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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Filzläuse für die Füsse

Blectum From Blechdom

"Eine Snaus ist ein kleines, rattenähnliches Geschöpf, das nur eine Körperöffnung hat: das 'Bitchhole'. Snauses leben in Toiletten, denn sie mögen frische Nahrung ... Sie zerfressen die Zehen von Menschen, das gefürchtete 'Toe biting', und da, wo vorher noch der Zeh war, legen sie ihre Eier." Wer vo
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"Eine Snaus ist ein kleines, rattenähnliches Geschöpf, das nur eine Körperöffnung hat: das 'Bitchhole'. Snauses leben in Toiletten, denn sie mögen frische Nahrung ... Sie zerfressen die Zehen von Menschen, das gefürchtete 'Toe biting', und da, wo vorher noch der Zeh war, legen sie ihre Eier." Wer von einer Snaus befallen wird, dem kann eigentlich nur noch einer helfen: Mallard, eine perverse Ente mit Hang zur Wissenschaft. Mallard hat eine neue Snaus-Gattung gezüchtet, mit zwei Körperöffnungen statt nur einer. Diese Körperöffnungen benutzt die abartige Ente, um ihre sexuellen Gelüste zu befriedigen, und da die Snausöffnungen miteinander verbunden sind, rollen sich die Kreaturen wie ein Gummiring Donut-ähnlich über ihren "Duck-Dick".

Seit ich diese Geschichte gehört habe, bin ich vorsichtig geworden, was den Gebrauch von öffentlichen Toiletten betrifft. Diese Snauses können einem schließlich überall auflauern. Hauptsächlich aber findet man die fiesen Tiere in den Klos in und um San Francisco, in der Gegend also, in der Blectum From Blechdom alias Kevin Blechdom (alias Kristin Grace Erickson) und Blevin Blectum (alias Lorraine Kelley) arbeiten und auf Toilette gehen. Die beiden sind so was wie die Wondergirls der Bay-Area-Electronica-Szene: zwischenweltliche Konzepte, Fäkalhumor und Betreiber der www.booty-links.com-Homepage, auf der man herausfinden kann, ob man mit irgendwem verwandt ist, der einen Freund hat, der schon mal mit jemandem ein Bier getrunken hat, der Sex mit Madonna hatte. Oder so ähnlich.

Bei der letztjährigen Ars Electronica in Linz haben sie für all ihre Aktivitäten, aber vor allem für ihre Musik und ihren Stagedress, die sogenannten "flaming boobs"-T-Shirts, einen der TV-Awards bekommen. Ryoji Ikeda wurde ausgezeichnet, und Blectum From Blechdom durften sich den immerhin mit 5.000$ dotierten Preis für den 2. Platz mit Markus Popp (Oval) teilen. Die erste EP von Kevin und Blevin, "Snauses And Mallards", erschien bereits 1999 bei Kit Claytons Orthlorng-Musork-Label: ein wüster Mix aus Extrem-billig-Synthies, primitivem MSP und Fairytale-from-hell-Konzepten. Aufgenommen, als ihr Projekt gerade mal zwei Wochen alt war. Beim ersten Hören dachte ich sofort an die Obskuritäts-Blaupause von der Westküste: The Residents.

Kevin: "Das haben uns jetzt schon einige Leute gesagt ..."

Blevin: "Ich muss gestehen, ich kenne ihre Sachen gar nicht so gut. Ich hab' mal irgendwann ihre Visitenkarte in einer Bar gefunden, in die wir öfter gehen, The Alley."
Kevin: "Du hast ihre Visitenkarte gefunden? Das ist ja unglaublich ..."
Blevin: "Ja."
Kevin: "Ich mag solche Konzept-Platten, wo die Stücke ganz unterschiedlich sind. Aber ich mag auch Sachen, die "außer Kontrolle" sind. Die Residents klingen mir manchmal zu geplant ..."

Dafür lieben und verehren sie Conlon Nancarrow, den Pionier des Players Pianos, eines automatischen Klaviers, das mit Lochrollen funktioniert, ähnlich einer Drehorgel, wie man sie von der Kirmes kennt. Eine Musik, bei der ich - so interessant sie auch sein mag - nach 15 Minuten hyperventiliere.

Kevin: "Conlon Nancarrow ist unglaublich, ein Gott, er hat digitale Musik gemacht, bevor es sie überhaupt gab. Ich mag hyper-stimulierende Musik, die sich dauernd verändert, und ich hasse Musik, die bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Dieses ganze System von Musik geht mir auf die Nerven, all die Mythen, die die Musikindustrie aufbaut: Musik, die dich durchs Leben begleiten und dir in bestimmten Momenten helfen soll, dich an deine Kindheit zu erinnern, oder dabei, über einen Ex-Freund hinwegzukommen. Vielleicht ist es dumm von mir, aber ich glaube immer noch an eine ultimative Musik der Zukunft. Musik, die über diese Erinnerungsfunktion hinausgeht. Aber wohin sie gehen soll, das weiß ich leider auch nicht ..."

Die Musik von Blectum From Blechdom ist sicherlich nicht die "ultimative Musik der Zukunft". Aber sie schafft sich ihr eigenes tonales und imaginatives System. Grob gesagt: Kevin und Blevin schaffen Fantasiewelten, ihr eigenes kleines Universum voll von Phantasmagorien, Alptraumgestalten und schiefen Tönen. Das Universum heißt wie ihr 2000er-Album: "De Snaunted Haus". "If you get scared, you can call us", steht hinten auf dem Cover neben den Telefonnummern von Blevin und Kevin. Nett, wenn Künstler einem privaten Seelsorgeservice anbieten. Aber das "Snaunted Haus" ist wirklich kein Ort, an dem man sich gerne länger aufhalten möchte. Blevin und Kevin kreischen um die Wette, jammern ihren von Snauses abgefressenen Zehen hinterher, und die Musik dazu klingt wie aus einem C-64-Adventure, in dem es das Ziel ist, mit halbwegs unbeschadeten Füßen durch die Kammer des Schreckens zu irren.

Kevin: "Ja, ist schon eine Art perverses Märchen ..."
Blevin: "Nein, ganz klar Non-fiction ..."
Sascha: "So eine Art Humor findet man bei Leuten aus eurem direkten Umfeld wie Lesser oder Kit Clayton ja eher selten, höchstens bei Stock, Hausen And Walkman oder People Like Us ...
Blevin: "Wir nehmen uns selbst sehr ernst darin, uns nicht ernst zu nehmen ...
Kevin: "Ich sage immer: 'Laughing is the next breathing.' Wenn wir alle irgendwann statt zu atmen nur noch lachen, wird die Welt ein lustiger und schöner Ort. Ich habe auch gehört, dass unser Dickdarm unser zweites Gehirn ist. Und irgendwann wird dann ja vielleicht unser Darm zum Gehirn und unser Arsch zum Mund, und die ganze Welt wird umgekrempelt."

Gute Vorstellung, vielleicht, wenn Mallard dann auch alle Snauses aus dieser Welt masturbiert hat und wir alle im Sommer wieder Sandalen tragen können. Da das aber wohl noch etwas dauert, müssen wir uns vorerst mit der Musik begnügen. Von Blectum From Blechdom ist soeben die CD "Haus De Snaus" (Tigerbeat6) erschienen, eine Compilation, auf der die EP "Snauses And Mallard" und das komplette Album "De Snaunted Haus" enthalten sind. Und dann gibt es auch noch die Kevin-Blechdom-Solo-MCD "The Inside Story". Und wem das immer noch nicht reicht, der findet spätestens auf der fantastischen Website www.kevyb.com genügend Input für weirde Science-fiction-Träume. Und: Blectum From Blechdom haben sich vor einiger Zeit getrennt, sind aber mittlerweile wieder vereint und, wie sie versicherten, "besser denn je" ...