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Routine allerorten

Blood Brothers Live

Selten erlebt man im eher zurückhaltenden Gebäude 9 eine dermaßen exstatisch rockende Menge, wie bei Konzerten der Blood Brothers. Wenn man aber einen Schritt zurück tritt, offenbart sich die Routine hinter der Hysterie.
Geschrieben am
30.01.07, Köln, Gebäude 9.

Die Vorband – die belgischen White Circle Crime Club – hab ich leider kaum noch zu sehen bekommen. Man sagt ja, zu spät zu kommen sei vornehm, in diesem Fall war es aber eher blöd. Die Jungs haben einen schönen, tanzbaren Disko-Sound gemacht, soviel war noch zu hören. Der Hauptband gar nicht so unähnlich, sofern man sich vorstellen kann, wie die ohne Hysterie klingen würde. Beeindruckt bin ich vor allem davon, wie nonchalant und ohne Rücksicht auf Verluste man mit einem Gitarrenhals auf ein Triggerpad einschlagen kann, wenn gerade kein Drumstick zur Hand ist. Im Nachhinein ernte ich beim Versuch, noch Eindrücke von anderen zu sammeln, die schon vor mir da waren, ziemlich die ganze Bandbreite an möglicher Emotion. Von begeisterten Ausbrüchen bis zur Tirade gehen die Kommentare. Eine Band die polarisiert, das ist gut.

Dann kommen die Blood Brothers selbst auf die Bühne und radieren erstmal alle Eindrücke aus, um den Kopfinhalt für die Dauer ihres Sets mit weißem Rauschen zu füllen. Die Brüder funktionieren wie eine gut geölte Maschine: das Schlagzeug explodiert, die Sänger kreischen sich gegenseitig in immer höhere Höhen und unter all dem der stoische Bass, der mir an den Blood Brothers immer das Liebste war. Das ist aber auch schon das Problem der Band: die immer selbe hysterische Pose zu wiederholen, wirkt unglaubwürdig, wenn man zu routiniert 'rüberkommt. Sie funktionieren – gut sogar – aber inspirierend sind sie nicht mehr. Das ist schade, scheint aber das anwesende Publikum nur in geringem Maße zu stören, der Pit vor der Bühne kocht, Stagediver und Crowdsurfer werden durchgereicht, als würden sie von Fluglotsen koordiniert.

Apropos – ist es nur mein Eindruck, oder geht das Publikum auf Hardcore-Konzerten mittlerweile ganz anders mit Stagedivern um? Mir jedenfalls schien, die Leute seien nicht darauf aus, den Diver zu stützen und zu tragen, sondern ihn möglichst weit von sich weg zu schleudern, damit er woanders herunterkommt. Ohne jetzt den alten Grantler 'raushängen zu lassen – ist das der Sinn der Sache? Von solchen mikrosoziologischen Betrachtungen abgesehen, kann man aber auf einem Blood Brothers-Konzert immer noch seinen Spaß haben. Außerdem haben die Vorband und ihre Tänzer die Luft schon dermaßen verbraucht, dass man in eine Art Höhenkoller aus Sauerstoffmangel kommt. Nu, auch schön.


Mathias Manthe sagt: "Meine Güte, die Burschen werden wirklich immer noch routinierter. Laut, drückend und exzentrisch, das habe ich erwartet, das wurde geliefert. Kleiner Wermutstropfen: Die ganz große Chaoten-Chose wie zu "Burn Piano Island, Burn" ist das heute auch live nicht mehr."

Und Christoph Dorner: "Mir werden die Blood Brothers von mal zu mal routinierter. Indie-Gockel waren sie ja schon immer, aber ein bisschen mehr Raserei auf der Bühne hätte dem Konzert doch gut zu Gesicht gestanden. Geklappt hat das nur beim Übergang von „Trash flavored trash“ zu 'Peacock skeleton with crooked feathers'. Ansonsten gab es alle Genre-Hits mal be-, mal entschleunigt. Den Knaller 'Cecilia and the silhouette saloon' als zerfransten Postrock hätten sich die Brüder als Zugabe aber sparen können. Ich für meinen Teil hatte ziemlich viel Spaß in Block 2A bei den zappelnden Hardcore-Mädchen, bis mich ein herumfliegender Intro-Praktikant per Hinterkopf ausgeknockt hat. Trotzdem: Ein – mit Einschränkungen – geiles Konzert."