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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zwischen Heuballen und Rap

Blond im Gespräch

Heuballen wehen über die Straße, das Wahrzeichen trägt Deutschlandtrikot, und an der »Zentralhaltestelle« verkauft jemand Crystal Meth. Wir befinden uns in Chemnitz. Im Hause Blond gibt es Nudeln mit Soße, ein typisch sächsisches Gericht, und zum Nachtisch Eiskonfekt. Nina Kummer, Lotta Kummer und Johann Bonitz werden heute Abend im sagenumwobenen Club Atomino auftreten – vorher trafen sie sich mit Paula Irmscher.
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Die Hansons von Ostdeutschland tragen ihre Abiball-Klamotten und sind zumindest heute kaum aufgeregt. »Weil wir das Publikum schon kennen«, erklärt Sängerin Nina. »Es schaut uns aufbauend an und feiert uns, egal, was ist.« Hier, in einer der drei Metropolen Sachsens, sind Lotta, Johann und Nina groß geworden. »Wir haben schon als Kinder angefangen, Musik zu machen. Wir haben uns Instrumente aus Pappe gebastelt und so getan, als hätten wir Auftritte«, erinnert sich Nesthäkchen Lotta. Johann ging schon bald in die Musikschule und beherrscht deswegen alle möglichen Instrumente, Nina nahm Gitarrenunterricht bei Karl von Kraftklub, und Lotta lernte Schlagzeug und Rap. Mit den echten Instrumenten kamen auch die echten Auftritte und echtes Publikum. Geld verdienen wollen sie unbedingt mit der Musik, erklärt Johann: »Wir haben gar keine Lust, was anderes zu machen, und ertragen die Härte des Lebens nur so lange, bis wir so erfolgreich geworden sind, dass sich das erledigt.«

Die Liveauftritte von Blond sind bei Fans schon berüchtigt. Nina: »Es geht immer irgendwas schief. Es kommt durchaus mal vor, dass Johann mir den Gitarrenhals gegen den Kopf schlägt. Lotta und ich unterhalten uns immer, und wenn ich was vergeige, holt sie mich raus.« Bei Blond gibt es immer ein paar Coversongs aus unerwarteten Gefilden. Wenn Lotta Nicki Minaj covert oder Nina Miley-Cyrus-Songs schmettert, rasten alle aus. Lotta: »Wir sind ziemliche Rampensäue und werden mit jedem Konzert selbstbewusster. Wir mögen Abwechslung auf der Bühne. Deswegen haben wir eben eine rappende Schlagzeugerin und machen Umbrüche von ernster Gitarrenmusik zu Kanye West, und die Leute denken: ›Hä?‹« Dass es für Frauen auch unangenehm sein kann, auf der Bühne zu stehen, haben die Schwestern leider schon erleben müssen: »Einmal haben uns zwei Typen die ganze Zeit gefilmt und dann immer wieder geschrien: ›Geile Nutte!‹ Man überlegt dann, wie man mit so was umgehen soll. Man ackert sich den Arsch ab und bekommt so eine Reaktion. Für die Musik interessieren sich solche Typen jedenfalls nicht.«
Dass die Musik von Blond durchaus ernst ist, überrascht viele. Nina: »Sie sind beeindruckt, dass junge Leute wie wir Musik machen, die nicht so zeitgemäß klingt. Uns wurde gesagt, wir klingen wie The Cranberries, dabei kennen wir nur den einen Song. Ich stehe vor allem auf Indiekram, Lotta mag R’n’B, und Johann hat den beschissensten Musikgeschmack: düstere Gitarrenmusik. Aber genau aus diesen Sachen setzt sich unser Sound zusammen.« Den Blond-Sound konnte man im letzten Jahr erstmals gepresst auf der selbstbetitelten EP hören. In diesem Jahr soll eine zweite folgen. Der größte Coup in der jungen Karriere gelang Ende Oktober, als die Band im Schrank von »Circus HalliGalli« landete. Lotta: »Die waren supernett und sehr froh, dass auch mal Frauen auftreten. Wir haben sogar eine Choreo gelernt, was sonst niemand macht. Wir sind gern zwischen cool und uncool. Zu Hause haben wir das dann mit all unseren Freunden angeguckt.«

Und Chemnitz? Ist und bleibt Zuhause für die drei. Nina schwärmt: »Man kann sich hier kreativ vertun, und alle helfen sich gegenseitig. Chemnitz ist dankbar. Es gibt nicht alles, und wenn man was machen will, dann baut man das eben auf. Wir wollen keine Stadt, die fertig ist und von der man alles serviert bekommt. Selbstmachen ist anstrengend, aber es lohnt sich irgendwann.« Wenn man sich Blond so anhört und ansieht, scheint dieses »irgendwann« sehr bald zu sein. Tschüss Heuballen!

Blond

Blond - EP

Release: 15.04.2016

℗ 2016 Atomino Tonträger