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Mantras gegen den Irrsinn

Black Rebel Motorcycle Club im Gespräch

Die letzten Jahre waren nicht leicht für Black Rebel Motorcycle Club. Doch Robert Levon Been, Peter Hayes und Leah Shapiro sind in etwa so widerstandsfähig wie die robuste Oberfläche ihrer Lederjacken. Davon zeugt auch ihr mittlerweile achtes Studioalbum »Wrong Creatures«, dessen Entstehung nur dank eines starken Nervenkostüms gelang, wie sie Annett Bonkowski erzählten.
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Den äußeren Einflüssen trotzend ist das mit Kerben versehene Leder auf ihren Schultern geradezu bezeichnend für mehrere Schicksalsschläge, denen die Band in den letzten Jahren ausgesetzt war. Sowohl der plötzliche Verlust von Michael Been, dem Tontechniker und Vater von Robert Levon Been, als auch die Diagnose einer Missbildung des Gehirns von Schlagzeugerin Leah Shapiro mit notwendiger Operation stellten den Black Rebel Motorcycle Club in der Vergangenheit mehrfach auf die Probe. Der unerschütterliche Drang, weiterzumachen, blieb jedoch bestehen. Das erklärt Leah beinah schon mit praktischer Weitsicht: »Jedes Mal, wenn wir an einem Punkt sind, an dem alles normal zu sein scheint, passiert auf einmal etwas sehr Bizarres. Das Einzige, was uns in solch einer Situation bleibt, ist der Versuch, innerhalb dieses Chaos’ irgendwie zu funktionieren, auch wenn es uns an den Rand des Wahnsinns treibt.«

Nur sechs Monate nach dem schweren Eingriff bei Leah begann die Band bereits wieder, gemeinsam an ersten Songs zu arbeiten. Im liebevoll von ihnen getauften »The Bunker« in North Hollywood entstanden zwölf neue Songs, die für Gitarrist und Sänger Peter Hayes eine ganz spezielle Eigenschaft in sich vereinen: »Die Sessions waren teilweise sehr ausschweifend. Die Songs wirkten darin wie eine Art Mantra. Mir gefällt dieser Zustand, in dem die Musik völlig von dir Besitz ergreift und anfängt, für sich selbst zu sprechen.« Später im Studio half Produzent Nick Launay dabei, aus den endlosen Jam-Sessions Songs zu formen. Keine leichte Aufgabe, wie Robert schmunzelnd zugibt: »Von jedem Song auf dem Album gibt es mindestens eine zehnminütige Version. ›Ninth Configuration‹ war ursprünglich sogar 45 Minuten lang. Wir kämpfen normalerweise immer mit zwei Extremen beim Songwriting: den ausschweifenden Ideen oder einer relativ kurzen Aufmerksamkeitsspanne.«
Einzige Grundvoraussetzung – egal, ob in Form eines aufbrausenden Anti-Establishment-Statements oder einer empfindsamen Introspektion – bleibt für Robert das im Song mitschwingende Echo: »Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig manche Bands musikalisch leisten. Dabei meine ich allein den emotionalen Beitrag. Ein Song kann durchaus simpel sein und dennoch auf emotionaler Ebene viel auslösen.« Für »Wrong Creatures« schürfte die Band gewohnt tiefgründig im eigenen Inneren und ergründet die dunklen Schatten des eigenen Ichs. Musikalisch gesehen liest sich das Ergebnis wie ein gelungener Exkurs durch die eigene Band-Diskografie, indem die Mitglieder des Black Rebel Motorcycle Club vor allem nach dem Sinn der eigenen Existenz und nicht nach dem nächsten Höhepunkt in ihrer Karriere streben. 

Der mittlerweile ergraute Peter Hayes kommentiert gedankenversunken den Entstehungsprozess des Albums: »Wenn man sich selbst gegenüber aufrichtig bleibt, dann ist jeder Moment des Lebens eine Art Höhepunkt für sich.« Vielleicht ist es genau diese Einstellung inmitten des alltäglichen Wahnsinns, die die Band auf solch bewundernswerte Weise in sich ruhen lässt und gleichzeitig immer wieder vorantreibt. Das von Robert während des Interviews akribisch über den halben Tisch geformte Muster aus Salzstangen zeugt jedenfalls von einem gewissen Zen-Zustand. Er bestätigt die Vermutung mit verschmitzter Miene: »Es ist schön und beruhigend, dass sich die Welt da draußen immer mehr mit den Dingen auseinandersetzt, die uns schon seit geraumer Zeit über all unsere Alben hinweg beschäftigen. Es ist schmerzvoll, aber ich empfinde auch einen gewissen Trost dabei. Wir fühlen uns dadurch etwas weniger einsam auf unserem Weg. Wir sitzen alle im gleichen Boot, was den ganzen Irrsinn auf der Welt betrifft. Allerdings haben wir eine Rockband und können diese als Ventil nutzen. Andere Leute haben nur ihren Bürojob.«

Das Gefangensein im eigenen Ich und der verzweifelte Versuch, aus diesem beklemmenden Zustand auszubrechen, ist auch Thema der ersten Single »Little Thing Gone Wild«, in der es heißt: »Lord you hear me loud into my soul speaker, why won’t you let me out, you’ve got the wrong creature.« Mit tiefen, angriffslustigen Basslines und furchtlosen Gitarrenakkorden rebelliert der Black Rebel Motorcycle Club nicht nur gegen die eigenen Zwänge, sondern vor allem nach wie vor gegen das System und eine Gesellschaft, die diesem bisweilen blind folgt.

Aus der Perspektive einer Band, die unablässig gewillt ist, sich mittels harter Arbeit in Grund und Boden zu spielen, wirkt die kontinuierliche gesellschaftliche Gier nach Erfolg und Reichtum über alle Maßen absurd: »Der neue American Dream dreht sich allein darum, möglichst schnell reich zu werden. Es geht nicht mehr darum, kreativ zu sein, sondern darum, clever das System auszutricksen, um sich anschließend daran bereichern zu können«, bemerkt Robert Levon Been. Statt sich diesem Dasein ohnmächtig zu ergeben, stellt sich die Band diesen Verhältnissen mit »Wrong Creatures« abermals aufopfernd in den Weg und hat auch nach zwei Jahrzehnten nichts von ihrer Durchschlagskraft und Integrität verloren.

Black Rebel Motorcycle Club

Wrong Creatures

Release: 12.01.2018

℗ 2018 Abstract Dragon under exclusive license to [PIAS]

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