unbeschwertheit ans Werk, wie sie sich am ehesten ungestüme Newcomer erlauben. Wie sie wurden, was sie sind: Intro traf Sänger, Gitarrist und Songwriter Jochen Distelmeyer zum Interview und kam mit Freunden beim Bier (Stichwort: unbeschwert) auf die Lösung, dass auch der Apfelbauer ein historisches Subjekt ist.

Er ist der Apfelmann / Er ist der Apfelmann, Baby / Hier kommt der Apfelmann” (“Der Apfelmann”)

“Verbotene Früchte” ist ein erwachsenes Album. Das ist eine so einfache Aussage: Es ist das sechste Blumfeld-Album seit 1990, Jochen Distelmeyer feiert nächstes Jahr seinen vierzigsten Geburtstag. Wenn die Band nicht seit mindestens zehn Jahren erwachsen ist, um Himmels willen, was sollte sie dann sein?

Die nahe liegendste Vorstellung von Erwachsen-Sein ist sehr linear: Man ist jung, man wird älter, man ist gereift, hat sich angepasst und resigniert. Und ist aber auch gelassener und souveräner, weniger zwanghaft – wir müssen uns nichts mehr beweisen. So ist das, wenn man erwachsen ist.

Wer bei Blumfeld diese Linearität beschreiben will, der wird “Old Nobody” nennen, ihr drittes Album, vor sieben Jahren erschienen, nachdem sie über vier Jahre keinen Tonträger abgeliefert hatten, für das Popbusiness eine Ewigkeit. “Old Nobody” klang nicht wie die frühen Alben und markierte den Bruch, dass Blumfeld nie mehr wie früher klingen würden. Die Songs waren nun keine Tracks mehr – durch noisigen Gitarrenrock monochrom gestrichene Flächen, auf die die Texte regelrecht draufgenietet wurden –, sondern Lieder in einem einfachen, hellen Popverständnis. Seit “Old Nobody” müssen Blumfeld nichts mehr beweisen – aber nach wie vor viel erklären. Das ist ja auch etwas anderes, muss nichts zu tun haben mit dem Druck, sich profilieren, abgrenzen und selbst behaupten zu wollen.

Nun denn: “Verbotene Früchte” ist ein erwachsenes Album. Eine Aussage so sinnvoll wie: Neil Young arbeitet an seinem Spätwerk, die Arctic Monkeys sind eine junge Band, Pink Floyd haben bedeutende Alben eingespielt. Na klar. Natürlich. Sicher. Sonst noch was? Präzisieren wir: “Verbotene Früchte” ist erwachsen in einem emphatischen Sinn, es wertet die früheren Alben nicht als juvenil, als Vorstufen zu dem großen Meisterwerk, als Musik des bloßen Übergangs ab. Es ist, als ob Jochen Distelmeyer und seine Mitstreiter – allen voran Schlagzeuger Andre Rattay, denn der ist seit Anfang an dabei, während Bassist Lars Precht und Pianist Vredeber Albrecht frisch dazugestoßen sind (aber wunderbar mit den Bandgründern harmonieren) – ihre Musik in einer großen Bewegung umfassen und restrukturieren. Das Album ist keine Weiterentwicklung, kein Neuanfang, auch keine Wiederholung. Es ist eine Verdichtung von Kontinuität. Alle dreizehn Songs beziehen sich auf die Gegenwart, da gibt es keinen Moment der Nostalgie, und trotzdem ist die ganze (Song-) Geschichte der Band anwesend.

Die Lieder sind neu, der Sound ist neu, wie Distelmeyer Gitarre spielt und singt und schnalzt (“I wanna Boogie with you”, Tatsache!), ist neu, und gleichzeitig ist alles bekannt oder besser: wohlvertraut. Eine große Ruhe zieht sich durch die Stücke. Das Album ist dominiert von akustischen Gitarren, da gibt es nur wenig Verzerrtes, das Schlagzeug donnert nicht, ist umsichtig in einen weichen, nie schwammigen Mix integriert. Selbst ein Song wie “Strobohobo”, der von seiner Struktur her perfekt auf das aggressive Album “L’Etat Et Moi” gepasst hätte, wird an verschiedenen Stellen abgefedert. Hier ertönt er – der Boogie-Wunsch. Auf “L’Etat Et Moi” wäre das undenkbar gewesen. Erwachsen-Sein ist auf Blumfelds neuem Album kein Zustand, der auf Überwundenes verweist, sondern ein Prozess, der den Zugriff auf alle Momente der Bandgeschichte und darüber hinausgreifend auf verschiedene Stile, Geschmäcker und Epochen der Popgeschichte realisiert.

Der liebe Gott am Telefon / Ich frag, was wollen Sie denn / Mit Quasimodos Klingelton / Oh Lord, gib endlich Frieden / Er sagt, er bräucht’ noch dies und das für irgend so ’ne Promo / Ich schreib den Song auf Ohropax / Mein Ecce Homo” (“Strobohobo”)

Unmittelbar vor dem Interview mit Jochen Distelmeyer fällt das Aufnahmegerät aus. Distelmeyer redet, und der Interviewer schreibt mit, so gut es geht. Er formuliert die Notizen direkt nach dem Gespräch aus, O-Töne werden daraus nicht. Auch wenn jetzt Jochen Distelmeyer spricht – es ist vielmehr ein Bericht über ein Interview als ein authentisches Gespräch.

Mein Ausgangspunkt ist die Musikalität. Ich bin kein Dichter, kein Schriftsteller. Ich bin der Songwriter einer Band. Es ist nicht so, dass ich immer eine Melodie im Kopf habe, wenn ich eine Zeile geschrieben habe, oder umgekehrt, ob mir zu einer Melodie auch die passende Zeile einfällt. Ich kann das häufig gar nicht trennen. Was war zuerst da? Womit fange ich an? Schwierig. Ich bin ja schon mittendrin, ich stecke in diesem Prozess, wieso muss ich da einen Anfang oder ein Ende bestimmen?

Wenn wir ins Studio gehen, dann präsentiere ich die behauptete Gültigkeit eines Songs. Text, Melodie, Rhythmus, habe ich alles geschrieben. Aber wenn die anderen den Song spielen, wird er auch zu ihrem, ich muss mich auf die anderen einlassen. Manchmal gibt es von mir nur so Brian-Eno-mäßige Ansagen: Stellt euch einen Fluss vor, wie er fließt, ins Meer mündet. Damit arbeiten wir dann weiter.

Distelmeyer bezieht sich auf den Song “Der Fluß”, eine Variation über die Weisheit, dass man nicht zweimal in den selben Fluss springen kann, weil die ständige Bewegung, das Fließen, jeden Begriff von Identität zunichte macht. Die Identität des Flusses ist seine Nicht-Identität – ein offener, unabgeschlossener, unabschließbarer Zustand. Natürlich ist diese alte Philosophie längst verkitscht, jeder Trottel, der Geist beweisen will, trägt das “Panta Rei”, “Alles fließt”, vor sich her. Blumfelds “Fluß” ist gebettet in einen 6/8-Takt, eine stetige, rasche Bewegung, sachte vorgeführt. Sehr zurückgenommen spielt die Band, und erst ganz am Schluss erlaubt sich Distelmeyer Pathos. Das ist inszeniert und wirkt doch spontan, es ist die Emotionalität der kühlen Arbeit und ...

Bitte jetzt nicht den Fehler vieler Kollegen machen! Hier der Bauchrocker, da der Kopfmusiker. Ich sehe da keinen Unterschied. Das ist doch eine künstliche Unterscheidung, die der Kategorisierung eines Musikers Vorschub leistet.

Es geht mir auch nicht so sehr um den Unterschied als um die Vermittlung.

Das finde ich noch zu statisch. Es ist ja immer alles gleichzeitig da, die Intuition, der emotionale Eindruck, die intellektuelle Umsetzung – ich weiß nicht, was man da vermitteln muss. Diese Elemente durchdringen sich, ich möchte das nicht trennen und hinterher wieder zusammenfügen, ich kann das auch gar nicht. Ich bin nicht an irgendeinem Stil interessiert, will kein Stilist sein. Stil entzieht sich der Kontrolle, erst hinterher ergibt sich aus dem Geschriebenen oder Gespielten ein Stil. Wenn ich auf einen Stil hinschreiben würde, könnte ich nicht so schreiben, wie ich es jetzt mache. Es würde verloren gehen, blockiert werden.

Es sind Songs. Das darf man nicht vergessen. Sie stehen in einer Kontinuität, die sich über 16 Jahre erstreckt. In erster Linie geht es immer noch darum zu rocken, unsere Musik ist im weitesten Sinne Rock’n’Roll. Ich muss das nicht verklären oder überhöhen, es geht mir um eine Direktheit: Die Komposition muss auf die Musik verweisen, nicht auf ein handwerkliches Geschick oder auf eine intellektuelle Didaktik oder auf irgendeine Strategie. Wenn überhaupt etwas davon anwesend ist, dann ist das immanent, es steckt in meiner Person, in meiner Arbeitsweise, in der Band, in den Persönlichkeiten der anderen Musiker. Aber es gibt keinen Vorsatz – so, jetzt erklären wir denen da draußen mal die Welt.

Es gibt, sagen wir – verstörende Momente. “Der Apfelmann”, der zweite Song auf dem Album, einem sehr klassisch präsentierten, anmutigen Opener folgend, ist ein Kinderlied. Ein Loblied auf die Mühen des Apfelbauern, ein Schunkel-Rock, eine Erklärung für die Kleinen, warum die Eltern vom Biomarkt diese verschrumpelten Dinger mitbringen und nicht die strahlend grünen aus dem Discounter. “Versuchen” reimt sich auf “Apfelkuchen”. Man kann diesen Song nicht schlecht finden. Schlecht wäre, wenn die Botschaft hieße: Distelmeyer darf alles. Es geht aber wirklich nur um den Apfelmann.

Ich sehe den Popsong in einer Liedtradition, die sehr weit zurückreicht, da spielt die Volkskultur eine Rolle und die Geschichte des Kunstliedes. Ich will diese historischen Liedtraditionen nicht kopieren oder zitieren. Aber sie sind ja da, man kann sie nicht ignorieren. In den letzten fünfzig Jahren hat der Popsong eine eigene Tradition ausgebildet, eine Tradition in der Tradition, es gibt Volkstümliches, Folklorehaftes und andererseits so etwas wie Kunstlieder. Nimm HipHop, das ist längst eine globale Jugendkultur. Es ist ein Stil, der aber überall anders klingt. Vor vierzig Jahren hatte Rock diese Rolle inne. Damit setzen wir uns natürlich auseinander. Nicht im Sinne von: Lasst uns klingen wie ... Sondern: Es gibt verschiedene Formen, z. B. diese Unbeschwertheit, wie sie den “Apfelmann”-Song prägt. Und diese Formen kann man verwenden, man kann mit ihnen spielen, diese Traditionen in die eigene Bandgeschichte einspeisen.

“Apfelmann” ist unser Ringo-Song. Normalerweise versteckt man solche Lieder auf der dritten oder vierten Seite eines Doppelalbums. Wir wollten das Lied so stark wie möglich machen.

Ein paar Tage später beim Bier. Ein Freund steigert sich in eine Apfelmann-Exegese rein: Wie heißt das Album? – “Verbotene Früchte”. Woran erinnert das? – An das Paradies, an Adam und Eva, Eva reicht Adam den Apfel vom Baum der Erkenntnis, die verbotene Frucht! Und Blumfeld singen vom Apfelmann: “... hat keine Zeit sich auszuruhen / Er sieht die Bäume warten / Und weiß, es gibt noch viel zu tun / Bevor die ersten Knospen sprießen / Umsorgt er bitte Busch und Strauß / Und wenn sie in die Höhe schießen / Kümmert er sich darum auch.” Jetzt achte doch mal auf die sexuelle Metaphorik “Knospen sprießen”, “in die Höhe schießen” ... Dann ist das auch noch so ein alter Rock’n’Roll-Feger! Rock’n’Roll! Der Hüftschwung von Elvis! Die Ekstase! Die Entgrenzung! Die sexuelle Befreiung! Okay, “Der Apfelmann” ist ein Stück über die Möglichkeit und Notwendigkeit von Emanzipation unter den Bedingungen von Vernunft und Arbeitsteilung. Wir sind aus dem Paradies vertrieben und müssen uns durch harte Arbeit (“hat keine Zeit sich auszuruhen”) die Welt aneignen – was nur dann nicht in Not und Elend endet, wenn wir die Sinnlichkeit, die Lust, die einfache, unbefangene Freude (wieder) zulassen. Wann hast du das letzte Mal einen leckeren Apfelkuchen gegessen?

Na bitte, geht doch.

Politik kommt auf dem Album in Form von Angenervt-Sein vor. Politik, die Regelung sozialer Verhältnisse, ist hier kein Ort der Auseinandersetzung, das lohnt nicht mehr: “Immer dieselbe alte Litanei / Ich trag mein Kreuz / Und schrei meinen Schrei”, heißt es auf der Single-Auskoppelung “Tics”, dem, wenn man so will, explizitesten Song. Auch auf “Strobohobo” artikuliert sich ein Subjekt in Abwehrhaltung. Das muss man nicht als Eskapismus verstehen. Denn die Zumutungen des herrschenden Politikbetriebes sind alldurchdringend: Die in den Songs bekundete Distanz ist immer prekär, deshalb das Angenervt-Sein. Der Rückzug in die splendid isolation des Ästhetizismus ist verbaut. Die überwiegende Mehrheit der anderen Songs vertritt dagegen einen offenen und direkten Weltbezug: Wir leben in der besten aller möglichen Welten, weil diese Welt, so schlecht eingerichtet sie ist, auch die Mittel zur Überwindung der Missstände hervorbringt.

Das Angenervt-Sein, diese kognitive Dissonanz, ist auf “Verbotene Früchte” nur ein Sound und insofern Ausdruck der Erwachsenheit. Schlechte Laune – auch darauf greift die Band souverän zurück: “Sein Weg war mal leicht / Mal schwer / Und Wellen tanzten über das Meer” (“Der Sich Dachte”). Es ist ein Album, das den Hörern eine Atempause verschafft. Schaut her, hört zu, wie sich die Songs entwickeln, wie wir sie spielen, macht euch einen Reim auf unseren Reim. “Ich Flieg Mit Raben” könnte eine Melodie von Crosby Stills Nash & Young sein. “Schmetterlings Gang” würde gut zu der freundlich-akustischen Seite von Krautrock passen, ein monotones Schrammeln mit einer Sitar als Leadinstrument. “Der Sich Dachte” ist eine vertonte Lebensgeschichte in Reinhard-Mey-Manier (wobei man sich Mey als Schüler Dylans imaginieren muss, nicht als der Schleimscheißer, der er ist und immer war).

Man kann das alles so hören, man muss es nicht, man muss sich noch nicht mal angesprochen fühlen. So lakonisch ist die Grundstimmung, eine heitere Nüchternheit. Das heißt für ein sorgsam durchgearbeitetes Album – im Prinzip ist es ein Konzeptalbum! – ziemlich viel. Das musikalisch Geschlossene geht nicht ins Hermetische. Man wird als Hörer nicht Teil einer Community, man bleibt alleine zurück – ohne Melancholie. Es gibt nichts Besseres, denn das ist das Leben, hat mal, glaube ich, Max Müller von der Berliner Band Mutter geschrieen.

Toc Toc Toc / Ich wohn im Off / Und schick aus meinem Stromfeld / Mein SOS per Flaschenpost / Durch die gesimste Show-Welt” (“Strobohobo”)

Es gibt nur diese Welt / Wir sind auf uns gestellt / Jeder auf seine Art / Hier in der Gegenwart” (“Atem Und Fleisch”)