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Verbotene Früchte

Blumfeld

Seit “Old Nobody” arbeiten Blumfeld mit jeder neuen Platte an der eigenen Entmystifizierung und treiben die Rätselei gerade dadurch weiter voran: Warum die immer neuen Perspektiv- und Stilwechsel, aus denen Jochen Distelmeyer seine Songs erzählt? “Verbotene Früchte&r
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Seit “Old Nobody” arbeiten Blumfeld mit jeder neuen Platte an der eigenen Entmystifizierung und treiben die Rätselei gerade dadurch weiter voran: Warum die immer neuen Perspektiv- und Stilwechsel, aus denen Jochen Distelmeyer seine Songs erzählt? “Verbotene Früchte” ist wieder Überraschung, Weiterentwicklung und Neuerfindung des Vertrauten. Was sich in der zweiten Hälfte des Vorgängers “Jenseits Von Jedem” in Songs wie “Der Sturm”, “Neuer Morgen” und “Die Welt Ist Schön” schon andeutete, die Entdeckung der Natur als Rückzugsort und therapeutischer Spiegel, setzt sich hier fort und macht “Verbotene Früchte” zu einer leichten und sommerlichen Quasi-Beatles-Platte, der freiesten und opulentesten, die Blumfeld je aufgenommen haben. Nach dem Ausstieg von Michael Mühlhaus hat die Band mit den beiden neuen Mitgliedern Lars Precht und Vredeber Albrecht erstmals ohne ihren Stammproduzenten Chris von Rautenkranz komplett selbst produziert. Wie auf jeder Blumfeld-Platte markiert der Opener, hier “Schnee”, den Blick nach draußen und den Schritt in die Welt, die eingeschneit und voller Spuren ist, die betreten und reimend gedeutet werden muss und kurz vor Frühlingsbeginn steht. Dieser bricht dann in “Der Apfelmann”, einer hymnischen Verehrung eines Obsthändlers, gut gelaunt los – inklusive “Twist And Shout”-Höhepunkt und Aufzählung obskurer Apfelsorten zum Mitklatschen. Hier treibt Distelmeyer seine Ringo-Späße mit den Erwartungen. Die Präzisierung verschiedener Blumfeld-Qualitäten, die bereits auf den vergangenen Alben angelegt war, ist neben den Flora&Fauna-Texten wahrscheinlich die Hauptsensation von “Verbotene Früchte”: Der rastlose “Strobohobo”, schon im Titel eine Anspielung auf “Eines Tages”, reitet auf dem Stammvokal “O” über die Wortspielranch (“Mit Hokus Pokus, Rock’n’Roll, Word up! Nomen est Omen!”), führt den Drive von “Eine Eigene Geschichte” mit dem Referenzdropping von “Jenseits Von Jedem” und “L’Etat Et Moi” zusammen, telefoniert mit Gott, ordnet die Welt neu und spuckt dem Tod ins Gesicht. “Schnee” und “April”, zwei Lieder über die Welt, die sich mit drolligen Tieren und wechselhaftem Frühlingswetter (“Igel tapsen, Füchse tollen / Hier und da ein Donnergrollen”) bemerkbar macht, dürften die schönsten Pop-Träumereien seit “Ein Lied Von Zwei Menschen” und “Wellen Der Liebe” sein, und “Atem Und Fleisch” ist nicht weniger als “Wir Sind Frei, Teil Zwei”, dreimal so packend und mit Musical-Break. Musical-Break? Ja, Experimente und Ausflüge nach White-Album- und Pepperland finden sich zuhauf: Wie die Beatles mit “Within You Without You” platzieren Blumfeld in die Mitte des Albums ein verspieltes Sitar&Tabla-Stück, in dem ein Schmetterling an Äsop-Fabeln vorbeifliegt. “Der Sich Dachte”, eine “So Lebe Ich”-Klavierballade in der dritten Person, erzählt die eigene Geschichte zwischen Liebe, Arbeit, Politisierung und neuer Liebe mit Pfeifsolo. Aber was bedeutet es, dass in der Hälfte der Lieder Apfelsorten aufgezählt werden, Vögeln oder Wellen hinterhergeblickt und in “Tiere Um Uns” den Tieren ein Freund zur Seite gewünscht wird? Und das alles entlang musikalischer und textlicher Beatles-Anspielungen von “Hey Jude” bis Indien, wie sie sich bereits auf der “Wir Sind Frei”-B-Seite “Psycho” ankündigten. Führt “Krankheit Als Weg” letztlich in die Naherholungsgebiete, in denen vor den Vogelkäfigen ein Schild mit Aufschrift “Ärzte haben festgestellt, dass Ausgleich suchende Menschen durch das Beobachten von Vögeln heilsam von ihren Beschwerden und Sorgen abgelenkt werden” steht? Ist es eine humoristische Stilübung, das Thema Aufbruch und Freiheit diesmal als Seemannslied mit Cembalo und “Hey!”-Rufen umzusetzen? Oder will “Verbotene Früchte” gar konservativen Öko-Folk heraufbeschwören? Die Bewunderung für Flora, Fauna und den Kreislauf des Wassers (“Der Fluß”) bleibt ein zwar heilsames, aber letztlich hilfloses Staunen vor der Schönheit und Unbegreiflichkeit des Anderen (“Der Fluß bleibt uns fremd und sich selber nur treu”, “Tiere um uns – sind keine besseren Menschen / In ihrer Welt gilt des Stärkeren Recht”), doch Sorge braucht immer noch Zusammenhänge, und die leichtfüßigen “Ja”s dieser Platte heißen noch lange nicht, dass es kein schweres “Nein” mehr gibt: Die Single “Tics” schaut wie die wütenden Protestsongs von “Testament Der Angst” auf die Leute, die “jobben und wohnen / In verkümmerten Zonen” “zwischen Crack und Milchkaffee”, und klingt dabei einmal mehr nach dem perfektionierten halbakustischen Blumfeld-Gitarrenpop Marke “Status Quo Vadis” oder “Eintragung Ins Nichts”. Wie es weitergehen kann? “Komm, wir versuchen es noch mal miteinander / Und helfen uns durch die Nacht”, denn “Was wir tun und lassen, liegt in unserer Hand” (“Atem & Fleisch”). Die Entscheidungen des Lebens sind nicht egal, wir sind frei, und Blumfeld nutzen auf ihrer sechsten Platte ihre (Narren-) Freiheit, um die eigene Geschichte vom Ich und den Umständen in heiterer Gelassenheit mit Boogie, Reprisen, Naturgeschichten, Kunst- und Kinderliedern zu erzählen. Am Ende des Albums fliegt Jochen mit den Raben, lässt sie ziehen und geht aus dem Traum “zurück in die Welt, fort von hier”. Das ist Musik für eine andere Wirklichkeit und stets dem Leben zu.