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Keine Übertriebenen Erwartungen

Billy Mahonie

Niemand scheint genau zu wissen, wie viele Wagen Hywell Dinsdale in den vergangenen Jahren gekauft hat - am wenigsten er selbst. Drei alte Saabs sind darunter, da ist er ganz sicher. Auch der alte Lieferwagen, der eingekeilt zwischen einem Land Rover und einem Wohnwagen mitten in der ehemaligen Werk
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Niemand scheint genau zu wissen, wie viele Wagen Hywell Dinsdale in den vergangenen Jahren gekauft hat - am wenigsten er selbst. Drei alte Saabs sind darunter, da ist er ganz sicher. Auch der alte Lieferwagen, der eingekeilt zwischen einem Land Rover und einem Wohnwagen mitten in der ehemaligen Werkstatt steht, gehört ihm. Die Fenster sind mit Tüchern verhängt, und im Laderaum liegt eine Matratze. Während draußen der Regen auf rostige Autowracks prasselt und in den Pfützen das ausgelaufene Öl verrotteter Motoren schimmert, ist es in der ehemaligen Werkstatt klamm und kühl. Das gewölbte Wellblechdach leckt neuerdings, und nun dringt die Feuchtigkeit noch ungehemmter ein als zuvor.

Seit etwas mehr als drei Jahren lebt Hywell mit ein paar Freunden in der alten Industriehalle unter den Bahnschienen im Londoner Stadtteil Hackney. The Warehouse wird die fensterlose Welt von Bewohnern und Besuchern schlicht genannt. Hier, in einer winzigen Nische vor dem Eingang zum selbstgebastelten Badezimmer, probt Bassist Hywell mit seiner Band. Hier ist das Heim von Billy Mahonie.

"Nicht eben cool", seufzt Schlagzeuger Howard Monk, wie man eben seufzt, wenn man gerade eine Jugendsünde gestanden hat. Es war seine Idee, die Band nach einer Figur aus dem Film "Flatliners" zu benennen. "Es ist kein besonders guter Film", findet Howard heute, während sein Blick um Nachsicht bittet: Lass uns nicht in alten Wunden rühren. Zu den alten Wunden, die noch nicht ganz verheilt sind, gehört auch Billy Mahonies Liaison mit dem Londoner Label Too Pure. Als Mogwai vor rund zwei Jahren mit ihren formelhaft aneinandergereihten Parts die großen Konzerthallen auf der britischen Insel zu füllen begannen und die Leute in die Plattenläden strömten, hoffte man, die von Radiolegende John Peel gefeierten Billy Mahonie könnten Ähnliches erreichen. Doch deren Debüt "The Big Dig" wurde wider Erwarten kein Megaseller - im vergangenen Jahr trennten sich Label und Band.

Das neue Album, "What Comes Before", erscheint nun auf Southern Records. "Da stehen die Leute wenigstens hinter uns und hegen keine übertriebenen Erwartungen", sagt Howard und sieht für Augenblicke tatsächlich ein wenig beleidigt aus. Musikalisch passt das Quartett ohnehin ausgesprochen gut ins Programm des Labels, das seit Jahren Bands um sich schart, die im Dunstkreis des ungeliebten Schlagwortes Postrock eigenwillige Wege gehen. "Manchmal hapert es in der Zusammenarbeit noch an kleinen Dingen", mäkelt Howard, der Manager, der am liebsten alle Fäden selbst in den Händen hält. "Die vielen Kids, die bei Southern arbeiten, sind zwar sehr enthusiastisch, aber manchmal schlecht organisiert." Ein 30jähriger wie Howard kann sich da schon mal als Senior fühlen, der kleine Pannen mit einem milden Lächeln verzeiht: "Die Hauptsache ist, dass sie von unserer Musik überzeugt sind."

Es ist kaum vorstellbar, dass eine Plattenfirma wie Southern nicht von Billy Mahonies Schaffen angetan sein könnte. Schließlich beschreiten da vier eigenwillige Typen einen gemeinsamen Pfad, der zwar von vielen Einflüssen gesäumt wird, an dessen Ende aber immer noch ein altes Zauberwort in goldenen Lettern strahlt: Rockmusik. Auf dieses Ziel strebt alles zu - Rock ist, was Billy Mahonie im Innersten zusammenhält. Sie schwelgen in Riffs, kämpfen rhythmisch mit Haken und Ösen und verlieren sich in herzzerreißenden Melodien. Anders als etwa Surrogat, die über die Rückkehr zur Rockmusik gerne große Worte verlieren, halten sich Billy Mahonie aus solchen Debatten lieber raus. "Keep it simple", meint Howard, während Gitarrist Gavin Baker auf jede emotionale Distanz pfeift: "Wenn wir spielen, wird mein Körper zu hundert Prozent eins mit der Musik. Ich weiß, das klingt albern, aber so ist das nun einmal."

Hinter soviel verschämter Aufrichtigkeit kann nur noch Wahrhaftigkeit liegen - der Typ meint tatsächlich ernst, was er sagt. Deshalb blicken die Zuschauer im Londoner Club The Garage auch kein bisschen befremdet, als Gavin sich weltvergessen auf die Knie fallen lässt, um ganz und gar im Feedback seiner Gitarre aufzugehen. Was anderswo wie eine billige Pose wirken würde, ist hier nur logische Konsequenz: Wer übermäßig viel Energie freisetzt, darf auch mal in die Knie gehen. Hinter Gavin taumelt derweil Kevin Penney im Takt des eigenen Grooves. Seine Basslinien sind das treibende Fundament, auf dem Hywell, der zweite Bassist, und Gavin ihre musikalischen Eskapaden fußen lassen können. Der eine schwingt die jaulende Gitarre, der andere zeigt, wie es aussieht, wenn jemand im Dreieck springt.

Einige Tage später in Oxford wollen Billy Mahonie etwas zurückhaltender sein. Es ist der letzte Abend der Tour, und am Vortag hat sich herausgestellt, dass Schlagzeuger Howard schon seit fast zwei Wochen mit einer gebrochenen Hand unterwegs ist. Doch von der selbstverordneten Zurückhaltung ist wenig später nichts mehr zu spüren. Schließlich sieht das große Regelwerk des Rock'n'Roll in solchen Situationen einen grandiosen Auftritt vor, den Band und Publikum noch lange in Erinnerung behalten werden. Natürlich spielen Billy Mahonie härter und länger als an den Tagen zuvor. Das ist Stoff, aus dem Rockbands gemeinhin ihre Legenden schmieden. Doch Howard würde die Verletzung am liebsten ganz unter den Teppich kehren: "Es muss ja keiner wissen, warum die Hand gebrochen ist."

Eigentlich hat er damit recht. Es geht tatsächlich niemanden etwas an, wenn ein Gitarrist und ein Schlagzeuger sich prügeln, obwohl sie gute Freunde sind. Doch der Streit und das grandiose Abschlusskonzert verraten viel über die Band: Hywell, Howard, Kevin und Gavin mögen zwar immer wieder in verschiedene Richtungen streben, spätestens auf der Bühne ziehen sie aber wieder an einem Strang. Vier Herzen schlagen in Billy Mahonies Brust, und gemeinsam hauchen die Energiebündel der fiktiven Figur Leben ein. Da spielt es keine Rolle, ob "Flatliners" nun ein guter oder ein schlechter Film war.